»Orientierungslos« von Stephanie Drescher

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Seiten 203 ISBN-13 978-3-8476-7696-6 Veröffentlicht am: 24.02.2014 Aktualisiert am 11.04.2014

Logline: Orientierungslos ist ein Krimi, bzw. Thriller, Spielort die deutsche Hauptstadt der Jetzt-Zeit. Hauptakteurin ist die Journalistin Julia van Sauten, die es sich nicht erklären kann, warum sie mit der Tatwaffe in der Hand neben einer Ermordeten, deren Fußsohlen tätowiert sind, im Grunewald gefunden wird. Die entsetzte Julia ist voll mit blauen Flecken und –wie eine spätere Blutanalyse zeigt – bis unter die Hutkrempe voll mit LSD. Der gut gestaltete Auftakt des Romans Orientierungslos beginnt mit einer Befragung, die Tim Sander, Kriminalkommissar mit der nicht orientierungslosen, aber schwer verwirrten Julia van Sauten führt. Der Journalistin dämmert, gerade wegen ihrer Amnesie die letzte Nacht betreffend, dass sie in einer üblen Lage steckt … .

So beginnt der gut gestaltete Auftakt von Orientierungslos. Fräulein  van Sauten befindet sich in einer Lage, die seit König Ödipus als der dramatische Musterfall der Ermittlungen gilt. Ein unwissender Täter ermittelt mit dem Ziel, einen Verbrecher oder Mörder zu finden, etwas aufzuklären, sich von vermeintlicher Schuld reinzuwaschen. Bis die Ermittlungen sich gegen ihn richten. Die junge Journalistin beginnt, sich selbst auf die Spur des Mordes hin zum Mörder zu begeben, ihre Triebkraft ist der natürliche Wunsch, sich zu entlasten. Darüber will Julia Antworten auf Familiengeheimnisse. Und natürlich treibt Julia, die von der Autorin auch als Ehrgeizling gezeichnet wird, die Frage um: War sie einer großen Story auf den Fersen? Wenn ja, welcher? Welchen Bezug hat ein vor Jahren geschehener Mord an einem Kind? Und ein verurteilter Täter, der immer beteuerte, dass er unschuldig ist?

Stephanie Drescher schafft es, durch Konflikt plus pittoreske Schauplätze eine schöne Schubkraft zu erzeugen. Und es entsteht eine Vorwärtsspannung, wobei ich als Leserin die Gesamtmenge aller Teile bewegen darf. Die schnelle Dialogführung tut ihr Übriges. Manchmal hatte ich in der Sprache einen Anflug von Drehbuch, aber ich mag das gern, die Aussparung von Unwesentlichem – das halte ich nicht nur bei einem Krimi für vorteilhaft.

Der Ermittler Tim Sander, der ein wenig lustlos ermittelt, aber die Hauptverdächtige irgendwie mag, ist nicht nur im Privatleben Migränepatient. Ich persönlich hätte mich nicht an einem Ermittler gestört, der zur Abwechslung mal so normal wie Kommissar Maigret oder meinetwegen Miss Marple wäre. Ich bin ein wenig ermüdet von den ganzen Versehrten, die gebrochen die Seite des Rechts repräsentieren. Es würde mich nicht stören, wenn diese Mode ihren Zenit überschritten hätte. Mit der Julia van Sauten hat die Autorin mir eine Figur erschlossen, die ich am Anfang nett unsympathisch fand. Und da mir schnell klar gemacht wird, dass Julia den Mord nicht begangen haben kann, tut sie mir leid, bin ich bei ihr, obwohl die Frau außer einem hochfahrenden, schnippischen Wesen noch so an einigem trägt, dass aus ihr keine Spitzen-Kandidatin für die Top-10-Beste-Freundinnen-Liste macht. Aber dann öffnen sich die Figuren und es ist zu merken, dass hinter dem Erwartbaren Menschen in den Talsenken ihrer Psyche hausen.

Berlin. Wer sein Mordopfer im Wiener Blut arbeiten lässt, der sollte sich schon auskennen in der Stadt. Das tut die Autorin. Konnte in Gedanken die Ecken nachfahren, wie der Kommissar auf dem Fahrrad zum Urban-Krankenhaus. Schön.

Cover: Bedenkliche Waldstimmung. Zwar wird die Julia ohne Erinnerung im Grunewald gefunden und der Mord findet auch im Wald statt, aber es ist ein Großstadtroman, daher finde ich diese Urzeitfarne vllt. nicht ganz richtig gewählt, aber das könnte auch Geschmackssache sein.

Zusammenfassend: Ein grausamer Mord im Grunewald und ein nur scheinbar gelöster Mordfall vor Jahren, das alles vor Berliner Kolorit, rau anmutend, mit einer schönen Dialoghaltung. Ich las Orientierungslos gern, weil es sich behutsam einem Verbrechen nähert, das unter dem Register die Schuld der Väter laufen könnte. Ich war erfreut, im EBook-Krimi-Bereich ein Machwerk zu finden, dass ohne übelste Psychopathen (…ich bin doch nur wegen Mutti so zu Frauen!…) auskommt. Für mich einer der Mit-Haupt-Pluspunkte ist auch die gut recherchierte Berlin-Szene ohne aufgepfropfte Hauptstadt-Feier-Mentalität. Nörgelei: Die Möglichkeit für Kürzungen scheint mir gegeben.