Der hackende Coyote

 

Cover – Alan Mills – Hacking Coyote

Ich beginne mit dem Fazit: Eine aufmunternde, manchmal nicht ganz ernst gemeinte Lektüre zum Netz, auch zur Wirkweise des Internets auf uns. Ein Essay, in dem es um uns geht, um das Wir, das überwältigt vor dem Bildschirm sitzt, das Wir, das etwas sucht,  und nach fünf Minuten Bildschirmaktivität vergessen hat, wonach. Und dann gibt es Hacking Coyote, ein wer, ein was, das das Internet als den letzten revolutionären Ort nimmt, in dem sich quasi jeder erst mal auf Augenhöhe begegnet. Alan Mills ist der Autor, der das Netz als einen Ort denkt, in dem Dinge subversiv hinterfragt werden können. Vielleicht ist das Netz aber auch der Ort, der … als zufällige Begegnung zwischen einem Regenschirm und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch   … (Andre Breton) beschrieben werden kann?

 

Es soll nicht um Surrealisten gehen, es geht um Alan Mills und  Hacking Coyote, erschienen am 22. 09. 2016 im mikrotext -Verlag. Was sagt der Autor zu seinem Werk: „Dieser open-source Codex will die heutigen Informationsschmuggler mit den Rauchsignalen ihrer Totem-Tiere in Verbindung setzen.“   Schon richtig, ich würde erklärend hintansetzen, dass H. Coyote ein Essay, Feuilleton, manchmal eine Polemik ist, mit einer Unmenge an literarischen Verweisen. Es macht Lust, den mäandernden Gedankenströmen,  Reflexionen, die Hacking Coyote ausmachen, zu folgen. Coyote, der Titel, Fuchs nun oder Coyote, woraus sich auch der Anlass des Schreibens dieses Essays erklärt. Der Fuchs in den Äsopschen Fabeln oder der Coyote bei den Winnebago-Indianern ist eine mythische Figur, eine ambivalente Figur, freundlich und verschlagen, liebenswert und gewissenlos. Die Besonderheit dieser Figur ist, dass sie reift. Gewissen erlangt, weil sie lernfähig ist. Und das gilt ganz sicher auch für diese Art von Netz, vor dem ich immer sitze.

Dieses Hacking– Essay ist Punk, der Autor lässt sich nicht auf einen Punkt festnageln,  meine Gedanken waren über der Lektüre mittlerweile so weit abgeschweift, dass ich überlegte, wie ich Hacking Coyote und diese widerwärtigen Phänome Troll und Hater zusammenbringe, daneben fiel mir wieder ein: wie das Netz Sprache verändert. Wie im Netz Schriftsprache oft als gesprochenes Wort angesehen wird, obwohl die Erscheinungsform die des geschriebenen Wortes ist. Vielleicht finde ich Gedanken und Überlegungen dazu in Hacking Coyote, Teil zwei oder drei. Und das scheint mir wichtig bei H.Coyote, das als Vortrag bei der diesjährigen re:publica begann, dieses Essay assoziiert mitunter recht frei und genau dazu sind auch die Lesenden eingeladen.

Auf jeden Fall bietet Alan Mills eine anregende Lektüre, denn er setzt das Netz und noch wichtiger: Netzaktivismus mit so ziemlich allen bekannten Kulturformen und -ausprägungen gleich, von denen ich las. Nach einer grundsätzlichen These wird vergeblich gesucht, nach Einrede, Gegenrede auch. Hacking Coyote war für mich eine gelehrte und unterhaltsame Achterbahnfahrt. Danke!

 

Alan Mills, Hacking Coyote, erschienen am 22. September 2016, ca. 170 Seiten auf dem Smartphone, ISBN 978-3-944543-38-3

Erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia und im Buchhandel.

