Amazon ./. Autoren ./. Alle

Proteste gegen den Goliath des Versandhandels sind nichts Neues, sind auch berechtigt, haben aber die Neigung, geistig zu versanden, denn: kaufen wir nicht alle irgendwie mal bei Amazon? Freuen wir uns nicht alle über die schnelle Lieferung, die schöne Geschenkverpackung, oder darüber, dass wir nix schleppen brauchen? Da fallen mir  direkt die zehn kg Katzenstreu aufs Hirn, ein herrliches Beispiel aus Heike Geißlers großartigem Hörstück Saisonarbeit, das ich jedem, der sich über Amazon so seine Gedanken macht, nur ans Herz legen kann. Zum Beispiel: ‚Fassen Sie den Handlauf an, sie könnten sonst stolpern (und dann fallen sie als Arbeitskraft aus)‘ ist ein bitterböses Lehrstück in Sachen Neoliberalismus.

Essayistisch verarbeitet H. Geißler ihre Erfahrungen mit Entmenschlichung unter Tariflohn, ganz real gibt es noch den offenen Brief an Amazon http://www.fairer-buchmarkt.de/ der den Wirtschaftskrieg gegenüber Autoren und Autorinnen der Bonnier-Gruppe und deren Bücher anprangert. Aber das neueste Kabinettstückchen aus dem Hause Amazon, vorgestellt auf der Frankfurter Buchmesse  ist: die E-Book-Flatrate Kindle Unlimited. Für schlappe 9,99 mtl. kann der User zehn Bücher ausleihen, die virtuelle Leihbücherei soll ca. 650.000 Titel,  die Zahlen variieren, umfassen. So aus dem Bauch heraus würde ich sagen, diese Fickflatrate ist doch eher was für die Freunde der einschlägigen Kost. Aber alle ärgern sich. Zu Recht.

Trotzdem bleibt A. ein Mega-Seller mit häßlichem Internet-Auftritt. Was macht mir persönlich Amazon so bequem, was mag ich an Amazon?

Auf jeden Fall vor Jahren das vordergründig demokratische Gebaren: Du, jeder kann ein Buch herausbringen, auch ohne den Verlagsfilter – Lektorat – Korrektorat – Marketing. So fand und ich finde ich immer noch (zugegeben: es wird weniger) wilde Dinge, die ein Verlag gar nicht rausbringen kann, quere Stücke, die mich amüsieren, berühren, zwei Bücher haben es sogar geschafft, mich zu begeistern. In dem Wust von Amazon mit seinen Top 100, Top 100 kostenlos etc. weiche ich mittlerweile auf E-Book-Verlage aus, es gibt sie und es lohnt sich, zu stöbern. Qindie, CulturBooks, Dotbooks, ChiliVerlag, mikrotext, uvm.

Die Kommentare zu den Buchrezensionen bei A. bereiten mir ebenfalls viel Spaß, es ist, als würde ich durch ein Schlüsselloch spähen, was zwar auf eine schlechte Kinderstube meinerseits schließen lässt, mir aber nix von meinem Spaß raubt – und darum sollte es ja in der Welt gehen –  um Heiterkeit.

Diese Rezensionen sind oft große Klasse, da wird in einem Satz die Welt gerade gerückt, als wäre es ein schief hängender Ölschinken bei Tantchen überm Sofa. Ich erlaube mir, aus Michele W.‘s Rezension zu zitieren; Shades of Grey – Geheimes Verlangen, Band 1.: „… Wenn man Lebensnahe Geschichten will sollte man keine Romane lesen, die sind in meinen Augen nicht dazu da aus dem Leben zu schreiben …“. Dann wäre das endlich auch mal geklärt.

Es gibt Alternativen zu Amazon. Osiander beispielsweise, ein Händler, der ebenfalls über ein großes Buch- und E-Book-Sortiment verfügt, unabhängige E-Book-Verlage vorstellt, Leseproben bereithält und freundlich kompetente Buchempfehlungen ausspricht. Ich fühle mich bei Osiander wie einem Buch-Café ums Eck. Und so langsam nähere ich mich der eigentlichen Frage:  Wofür brauche ich Amazon?

Wenn ich einen Akkuschrauber als Geschenk verpackt haben möchte und mir gleichzeitig noch ein paar Bücher bestellen will, dann meine ich, ist Amazon gut.