Go East, ein autobiographischer Roman

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Go East oder Autobiographisches von Zaubi M. Saubert, erschienen bei Neobooks. In Kürze jährt sich der Mauerfall zum 25ten Mal, was auch Thema von Go East ist; die Auswirkungen des Mauerfalls Anfang der 1990er, beobachtet von dem Ich-Erzähler Zaubi, einem Hannoveraner Architekturstudenten, der Finanzkaufmann wird, der sogar bei Carsten Maschmeyer –hoho- der damals schon eine Insel besaß, bei einer Schulung erleben durfte.

Mir gefällt die amüsante, chronologische, lineare Struktur, mir gefallen die lakonischen Schilderungen, die gewinnen, weil sie gerade kein literarisch geschöntes Bild der deutschen Vorvergangenheit zeigen. In loser Reihung, nimmt mich Zaubi  Finanzkaufmann* an die Hand. Ich begleite ihn durch Halle an der Saale, genauer gesagt, bin oft in HaNeu, einer idyllischen Plattenbausiedlung mit verwirrendem Hausnummernbeschriftungssystem und erlebe die Versuche mit, Fuß zu fassen in einem dem Westdeutschen unbekannten Land. Zaubi Ich-Erzähler hat Begleitung, zu denen auch der kleine Braune, ein Weinbrand zählt, ebenso wie Pfeffie** -nicht der Pfefferkuchenmann. Dabei gerät Zaubi in schöne Begebenheiten, wie einen Beate-Uhse Abverkauf direkt von der Lastwagenrampe, oder: Nächste Ecke Hütchenspieler, Einsatz 100 Mark, eine reelle Gewinnausschüttung findet eher nicht statt. Ereignisse, Begebenheiten und Situationen reihen sich aneinander, dadurch wird mir der Mauerfall jenseits aller 09.11. Betulichkeit beschienen.

Die schönste und traurigste Episode spielt in einer Kaufhalle, direkt nach der Währungsumstellung. Alles schick gemacht, Vorfreude allerorten und tatsächlich, die Kaufhalle ist pünktlich randvoll bis unters Dach voll mit Westprodukten, alles da – auch die Preise scheinen unterm Dach angekommen. Fassungslosigkeit und Entsetzen, denn von den Brötchen bis zum Weinbrand haben sich die Preise verdreifacht – egal, welches Produkt. Das ist Wiedervereinigung zum Anfassen. Und da liegt die Stärke von Go East.

Für ein E-Book wegen seiner Kleinheit immer besonders wichtig, das Cover. Finde ich sehr schön, schwarz/weiß, in Farbe dann nach der Wiedervereinigung. Brandmauer, Lucky-Strike Werbung, ausgeschlachteter Trabant. Sehr schön fertig, viel Aufbruch Ost dabei.

Die Figuren bleiben leider ziemlich blass. Zugegeben, ich bin hier nicht im psychologischen Roman, aber manchmal wünschte ich mir beim Lesen, doch mehr über beispielsweise Horst oder Anita zu wissen, außer, dass sie laufen können und unkompliziert lustige Zeitgenossen zu scheinen sind. Das Wollen aller anderen bleibt außen vor; aber dabei könnten Figuren meiner Meinung nach die Geschehnisse stärker bündeln.

Abschließend:  Der Hauptreiz für mich ist die Stimmung in dem Fragment Go East, die absolut und gut vom Sommer 1990 lebt, von dem Umstand, dass ein Westdeutscher versucht, sich in Halle an der Saale zu etablieren. Manchmal erscheint mir der Blick von West auf Ost als problematisch. Aber war der Blick von West nach Ost nicht damals so?

Das Berufsfeld eines Finanzkaufmanns, ein Beruf, der nicht von der IHK geschützt ist, meint den Verkauf und Vertrieb von Verträgen, z.B. Bauspar-, Lebensversicherung und Ähnliches. Sollte ein Finanzkaufmann klingeln, dann bleiben dem Opfer, ähnlich wie bei einer Hai-Attacke nur Sekunden. Sofort die Tür zuschlagen, denn alles hinter „Ja gut, aber nur zehn Minuten“ wird teuer und im Fall des Versuchs einer Kündigung unerquicklich.

**Zwei Freunde: Brauner und Pfeffie

Wilthener Goldkrone Vanilla 0.7lGreizer Pfefferminzlikör