Lesungen:
30. Oktober 2016: Workshop beim Stadtsprachen-Festival zu technologies of writing, Berlin
4. November 2016: Lesung beim Stadtsprachen-Festival Poetry and Polyphony, u.a. mit Binyavanga Wainaina, Rudolf Kollektiv

 

Stein, Papier, binäre Codes

Einen Kaffee, ein Croissant und dieser lesenswerte Artikel – ergibt einen schönen Samstagmorgen.

comparaison d'être

Gedanken über E-Books – zum sinnlosen Streit, ob Bücher trotzdem besser sind, über Publikumsverlage und ihre Beziehung zum Digitalen und eine Vorstellung meiner drei liebsten Indie-E-Book-Verlage.

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Es ist noch nicht lange her, da haben nicht nur echte Bibliophile, sondern auch einfach konservative Leser mit verknitterten, vergilbten Taschenbuchausgaben in Händen auf E-Books und ihre Leser eingehackt: E-Books seien hässlich, das sei ja gar keine Buchkultur, aber das passe ja auch, denn E-Book-Leser seien ohnehin kulturlos, wo bleibt da überhaupt die Haptik (von der vorher nie jemand gesprochen hatte) und immer so weiter. Als digital Lesende*r fühlte man sich herausgefordert, trotzig Tocotronics Digital ist besser anzustimmen, oder, je nach Situation, ein beschwichtigendes „Don’t hate – appreciate!“  hinüber zu werfen. E-Books wollen doch die Verlagswelt nicht in Schutt und Asche legen, sie wollen lediglich ein anerkannter Teil derselben sein.

Die restaurativen Printliebhaber scheinen weniger oder leiser zu werden, aber sie sind ja auch…

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Digitaler Herbst

Vorfreude ist ein großes Glück oder die omihafte Betrachtung des Seins. Gestern ist mir ein Lindenblatt auf den Kopf gefallen. Die Lesezeit beginnt.

Ich habe bei Digitalverlagen nach Buchvorschauen gestöbert; und hier die, die sich nach der Aufmachung und den Leseproben so anfühlen, als könnten  sie mir großen Spaß machen.

header_variante6In der Verlagsvorschau von Culturbooks gibt es zwei Titel, die ich lesen möchte: Schmutz, Katz & Co von Carlo Schäfer, ich hatte bisher die Leseprobe, Lehrer Dr. Katz .  Ein ganz verstiegener Humor, lakonisch und sarkastisch, aber C. Schäfer verrät seine Figuren nicht, er setzt sie nicht dem Lachen aus, er zeigt mir Menschen, in Lehrer Katz eben eine Familie, die so ist, wie sie ist. Und dann bin ich bin schon mehrfach über den Namen Amanda Lee Koe gestolpert, auch über den interessanten Titel ihres Erstlings: Ministerium für öffentliche Erregung. Lee Koe ist Literaturredakteurin bei Esquire und hat mit ihrem Ministerium für öffentliche Erregung Preise gesammelt wie andere Fliegenpilze. In ihren Stories nimmt sich Frau Lee Koe ebenfalls den Außenseitern an, den mehrfach Gescheiterten, aber immer noch Hoffenden, so die Verlagsankündigung. So wie Carlo Schäfer. Ich werde beide lesen. Erscheinungstermin vom Min. für öffentl. Erregung ist der 04. Oktober 2016.

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Die Frohmann-Herbstvorschau: Für die Freunde der 140-Zeichen-Kunst wird am 17. September ein schöner Tag anbrechen. Frohmanns erster Band der Printreihe KLEINE FORMEN eröffnet mit Sitze im Bus von Claudia Vamvas. Zusätzlich zu den Kleinen Formen gibt es die Vorzugsausgabe für die Leserinnen/Unterstützerinnen, die die Reihe über Crowdfunding unterstützten. Weiter geht es am 30. September mit der Generator-Reihe des Frohmann-Verlages mit der langersehnten,  finalen Version von Code und Konzept, eine Anthologie zu konzeptueller und digitaler Literatur; Herausgeber ist Hannes Bajohr. Und ein Messetermin: 19. bis 21. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse findet wieder der Orbanism Space, der offizielle Digitaltreffpunkt, statt. Kuratoren: Christiane Frohmann und Leander Wattig. Der diesjährige Schwerpunkt lautet: Die Facetten des Live-Publishing. Und ich freue mich, gelesen zu haben, dass auf der Buchmesse die 1000 Tode-Reihe ihre Fortsetzung findet.

