Jan Kuhlbrodt sinnt Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

 

Dieser neue mikrotext widmet sich der Frage: Brauchen digitale Formen ein neues Leseverständnis wie einen neuen Schreiber? Wäre Nietzsche heute ein Blogger, ein Instagramer gewesen? Braucht es ein neues Schreiben und ein neues Leseverständnis für die digitalen Kulturen?

Jan Kuhlbrodt reißt in seinem Essay Fragen an, die interessieren. Wie das Befassen und Verfassen besser zu begreifen sei. Denn die notizenhaften Eindrücke, die bei der morgendlichen Facebooklektüre gesammelt werden, ergeben für den Leser ein rundes Ganzes. So wie früher die Tageszeitung der Morgenmittler zwischen Ich und Außen war, so ist es jetzt Facebook. Das Eingeständnis von Jan Kuhlbrodt, das vor der morgendlichen Zeitung Facebook steht, kann ich nur bestätigen. Facebook ist aber keine Zeitung. Die Form ist eine andere – auch auf jeden anhand seines persönlichen Klick- und Like-Verhalten zugeschnitten. Jan Kuhlbrodt versucht, mit Kleine Form, Lesen und Schreiben im Netz, das große unvollständige Ganze wie eine Momentaufnahme zu begreifen und abzubilden, und es ist gut, das ein Autor innehält und zuerst sich befragt: Was machen wir da eigentlich? So kuscheln in dem Text ganz angenehm Essayistisches und Biographisches miteinander.

Schreiben und Lesen, Aufnahme und Wiedergabe. Die Kürze, die Beliebigkeit, Tagesaktuelles und Befindlichkeiten  (die klassische Informationsnull) wechseln sich rasant ab. Ich beginne mit dem Lesen im Netz und stelle die Frage: Warum bin ich abgestoßen von manchen Beiträgen oder was zieht mich an? Mit der Person des Schreibenden hängt es nicht zusammen, als normaler Facebooknutzer kenne ich die meisten meiner Gemeinschaft gar nicht, sie interessieren mich nicht als Person. Was ich erhoffe, ist Information, die mich interessiert.

Aber warum haftet manchen Beiträge eine gewisse Stinkigkeit an, obwohl sie gar keinen psychischen Aufwand von mir erfordern müssten? Warum gehe ich mit Facebook nicht um wie mit einer Tageszeitung, also distant? Wieso sehe ich Facebook nicht als das, was es ist, ein für mich generiertes Abbild meiner Interessen, die in Klicks gemessen wurde?

Jan Kuhlbrodt: „…Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte ….“

Das trifft es. Erst das Unbegrenzte, dann das Stimmengewirr, das ist es, was auf jeden einschlägt, der auf Facebook trifft. Aufrufe, Hilfeersuchen, Unterschriftenaktionen, Selbstdarstellungen, Poesiebucheinträge, Meinungen – und Gegenmeinungen. Komplementäre Wahrnehmungs- und Mitteilungsmodi, wird es in den Kleinen Formen zutreffend genannt.

Bei dieser Art Modi wird ein Ich immer versuchen, zwischen Richtig und Falsch zu scheiden. Die Summe der Entscheidungen, die die meisten Menschen schon vor dem Frühstück treffen müssen bewirkt, das nach der morgendlichen Facebooknutzung das erste Bedürfnis nach Schlaf entsteht.

Die Verstärkung der Stimmen durch viele Posts gleichen Inhalts (mit anderer Aufmachung) stellen sofort ein Gefühl einer Dringlichkeit, eines Handlungsbedarfs her: Meist sollen gesellschaftliche Probleme aufgezeigt werden –bei Formen wie #metoo – wird die Relevanz des Problems bewusst gemacht – andererseits gibt es Menschen, die schon immer die diffuse Ahnung hatten, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit um eine GmbH handelt. Und wenn dann zwischen Hundefotos immer wieder der Verdacht genährt wird, dass es sich bei der BRD um eine verbrecherische Unternehmung handelt, kann Facebook dem Einzelnen durch schiere Materialfülle vorgaukeln, dass die Reichsbürger recht haben.

