Anpassung, von Florian Tietgen

Anpassung, Florian Tietgen, 218 Seiten, Veröffentlichungsdatum: 02.07.2014, Verlag: Qindie, 3,99 Euro

 

Transidentität und 09/11. Das sind die Themen in Florian Tietgens Roman Anpassung. Das Buch beginnt mit dem Geständnis der alleinerziehenden Mutter dem Sohn Mike gegenüber – der gerade gedanklich von einer möglichen ersten Liebe absorbiert ist – was sich nun in ihrer beider Leben alles verändern wird. Alles dreht, alle Figuren drehen und reiben sich an der Geschlechtsangleichung, aus Christiane wird Chris. Die Erzählperspektive ist mit Chris‘ unentschieden vor sich hin pubertierenden Sohn Mike gut gewählt, dass ich Anpassung fast durchweg fasziniert las.

Wenn aus Mutti Vati wird: Das Verhältnis von Christiane/Chris zu ihrem Sohn ist direkt und offen dargestellt, die Geradheit der Schilderungen, die Wucht des Lebensunglücks der Mutter, dass sich dem 16jährigen in dem Kampf um die Anerkennung einer Transidentität der Mutter erschließt, scheint mir unglaublich präzise beobachtet.

Struktur: Eingeschoben in die Jetztzeit sind Rückblicke, die Christianes Leben vom Kind zum Mädchen zur Frau schildern, mit dem Fokus auf dem Empfindens des Mädchens, der, seit sie denken kann, ihr weibliches Geschlecht wie ein großes Missverständnis erscheint. Nachgeordnet schafft Fl. Tietgen auch den Erzählstrang um Mike und seine Schulfreundin Lyra mit dem Thema ‚Erste Liebe, Rohrkrepierer‘ unterzubringen, aber es wird Freundschaft draus. Die Haltung der Außenwelt fliegt mich in Gestalt eines jungen Mädchens an, aber Lyra kam ich nicht wirklich näher. Sie mag Mike, aber doch nicht so sehr, sie bekommt mit, dass Christianes Leben sich bald fundamental ändern wird und – findet das alles gut. Aber an Lyra mache ich auch fest, dass die Umwelt (Freunde von Mike) in dem E-Book Anpassung, so sie von Christianes Transidentität erfahren, unglaublich offen, freundlich und gendergerecht vorbildlich damit umgehen. Wenn ich mir da die Großeltern von Mike anschaue, dann will ich rufen: Ein Hoch auf die Jugend!

Einschränkung: Es ist klar, dass der mächtige Konflikt um Christianes Entscheidung und deren Auswirkungen die anderen Erzählstränge an die Wand drückt.

In Anpassung strahlen die Figuren Mike und seine Mutter, die zum Vater wird, die größte Kraft aus. Ich mochte die Mutter von Anfang an, Chris überzeugte mich durch die Plausibilität seiner Handlungsweisen, seiner Suche nach einem möglichst konfliktfreien Ich; eine beeindruckende Figur.

Den Sohn Mike konnte ich gar nicht nicht mögen. Zugegeben, Mike ist der Sohn einer Alleinziehenden, ihm demnach zuzuschreiben, dass er reifer ist; schon klar. Aber der  Junge erscheint mit seinem Verständnis für das Lebenstrauma der Mutter, mit seiner Gelassenheit und Fürsorge so barmherzig-heroisch, dass der Dalai Lama neben Mike nur zickig wirken könnte.  Oder anders ausgedrückt: Der Jung trägt an seinem Konfliktpotential, das nicht ausreichend genutzt wird, er meckert zwar manchmal, hat auch seine Probleme mit seinem Umfeld, aber bittet man Mike um Hilfe, ist er stets ein so hilfsbereiter Bub wie seinerzeit Timmie bei Lassie oder der Geißenpeter. Und als wäre es dem Autor schwummerig geworden, thematisiert zum Ende des Romans eine Figur sogar die übergroße Hilfsbereitschaft von Mike.

Antagonisten finden wir, das sind die Großeltern, die sich mit dem Dasein des neuen Sohnes nicht abfinden wollen und können; in der Ablehnung des wahren Geschlechts ihres Sohnes entfalten sie eine erstaunlich fiese Bandbreite von religiös motivierten Gemeinheiten.

 

Die Spielzeit: Die Beichte der Mutter, dass sie bald Vater sein wird, fällt auf den 11.09.2001. Dieses Datum ist mit einer solchen Bedeutung aufgeladen, dass ich beim Lesen immer in Erwartung, wie sich 9/11 mit der Erzählung verschränken kann. Mir persönlich war meine eigene Bilderwelt von den Flugzeugen, die in zwei Türme krachten, zu wuchtig, zu weit weg von einer intimen Geschichte um eine tiefgreifende Veränderung und deren Folgen. Auf der einen Seite ist da Christianes Entschluss, zu ihrer Transidentität zu stehen; auf der anderen Seite die Flugzeuge, die Türme, ich bemerke die Metapher zu Ereignissen, die nicht unumkehrbar sind. Denn ich meine: Das endlich echte, das neue Leben von Chris ist ein Positives, 9/11 mit seinen verheerenden Folgen hat für eine unzählbare Menge Menschen nichts Positives bewirkt.

Warum Anpassung lesen? Ich habe dieses Jahr nichts Vergleichbares auf dem Nachttisch gehabt, das mich so berührte. Ich kann diese intelligente, gerade geschriebene Geschichte nur wärmstens empfehlen – und das, was ich nicht so 100% fand, wird einen anderen Leser vielleicht gar nicht stören. Das Riesenplus ist die Thematik und die Bewältigung desselben.

3 Gedanken zu „Anpassung, von Florian Tietgen

  1. Mika

    Sehr schöne Rezension, Tania! Jetzt bin sogar ich neugierig geworden, obwohl mir derlei Themen gewöhnlich nicht auf den Lesetisch kommen.

    Aber mal eine Frage nebenbei, versteht sich Qindie als Verlag? Das ist zwar ein wenig Off-Topic, würde mich allerdings trotzdem interessieren. ;)

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      1. Mika

        Ah, okay. Ich hatte die Autorengruppe nie so gesehen, daher fand ich das ganz interessant. Ist ja auch eine gute Sache, was sie dort machen.

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