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mikrotext: Der Reigen der Neuerscheinungen bei mikrotext startet mit dem Titel Hacking Coyote von Alan Mills. Es geht um Formen und Mittel des Widerstandes, auch aus dem digitalen Raum. Für seine Überlegungen wählt Alan Mills die Form des Essays, die Erscheinungsform von Hacking Coyote ist angenehm digital. Bisher von Alan Mills erschienen; hier.  Im Oktober wird bei mikrotext der Titel Wo der Teufel wohnt, erscheinen. Die Journalistin Nadine Wojcik geht einem neuen polnischen Trend, der Teufelsaustreibung nach. Vegetierten vor Jahren vier kirchlich bestallte Exzorzisten in Polen herum, sind es heute schätzungsweise 130 Kirchenangestellte, die alle Hände voll zu tun haben, den Teufel auszutreiben. Was ist da los im Nachbarland? Ich warte dringend auf den Oktober. Und noch eine angekündigte Neuveröffentlichung bei mikrotext:  Jan Fischer mit Audrey & Ariane. Ein junger Mann, der als Souvenirverkäufer in Disneyland arbeitet, gerät in Bedrängnis. Die Frage ist: Haben Audrey & Ariane etwas damit zu tun?  Bisher von Jan Fischer erschienen; hier.

Bei Rowohlt Rotation, dem jüngsten, digitalen Kind der Rowohltfamilie, ist mir das Drehbuch zu dem Roman von Herrndorf,  Tschick aufgefallen. Die Drehbuchfassung schrieb Lars Hubrich, sie war Vorlage für Fatih Akins Verfilmung. Eine gute Idee, Drehbücher digitalisiert anzubieten.  Daneben fällt das Herbst-Programm bei Rowohlt Rotation, eigentlich spezialisiert auf kurze Texte für den digitalen Leser, bescheiden aus. Nichts Anregendes im Herbstprogramm, aber: die Gesamtschau lohnt, denn es lassen sich Titel von namhaften Autoren finden, die nicht mehr verlegt werden, oder Betrachtungen, Kurzgeschichten, Essayistisches, die zu kurz für Print sind.

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Der Verlag Das Beben, die unerhörte Elektro-Novellen anbieten, hat mit Frühjahr- und Sommerkollektionen wenig am Hut. Das Beben veröffentlicht, wenn gute und passende Manuskripte hereinkommen und die Verleger neben ihrem Brotgeschäft Zeit für das Buch-machen finden. Aber die zuletzt erschienen Bücher vom Beben sind wie (fast) immer erwähnenswert: Der Chor der Anarchie von Gecko Neumcke und Stephan Strzoda. Der Chor der Anarchie ist eine Utopie, die von spanischen Anarchisten in Südfrankreich handelt, von einer Kommune und der grundsätzlichen Lust, die Welt zu verändern. Lesenswert. Auch erschienen: Järngard, Der Fluch des Erzes, von Ruben Philipp Wickenhäuser, eine düstere Novelle um ein liebes Aussteigerpärchen in Schweden.

Shelff. Ich mochte die Istanbuler Notizen von Mely Kiyak sehr, seit den Ereignissen  dieses  Sommers fast historische Notizen aus der #gutenaltenzeit. Aber Neuerscheinungen sehe ich bei shelff nicht. Schade.

Das sind die Bücher, auf die ich mich freue.

Mehr Feminismus: C. Ngozi Adichie

u1_978-3-10-403523-9Mehr Feminismus. Ein Manifest und vier Stories. Mein Anlass, mich dem Manifest und den vier Short Stories dieser hervorragenden Schriftstellerin zu widmen, war das Urteil, dass gegen Frau Lohfink erging. Ich las auch deshalb Mehr Feminismus, weil Richterspruch, Zeitungsartikel, besonders aber Kommentare unter Internet-Artikeln viel von der gesellschaftlichen Bigotterie und dem Hass auf nichtkonforme Frauen blicken ließen. Ich war fassungslos über Kommentare, in denen die Meinung bespielt wurde, dass eine Schlampe eben nicht zu vergewaltigen sei. Es wurde in einer Art und Weise über eine Frau gerichtet, die mich mehr als betroffen machte. Was mich auch stutzig machte, war eine Auffassung, die von etlichen Teilen der Gesellschaft wurde, die ich überwunden glaubte – die von der Ungleichheit der Geschlechter …