Auch beachtenswert: In der Wahrnehmungspyschologie gibt es einen folgenden Merksatz. Je mehr Menschen auf einer Meinung bestehen, umso richtiger erscheint sie – auch bei vorheriger Ablehnung und  umso schwieriger ist es für den Einzelnen, auf konträre Meinung zu bestehen.

Jan Kuhlbrodt: „…Facebook verlangt noch kürzere Beiträge. Aphorismen. Längeres wird ausgeblendet und muss angeklickt werden. Aber Facebook ermöglicht auf diese Weise die Serie. …“

Die Serie. So kann serielle Vielstimmigkeit entstehen, wie kürzlich bei dem #metoo-Aufschrei, der sich verbindet und aus einer einzelnen Gewalttat das macht, was sie ist. Ein gesellschaftliches Problem. Und es wäre in der Tat anders, würde erst ein Redakteur #metoo Fälle sammeln, sie aufschreiben, redigieren und dann bereinigt in Buchform bringen. Das Buch ist im Nachteil, aufgrund der zeitlichen Distanz bis zur Veröffentlichung und: da das Buch Werk von vielen Machern ist, würde #metoo auch einem Authentieverlust unterliegen. Bei solchen Aktionen zeigt es sich wieder, wie einzigartig, Facebook und Co. wirken können.

Die größte Hürde und Gefahr der Missverständlichkeit für Schreiber liegt in der Kürze des Mediums. Kürze bedingt einen konzentrierten Ausdruck. Pointiert ohne das Wider auszulassen. Und es ist eine Kunst, sich verkürzt mitzuteilen, ohne in Stammtischgebrabbel zu verfallen. Zu große Verkürzung wird ein Sachverhalt einseitig, verflacht, bzw. erweist sich als schlicht falsch. Es gibt –einige wenige Stimmen- die zu einer schönen Artikulation im Medium, nehmen wir Facebook, gefunden haben. Der größere Teil meiner Facebook-Timeline ist aber jeden Tag voll von Statements, Behauptungen und Fragen, die, so scheint es, absichtsvoll in den Raum geworfen werden, um Reaktionen zu provozieren, wobei oft eine Absicht peinlich durchschimmert, dass mir blümerant wird.

Nach der Kürze macht sich das zweitgrößte Problem an der Rolle des Sprechenden in bezug auf das Dargestellte fest: Gemessen an der Wirkung auf den Lesenden halte ich es für schädlich, wenn Autor YX dazu aufruft, seinen Wikipedia-Eintrag zu überarbeiten. Oder Autoren aller Veröffentlichungsgrade, die sich selbst anpreisen: Aufregend und noch nie dagewesen, mein Gruselhit im November: Arm, ausgesetzt und hilflos …. 99 ct. Ebenfalls immer wieder sehr unbeliebt in meiner Wahrnehmung: Das ist ja kaum zu fassen! Ich habe ganz unverhofft den Käthe-Püppchen-Preis — nein! So happy! 

Was bringt mich dazu, diese doch notwendige Form der Selbstentäußerung zum Zwecke der Wahrnehmung abzulehnen? Ganz einfach. Es ist Werbung. Wenn das Subjekt sich zum Objekt macht, dann stinkt der Fisch.

Also: Hätte Fr. Nietzsche gebloggt, sich seiner Facebook-Timeline bis zum Erbrechen bedient, hätte korrespondierend dazu Lou Salome auf Instagram noch mehr Fotos von lustigen Kutschfahrten gepostet, dann wäre a) eine Dialektik entstanden, die der Sache beider gedient hätte, wäre also interessant bemerkenswert gewesen und b) hat Friedrich N. sich erst einmal Gedanken um die Welt, so wie er sie sah, gemacht – woraus seine Produktion entstand – und nicht umgekehrt. Und da liegt der Hase auch im Pfeffer: Von der Sicht, Anschauung, Meinung hin zum Post. Sich öfter dialektisch mit anderen Äußerungen verhalten – und immer bedenken, dass das Sekundenabbild der Meinung u. U. auch den Tag überdauern sollte.

