Abhauen! Protokoll einer Flucht

Michael Zeller, Abhauen! Protokoll einer Flucht, CulturBooks Maxi, 120 Seiten, 5,99 Euro, VÖ: 01.10.2013

Die letzten Lebensjahre sind meist die Jahre, in denen allen alles abverlangt wird, den Alten wie den Angehörigen. Eine schnöde Lebensweisheit, aber auch der Plot von Michael Zellers schönem Maxi-Player Abhauen! Protokoll einer Flucht, erschienen im E-Book-Verlag CulturBooks. Und es wird so schön und so wenig rührselig, gar nicht ins Sentimentale abglitschend erzählt, dass ich gar nicht anders konnte, als sehr berührt zu sein. Ein Sohn erlebt seine Mutter im Verglühen. Biographie umarmt Prosa.

In Abhauen! liegt der Fokus auf der Art und Weise des Mit-Einander-Umgehens zwischen Sohn und Mutter. Die Pflegebedürftigkeit der Alten lässt keine Distanz mehr zu, die beiden müssen sich wieder nahe kommen. Krankenhaus, das letzte Mobilisieren der Kräfte, um ja nur nicht ins Pflegeheim zu kommen, der nächste Schlaganfall, der Malteser-Pflegedienst im Haus, dann wird das Unausweichliche real.

Der Sohn, Ich-Erzähler, ein Mann in den besten Jahren, kommt angenehm mir durchdacht daher, es ist einer, dem ich als Erzähler vertraue,  ein Netter, nicht einer, der die Hinfälligkeit der Alten zur persönlichen Nutzen-Kosten Abrechnung nutzt.

Situationen, Begebenheiten, manchmal wird die Beobachtete störrisch, lehnt sich auf, will ausreißen aus den vorgegebenen Bahnen des Siechtums, die ihr die Schlaganfälle aufzwingen, hängt an den Resten ihres Seins, eher Gefühl als Verstand. „Wo ist der liebe Kleine“ fragt sie beharrlich und meint damit ihr moppelig gefüttertes Hundetier. Als die Söhne ihr erzählen, dass der Kleine in die Schule ginge und viel Hausaufgaben machen müsse, da zeigt sich die Mutter beruhigt.

Aber immer wieder Einbrüche: Solange noch Kraft in ihr ist, wehrt sie sich, zwingt allem und jedem ihre Sicht auf, posaunt Meinungen über den Stationsflur,  peinlich für den Sohn; in seinen Jugendzeiten scheint ihre Einstellung Anlass für heftigste Streits gewesen zu sein. Köstlich ist nicht nur der dicke Hund in der Schule, sondern auch die Situation,  in der sich die Mutter über das schlecht geführte Krankenhaus beschwert; es war noch nie ein Arzt bei ihr, mault sie. Der beunruhigte Junge geht dem Sachverhalt auf den Krankenhausfluren nach, findet den Grund für das Ausbleiben eines Arztes. Es ist eine Ärztin. Nimmt die Mutter nicht an. Frauen sind keine Ärzte.

Die Mutter, die Überpräsente, ihre Unbelehrbarkeit, ihre Borniertheit, stoßen ab und ziehen auch an. Beim Lesen geschah etwas: Ich wechselte mitten in der Lektüre die Pferde. Zuerst war mir der Sohn, der Beobachtende näher, dann zwängte die Mutti nun resolut ihren Fuß in meine Herzenstür. Ich wurde wechselhaft wie Herbstwetter.  Denn wie soll man sich zu einem Menschen verhalten, der alles vergisst? Was sind die Sohnespflichten? Oder die Mutterpflicht, sich anständig zu verhalten?

Manche sagen, jeder Stoff erzwingt sich seine ihm gemäße Form. Hier ist es die epische Machart, die das Verhalten, das Zu-, Mit- und Gegeneinander der Beiden am besten hervorbringt. Und da liegt die Großartigkeit des Autors, des Biographen, dass er mir als Leserin die Freiheit der Empfindung (ähnlich wie bei der beliebten Siebziger-Jahre-Serie Wie würden Sie entscheiden?) lässt.

Die Familiengeschichte der Mutter, die Person des hochverehrten Dr. G. … wird für mich zu spät entschlüsselt. Als der Name des hochverehrten Dr. G … mal raus war, da habe ich es zweimal gelesen, ich dachte, ich sehe nicht richtig. Meiner Meinung nach wurde mir diese Information zu lange vorenthalten, er und sein Bruder wurden als Kinder bestimmt ständig von der unbelehrbaren Mutter mit ihrer äußerst fragwürdigen Verehrung konfrontiert. Da schimmert mir Dramaturgie durch. Ein wenig mehr Biographie, Eckdaten, hätte dem Ganzen nicht geschadet, aber das ist nur so eine Anmerkung, es könnte auch eine Vorliebe von mir sein.

Fazit: Ich habe mich  sehr, sehr gefreut, auf Abhauen! Protokoll einer Flucht, bei meinem Rumgewühle im E-Book-Markt gestoßen zu sein. Auf der Autorenseite von Michael Zeller bei CulturBooks las ich, dass Abhauen! eine Fortschreibung erhält, einen Rückgriff, genauer gesagt. Die Familiengeschichte erweitert sich. Ich freue mich darauf.

„… Nein, Geschenke konnte ich Mutter nicht mehr machen. Erst jetzt spürte ich, welchen Verlust es bedeutet, wenn Menschen diese kleinen bescheidenen Freuden einander nicht mehr bereiten konnten. Unsere Begegnungen waren die schiere Gegenwart, kannten kein Morgen mehr.  Nur noch ein Ostern mit Mutter. Dieses. Ein nächstes gab es nicht mehr. … “ aus: Abhauen! Protokoll einer Flucht, Fundstück aus Kapitel 10.

Ein Gedanke zu „Abhauen! Protokoll einer Flucht

  1. Mika

    Ich finde ja ganz persönlich, dass das Thema sehr deprimierend ist. Ich glaube gern, dass der Autor sein Bestes gegeben und ein wunderbares Prosa-Werk geschaffen hat, bin mir jedoch nicht so sicher, ob ich für eine solche Thematik gewappnet bin … Trotzdem Tania, wieder ein sehr aufschlussreicher Beitrag!

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