Das war der Auslöser, Chimamanda Ngozi Adichie, ihr Manifest und ihre Short Stories zu lesen,  erschienen im Fischer Verlag als E-Book. Eselsohr: Korrigieren muss ich noch meine naive Auffassung, dass Recht nicht statisch ist, sondern eine Haltung und Lebensweise, die immer wieder behauptet, im schlimmsten Fall erkämpft werden will.

Zum Buch: Im Manifest beobachtet das KinderIch Adichies Frauen, Mütter, Tanten. Eine Tante sticht besonders heraus, Tante Chinwe, die Bewundernswerte, die sich darin aufopfert, es allen recht zu machen – bis der gar nicht so kindliche Blick wahrnimmt, dass ein Ideal zu sein auch seinen Preis hat. Die Tante ist entzaubert. Als Teenager weist Adichie der Tante die Schuld an ihrem Sein zu, erst später wird ihr klar, dass die Gesellschaft stark schuldhaft ist, „…das es Kräfte in der Welt gab, die Frauen veranlassen, sich selbst klein zu machen. Tante Chinwe hat mich gelehrt, dass Reichtum nicht vor diesen Kräften schützt. Ebenso wenig Bildung oder Schönheit. Sie half mir bei der Entscheidung, meine Weiblichkeit als die glorreiche und komplexe Sache auszuleben, die sie ist. … „

Chinechelum, Dozentin für Literatur in Neuengland, soll in Der Schmerz Fremder,  nach einem neun Jahre zurückliegenden Unglück wieder am Leben teilnehmen. Ihre besorgte nigerianische Mutter, die nur das Beste für die Tochter will, also einen Mann, nötigt die Tochter, auf Brautschau zu gehen. Noch ist die Ich-Erzählerin Chinechelum Opfer ihrer traurigen Vergangenheit, eine Geisel mütterlicher Erwartung, Mitwisserin um traurige, entwürdigende Lebensläufe in der Diaspora. Gerade als ich mich frage, warum bricht die Hauptfigur nicht aus? Ist sie eine Puppe? Sind die Zwänge, die Chinechelums Umwelt für sie bereithält, nicht Anachronismen, von denen sie sich befreien sollte, überholt, weil sie sich von traditionell nigerianischen Strukturen weit entfernt hat?

So einfach macht es sich Adichie nicht, sie dreht den Konflikt und das Dilemma, in dem sich Chinechelum befindet, nein, genauer: sie erweitert den Konflikt: Denn die Umwelt, in ihrem Fall die weiße Umwelt, hat ebenfalls stereotype Erwartungen an die junge Literaturdozentin, wie das Mittagessen mit einem netten, älteren Herren der Oberschicht beweist.  Hatte ich mich am Anfang noch in der Geschichte ein wenig gelangweilt und wollte sie schon abtun als eine dieser Geschichten, in denen Eine/r der Mehrheitsgesellschaft versucht, eine andere Kultur nahezubringen, war dieser Dreh wuchtig. Es zeigte sich: Eine Frau umstanden von Erwartungen. Diese Short Story zu lesen war wie Rückwärtsgehen in der Moderne.

Mein Fazit: Auch die anderen Kurzgeschichten, die ich las, sind kurz genug, um sie in die Bahn mitzunehmen, aber gehaltvoll genug, um mich länger damit zu beschäftigen. Im Allgemeinen dreht sich alles um das Sein, um unser Bewusstsein in einer Welt, die schön schrecklich ist. Auch um zugewiesene Rollen auf jeder Ebene. Wie der und die Einzelnen in den Geschichten mit ihrem Leben umgehen, ist nuanciert, gradlinig und schnörkellos geschrieben. Ein Gewinn.