Jan Kuhlbrodt hat auch noch Biographisches über Bob Dylan in petto:

„Blowin in the Wind (…) denn das hatten wir im ostdeutschen Englischunterricht singen müssen, und es galt unseren Lehrern als Beleg für Dylans antiimperialistische Position. …“

Das ist mein Madeleine-Moment mit Bob Dylan. „Blowin in the wind“ mussten wir ebenfalls, im westdeutschen Englischunterricht übersetzen, lesen und singen. Unsere begeistert mitsummende Englischlehrerin hatte einen Kassettenrekorder auf dem Tisch und spielte uns Strophe für Strophe vor. Wenn sie mit ihrem Bleier hektisch das Kassettenband wieder in die Spule zurückdrehte, dann hatte ich nur ein Kopfschütteln für ihre naive Begeisterung übrig.

Fazit: Ich meine, neues Lesen und Schreiben im Netz verlangt eine neue Form der Bürgerhaftigkeit, des Sich-Einbringens. Und eine neue Form der Distanz, die darüber erreicht werden könnte, dass Posts nicht mehr als Stimmen, als orales Medium, sondern als geschriebenes Wort des Einzelnen wahrgenommen werden. Über die kleine Form ist ein interessantes Eriginal über neues Schreiben und Wahrnehmung auf Seiten der Lesenden, das sich anpasst. Lesen und Schreiben im Netz ist voller Denkanstöße und Wahrnehmungen – ein Buch,  das fortgeschrieben werden sollte. Auch Gegenpositionen oder Gegensätzlichkeiten kann Jan Kuhlbrodts Essay vertragen, um wie Chorstimmen das Heute, Hier und Jetzt im Netz abzubilden.

 

Jan Kuhlbrodt, Über die kleine Form, ein mikrotext, 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4
Erhältlich bei:
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

In Zeiten des Terrors

 

Ist eine Bombe der Anfang. Delhi, 1996. Ein Markt. Unter den Toten zwei halbwüchsige Jungs, Brüder, Tushar und Nakul Khurana. Ihr Freund, Mansoor, den die Jungs mit auf den Markt nahmen, überlebt. Das ist der Auftakt In Gesellschaft kleiner Bomben von Karan Mahajan erschienen im culturbooks Verlag.

Die in einem Auto deponierte Bombe, setzt ihre zerstörerische Energie nicht nur auf dem Markt frei, sie zersplittert Leben, pulverisiert Beziehungen.

„… Es ist besser, großzügig zu töten, als dabei zu geizen …“.

Am Anfang steht Zufall plus Zufall, was Schicksal wird.

Karan Mahajan nimmt In Gesellschaft kleiner Bomben verschiedene Sichten ein, er erzählt mit großen Zeitsprüngen von den tragischen Verstrickungen, die das Leben der Beteiligten, Opfer und Täter in den nächsten Jahrzehnten bestimmen werden. K. Mahajan wählte eine episodenhafte Struktur, die Erlebnisse werden unabhängig voneinander geschildert. Was alle Figuren eint: Die Bombe. Delhi. Hindu oder Muslim.

Nach dem Anschlag, dem Tod ihrer Kinder werden die Eltern, Deepa und Vikas Khurana, durch ihre Trauer, Ohnmacht, Fassungslosigkeit, Wut und Verzweiflung zu anderen Menschen. Denn als sie ihre Meinungen und Lebensweisen noch selbst wählen konnten, waren die Eltern Khurana überzeugte indische Liberale, ironisch bezeichnet der Autor Deepa und Vikas als einem speziellen Zirkel der Weltgewandten zugehörig, zum Beispiel halten sie sich muslimische Alibifreunde, sind strikt gegen eine Etablierung von McDonalds in Delhi -weil es schon Wimpy gibt- und würden auf keinen Fall die rechtsgerichtete India Today lesen. Die Bombe reißt Kulturleistungen ein, lässig, aber großartig genau gezeichnet, legt Mahajan die dünne Lackschicht Kultur bloss. Deepa und Vikas zeugen unter anderem ein Kind, eine Tochter, die sie nicht beachten, denn es gibt in ihrer Seele mehr keinen Platz für Liebe. Der Spitzname der Tochter Anusha lautet: Tochter der Bombe.

Anders ergeht es Mansoor, den muslimischen Freund der getöteten Jungs. Anfangs wird ihm nicht geglaubt. Er, ein muslimischer Junge, wird Opfer eines Attentats? Die Eltern Khuranas zürnen ihm zwischendurch immer wieder – wieso hat er überlebt, mit nur ein paar Kratzern? Aber die Bombe lässt Mansoor nicht aus ihren Fängen, sie wird durch Krankheitsschübe immer wieder gegenständlich, zwingt ihn, sein Studium in Amerika abzubrechen, nach Indien zurückzukehren.

„… Er wollte nicht in Indien, aber auch nicht in den USA sein. Er wollte an einem Ort ohne Schmerz und Tragödie sein …“

In dem Versuch zu begreifen, das Geschehen auf dem Markt zu verarbeiten, in dem Versuch, seine Krankheit (die Bombe) loszuwerden und leben zu können, in dem Versuch, die Gesellschaftsordnung Hindus-Muslime zu verstehen, tritt er einer Gruppe bei, Peace for all, und erkennt schließlich, was ihn zu einem Kranken hat werden lassen: Verwestlichung. Mansoors Suche nach Halt, nach Orientierung gehört zu den bewegensten Momenten in dem Buch. Er wird zu einem gläubigen Muslim. Als er fünfmal am Tag betet, als er den Schmerz loslassen kann, heilt er. Er findet Freunde, er findet sich, er bleibt aber ein netter, aufrichtiger, hilfsbereiter junger Mann. Was ihm zum Verhängnis wird. Mansoor wird Opfer der tragischsten Verkettung in dem Roman.

Und ein Opfer, der Täter sein soll: Malik, Student der Universität Kaschmir, Mitglied der Jammu and Kashmir Islamic Force. Er wird verhaftet, er soll der Attentäter sein. Die Behörden wollen es so. Malik wird gefoltert, angeklagt und verurteilt. Auf der Suche nach Erlösung besuchen Deepa und Vikas Khurana ihn im Gefängnis, aber angesichts dieses mageren Mannes verlieren ihre Rachefantasien ihr Ziel. Als Malik für die Khuranas ausgezogen und geschlagen wird, geht ihnen auf, dass ihr Gesuch, Malik zu sehen,  von der Gefängnisleitung nur gewährt wurde, in der Hoffnung, ein Geständnis aus ihm herauszubekommen. Da kommt kein Geständnis.

Was die Eltern Khurana übergeordnet in der Prügelszene sehen, ist das Bedürfnis eines Systems, das einen Schuldigen braucht. Aber so wie es das eine Opfer nicht gibt, sondern viele Einzelschicksale, gibt es auch nicht den einen Schuldigen.  Während alle –ob Hindu oder Muslim -in dem großartigen Roman In Gesellschaft kleiner Bomben leben und leiden, wird eine Frage an den Leser weitergereicht – Was tun?-

Fazit: Über die verschiedenen Sichten, die verschiedenen Figuren, die der Autor virtuos nachzeichnet, wandelt sich die Bombe. Sie ist nicht der Ausgangspunkt für eine tragische Geschichte,  sondern deckt Strudel, Differenzen und kollisionsträchtiges Material in Gesellschaften auf. Die eingeschobenen Episoden, wie der schräge Immobiliendeal von Mansoors Familie, tragen ihren Teil dazu bei, eine aufgeklärte Gesellschaft und Vorurteile zu zeigen. Es ist das unkommentierte Nebeneinander von allem, das so berührt.