 

Über die Autorin: Chimamanda Ngozi Adichie wurde 1977 in Nigeria geboren, lebt in Lagos und den USA.  Ihr Roman ›Blauer Hibiskus‹ war für den Booker-Preis nominiert, ›Die Hälfte der Sonne‹ erhielt den Orange Prize for Fiction 2007.  Mit ›Americanah‹, gewann Adichie den Heartland Prize for Fiction und den National Book Critics Circle Award.

Literaturpreise:

The Chicago Tribune 2013 Heartland Prize for Fiction
National Book Critics Circle Award for Fiction 2013

Hier die Leseprobe

Ich <3 SelfPublisher

14045331_10210385363409659_803640781_oJa. Denn es gibt wohl kaum eine Berufung, über die mehr gelächelt, gelacht oder gespottet wird als über den gemeinen SelfPublisher und seine Schreibwut. Außer vielleicht noch über Buchblogger, die Sternenstaub oder eventuell magische Runenzeichen auf der Webseite haben. Die finde ich auch toll. Denn ich mag fast alles, das mit Freude und Begeisterung betrieben wird.

SelfPublisher setzen sich hin und schreiben. Da ist dann ein Ding im Entstehen, von dem er meint, dass es das mögliche Gegenüber zum Lachen und Weinen, mindestens aber zum Schmunzeln bringt. Der Schreibende ist sich in jeder Phase seiner Kreativität und mit jeder Faser seines Seins sicher, etwas Unglaubliches abzuliefern. Hängt er oder hadert er mit seinen Figuren oder mit dem Plot, dann gibt es viel Trost und Zuspruch in vielen Internet-Gruppen und Foren.  Da lache ich nicht, dass ist der normale Weg von einer Idee zum Buch – manchmal gelingt es sogar.

Auch deshalb lese ich gern SelfPublisher, ich liebe die Verrückten, die ihre Freizeit, Geld, viel Schweiß und Nachtruhe in etwas investieren, das erst einmal nur ihnen am Herzen liegt. Das ist ein emotionaler Grund, es gibt aber noch mehr: Hier habe ich es oft mit Stoffen im Rohzustand zu tun, die noch nicht auf die Frage getrimmt wurden: WAS IST DEIN ZIELPUBLIKUM? WAS IST DEIN GENRE? WIE VIEL SEITEN muss dein Buch haben bezogen auf dein Genre … diese Marketing- und Vertriebsmaßnahmen, die in ein Werk eingreifen, und viel von dem formalistischen Zeug fallen weg, so dass ich viel über das Anliegen, das ein Buch entstehen lässt, lese.

Hier einige interessante Werdegänge von Self-Publishern:

img_calais_cover-400x600Der Streetworker, Schulleiter und Autor Hammed Khamis brachte 2014 sein erstes Buch als Self-Publisher heraus,  einen biographischen Titel,  Ansichten eines Banditen – Das Schicksal eines Migrantenjungen, dem seine streckenweise rohen und unfertig wirkenden Passagen einen Authentieschub verleihen. Da wird eine Beichte zum Buch. 2016, dann,  I’m not animal. Die Schande von Calais das nächste Romanessay, ein Protokoll darüber, wie es ist, ein von der Weltgemeinschaft ausgestoßenes Wesen zu sein. Ich rezensierte da Buch und  merke jetzt beim Schreiben, dass viele Szenen aus dem Buch in mir immer noch nachhallen. Die Kirche im Lager, die Restaurants, die vielen Schicksale, die durch Khamis ein Gesicht bekommen. Da ist kein Reporter auf Durchreise, da ist einer, der sich seinem Gegenüber widmet, denen eine Stimme gibt, die an Zügen entlanglaufen und versuchen, aufzuspringen. In I’m not animal treten mir Menschen entgegen. Amjad aus Libyen, der sich im Dschungel ein zweistöckiges Haus aus Holzpaletten baute. Das Haus hat mich sprachlos gemacht, denn die Initiative, etwas Dauerhaftes im Temporären konstruieren zu wollen, heißt Hoffnung. Wie die Plastikkirche, die heißt auch Hoffnung. Und dann gibt es noch die Afghanen, die im Lager Läden und Lokale betreiben, Menüs anbieten. Im pakistanischen Späti, kann man Zigaretten für zehn Cent kaufen, der so Arbeitsplätze schafft. Und dann gibt es noch Prostituierte für zehn Euro und einen Flüchtlingsfriedhof auf dem Friedhof, auf denen die Gräber sehr oft keine Namen, sondern Nummern tragen.