Sachlich und überraschenderweise sehr humorvoll beleuchtet dieses Buch eine tief zerrissene Gesellschaft,  beleuchtet Differenzen und widmet sich ausgiebig der dünnen Lackschicht Kultur. Karan Mahajan zeigt In Gesellschaft kleiner Bomben virtuos in vielen  Situationen und Begebenheiten dem Leser, in welch grundsätzlichem Konflikt wir uns befinden. Der Roman bleibt dem Realismus so verhaftet, dass er keine Lösung bietet, bieten kann. Es ist immer wieder eine Bombe, die alles ändert.

 

Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der »Best Young American Novelists« 2017. Sein erster Roman, »Family Planning« (»Das Universum der Familie Ahuja«), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers.
»In Gesellschaft kleiner Bomben« stand u.a. auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017.Eines der 10 besten Bücher 2016 (New York Times)
Auf den Jahresbestenlisten von
Washington Post, TIME, Esquire, Buzzfeed, Huffington Post, Vulture.com u.a. (Quelle: culturbooks)

 

 

West-Berlin, 1980 – Lob des Imperfekts, von Käthe Kruse

Ein neuer mikrotext: „…Abgeschottet hinter der Mauer entstand in den 1980er Jahren in Berlin eine radikal moderne Künstler- und Musikszene, die auch international beachtet wurde: experimentierfreudig, provokativ, selbstorganisiert. Die ehemalige Schlagzeugerin von Die Tödliche Doris erzählt. …“

Es ist Käthe Kruse, die im Lob des Imperfekts  von einer Zeit im Aufbruch, Umbruch, erzählt. Weg mit der Professionalisierung, erstmal Aufstehen, sich Bewegen, Handeln. Im Prozess des Machens fand sich der Weg zur Kunst. Oder eben nicht. Dieses Konstrukt des Handelns erstreckte sich auf alle Bereiche des Lebens, im Lob des Imperfekts veranschaulicht an den Lebensbereichen Wohnen, Kunst, Bauen. Vorwort und Texte entstammen Interviews, Aufsätzen oder sind Teilstücke von Vorträgen; z.B. Käthe Kruse über die Genialen Dilletanten, vorgetragen 2017.  Mal erinnert sich Käthe Kruse, dann ist es die Vorstellung einer Lebenswelt anhand eines Vortrags, mal ein entspanntes Interview. Das Lob des Imperfekts kommt zwangslos daher und es fällt beim Lesen auf, wie unglaublich viel – Mensch, Werte, Moral –  sich seitdem verändert haben.

Wer es nicht mehr kennt, das Berliner Feuchtbiotop der Siebziger, Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der findet in diesem eBook viel  verschwundene Kultur. Man trifft auf die Generation der Nach-68er, die sich schwer einordnen und abgrenzen lässt, eben weil  sie die Individualität zum beherrschenden Maßstab alles Seins erhob. Am ehesten werden all diese Leute noch unter dem Begriff Hausbesetzer verallgemeinert (Hausbesetzer ist unrichtig, Instandbesetzer trifft es in weiten Teilen besser), aber wer sich zu der Zeit in Berlin herumtrieb, der merkte, dass ein instandbesetztes Haus sich von dem Nächsten zu annähernd einhundert Prozent unterscheiden konnte.

Was waren die Ursachen der Besetzerbewegung? Anfang der 80er Jahre standen rund 27 000 Wohnungen in West-Berlin leer, und 80 000 Wohnungssuchende hatten keine feste Bleibe. Die herrschende Wohnungspolitik geriet darob in ihre bislang schwerste Legitimationskrise. Ein Korruptionsskandal um den Bauunternehmer Dietrich Garski brachte den SPD-Senat zu Fall. Erst das damit entstandene Machtvakuum ermöglichte die nun folgende enorme Zunahme von Hausbesetzungen.

(https://gentrificationblog.wordpress.com/2010/03/19/berlin-hauserkampf-und-stadterneuerung/)

Leerstand in  Berlin. In Kreuzberg, Neukölln, dem Wedding, auch Moabit. Hausbesitzer hatten kein Interesse an Vermietungen, denn Altbauten waren mietpreisgebunden, was sie zu billigen Behausungen machte. Im Kreuzberg meiner Kindheit gab es viele Häuser mit vernagelten Fenstern, im Vorderhaus wohnten noch zwei Omas und ein Trinker und im Seitenflügel Türken. Es gab Firmen, die sich auf Entmietungen spezialisiert hatten; was hieß Glühbirnen im Treppenhaus zerschlagen, Briefkästen demolieren. Wenn dann noch die notwendigen Renovierungen ausblieben oder die Kosten für die Müllabfuhr nicht bezahlt wurde, sich Ratten in den stillgelegten Toiletten auf der Halbtreppe tummelten, konnte eine Abrissgenehmigung erteilt werden. Für die Altbausubstanz in Berlin waren die Instandbesetzer ein Glücksfall, sonst würde die Stadt heute aussehen wie Osnabrück in hässlich.

Die Musik oder das Sich-Ausprobieren wie hier die Tödliche Doris oder die Genialen Dilletanten, konnte spannend, interessant oder uninteressant sein, auch nervig, aber das, was immer im Subtext zu erspüren war, war der Wille zur Freiheit. Was zur Folge hatte, das ziemlich schräge Acts stattfanden, die keinerlei Mehrwert boten. Aber von dem Denken, dass Kunst einen Mehrwert böte, ein Erleben mit evtl. sittlicher Hebung, musste man sich verabschieden. Das Aufbrechen von Darstellendem, Dargestelltem und Publikum fand statt. Diese Art des Denkens war radikal anders und machte Spaß. Und darum geht es doch im Leben.

Im Interview zu neuen Lebensmöglichkeiten,  durchläuft Käthe Kruse den Weg von der Instandbesetzung zum ökologisch verträglichen Mieter bis zum Mehrgenerationenhaus. Gleichzeitig zeigt das Interview, wie fordernd es sein konnte, in einem Haus zu wohnen, in der die Rolle Vermieter, Mieter aufgehoben war; auf Kleinsträumen, im gelebten hierarchielosen Miteinander sollten Träume gelebt werden, letztlich stand immer die Toleranz auf dem Prüfstand.

Mein Lesetipp: Das Lob des Imperfekts leuchtet wie ein Schlaglicht auf die seltsamen Jahre der Vorwendezeit, in der entweder alles Aufbruch oder Stagnation war. Schöne Einblicke in eine Szene, die es heute in Berlin nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Denn dafür braucht es Menschen, die Zeit haben. Lob des Imperfekts ist eine Zeitreise. Wer Berlin der 80er Jahre nicht kennt, der kann es lesen wie Geschichten aus Vineta oder wie ein Märchen.

 

Käthe Kruse: Lob des Imperfekts, mikrotext Verlag:  Erschienen am 26. Juli 2017
ca. 130 Seiten auf dem Smartphone, mit Fotos
ISBN 978-3-944543-52-9
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

 

 

Irgendwas mit Schreiben: Ein lesenswerter Relaunch

 

Interessante Themen erledigen sich nicht von selbst. mikrotext sagt dazu:

„…Sie waren Youtube-Sternchen, Messeköchin oder VorBand, sie sind Tänzerin, Blogger, Professor: eine vielseitige Sammlung zu Arbeitsstrategien von studierten Autorinnen und Autoren aus den Studiengängen und Schreibkursen …“

Zwei Themen treiben diese lesenswerte, in der ersten Fassung 2014 im mikrotext Verlag erschienene Anthologie immer noch um. Zum Einen: Die wechselseitige Beziehung von Herkunft und Erfolg.