Einem anderen Self-Publisher war das Glück nicht so hold. Krimiautor Frank Wündsch, hatte nicht den erhofften Erfolg mit seinem Buch Bier, Geld und Tomaten. 2008 zuerst bei Amazon erschienen, 2013 im Engelsdorfer Verlag relauncht. Leider ist der Engelsdorfer Verlag ein Druckkostenzuschussverlag, ob Herr Wündsch deshalb an einem kalten Januartag in einer Leipziger  Sparkasse auftauchte, wo er geschwind mit Waffengewalt 40.000 Euro erbeutete, das weiß ich nicht. Herr Wündsch ist zur Zeit für viereinhalb Jahre in Haft, denn das Gericht befand, dass sich sein Self-Publisher-Roman  wie eine Blaupause zu dem geschehen Überfall läse.  Herr Wündsch bedauert seine Tat aufrichtig und kündigte einen neuen Roman an. Ich wünsche ihm viel Glück und werde das Buch gern besprechen.

Die Tränen der Hexen2015 kam Uwe Grießmann mit seinem Buch Die Tränen der Hexen als Self-Publisher heraus, dass schnell bei Amzaon unter die Top50 kam. Dieser historische Stoff, der zur Zeit der Hexenverfolgung in Goslar spielt, weckte Interesse bei einem Verlag, auch, weil er kenntnisreich und leidenschaftlich geschrieben ist. Tanja Litschel ist mir wie zum ersten Mal mit ihren Krimis bei neobooks aufgefallen. Früher SPlerin, schreibt sie jetzt für die midnight Reihe der Ullstein Buchverlage. Ich gebe es zu, die großen Verlage mit ihren outgesourcten E-Book Dependancen schrecken oft ab, denn dort ist in der Regel unglaublicher Trash vertreten. Da tummeln sich Titel, die außer einem oberflächlichen Lektorat und einer schlampigen Covergestaltung eher keine Behandlung erfuhren – weil sie es auch nicht verdienen. — Tanja Litschel ragt mit ihren Regionalkrimis wie Traubenblut aus der Masse heraus. Nicht zuletzt durch die Figuren, die aus anfänglicher Typisierung heraustreten und eine Motivation offenbaren, wie auch durch den Plot, der über seine realen Orte und historischen Gegebenheiten eine Verbundenheit der Autorin mit ihrem Werk vermuten lässt.  Auch hat Frau Litschel sich über Polizeiarbeit Gedanken gemacht, sie versucht eine mangelnde Fachkenntnis nie durch unappetitliche Gräueltaten zu verschleiern, wie einige ihrer Ex-SP-Kollegen.csm_9783958190788_cover_ba73721cd1

Ich resümiere: Es bleibt spannend mit den Self-Publishern. Durch Foren, Leseplattformen und Communities bekomme ich Stoffe zu lesen, an die ich nie herangekommen wäre. Ich verstehe, dass es für die meisten SPler das höchste Ziel ist, einen Verlagsvertrag zu ergattern, der Grund liegt in den vielfältigen Anforderungen hinter dem Schreiben. Marketing, Werbung und Vertrieb. Nichtsdestotrotz: Bei Verlagen muss es immer um das Zielpublikum gehen, bei SelfPublishern nicht. Also Danke, ihr lieben Self-Publisher.

 

 

Eingereichte Titel

Die Leseliste für den Bloggerpreis wächst und wächst.

In der folgenden Liste findet ihr alle für den Preis eingereichten Titel. Die Liste wird nicht alphabetisch geführt, sondern nach Eingang der Bewerbung. Sie wird regelmäßig aktualisiert.   Ann…