Wenn das richtig ist, dann ist nicht nur der Glauben an sich selbst, das für Autorinnen und Autoren so wichtige Beharren an ihrem Text, der Glauben an die Notwendigkeit ihres Schaffens, erfolgsbestimmend. – Ich meine erst einmal nicht den Erfolg in Verkaufszahlen gemessen, sondern den Weg von der Idee zum Skript zum Endprodukt.

Florian Kessler hat auf die Beziehung von Herkunft und Erfolg mit seinem Essay „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“  aufmerksam gemacht und eine breite Literaturdebatte angestoßen. Julia Friedrich in „Gestatten: Elite“, verweist auf Michael Hartmann, der in einer Langzeitstudie Lebensläufe von Promovierenden auswertete. Fazit des Elitenforschers ist, dass die soziale Herkunft der entscheidende Faktor von beruflichen Aufstiegschancen ist.

Erstaunlich sind nicht die Befunde, die allerorten getroffen werden, erstaunlich war die breitflächig feuilletonistische Erregung, die nach dem Aufsatz: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ losbrach.  Auch die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012) kommt gleich in den ersten Sätzen auf den Punkt.

„…Von 100 Akademikerkindern studieren 77; von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen nur 23 den Sprung an eine Hochschule. Die soziale Selektivität beim Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist weiterhin stabil. …“

Daher haben die mythischen Geschichten, die die vom Tellerwäscher-zum-Schriftsteller/Millionär/Professor handeln,  solch eine Zugkraft. Da ist der Ausreißer der Norm zu besichtigen, der die Wahrscheinlichkeit durch Kraft, Geschick und Talent besiegt.

Und wieso sollte es an Schreibschulen anders sein? Sind Schreibschulen kein Abbild der Gesellschaft? Ich meine, an Schreibschulen ist die soziale Selektivität noch höher. Auch wenn einige Schreibschulen oder Kunstuniversitäten das Abitur nicht als ausschließliches Kriterium voraussetzen, lesen und schreiben muss der sich Bewerbende schon können. Wenn die Eltern und Verwandtschaft nicht liest oder Kinder keinen Zugang zu Lesestoff haben, dann wird es schon schwerer. Aber danach gibt es noch eine zusätzliche Hürde, die heißt Aufnahmeverfahren. Ich will nicht sagen, dass Professoren Zeitarbeitstochter von Lehrersohn scheiden, aber ich meine, dass sich durch Schwellenängste einige Kandidaten schon von selbst erlegen.

Zurück zu Herkunft und Erfolg am Beispiel: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ Dieser mikrotext ist auch deshalb so unterhaltsam, denn dieses Beziehungsgeflecht betrifft nicht nur Autoren und AutorInnen, denn das höhere Management in Deutschland entstammt in weiten Teilen dem Establishment und zwar mit steigendem Rang immer öfter. Was vielfach zählt, ist der soziokulturelle Habitus, vergröbert gesagt, das Auftreten, und das können  Schreibschulen ganz gut lehren. Und der wird ganz einfach durch das Ausschlussverfahren hergestellt oder wie Professoren sagen: „Wir nehmen nur die Besten.“ Die ehrlichste Aussage einer Professorin fand ich bei Doris Dorrie, die einmal sinngemäß sagte, das sie in den Aufnahmeverfahren immer eine Heidenangst hätte, einen sehr guten Kandidaten zu übersehen, nicht angemessen wahrzunehmen.

 

Der zweite, sehr zentrale Punkt, dem sich die Autoren in der Anthologie stellen, lautet: Gibt es ein Leben hinter dem Diplom? Was tun, was werden als Diplom-Autor?

Stefan Mesch, mit:  Stefan Mesch ist krass drauf hat sich einen 100-Punkte-Plan aufgestellt. Punkt 083_ verdichtet für mich alles,  was ein Schreiber, Autor erreichen können/wollen/müsste: ...Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum. Davon sollte man T-Shirts drucken.

Dieser 100-Punkte-Plan ist hilfreich für die, die unter Schreibhemmung leiden. Daneben noch gut geeignet für die Zweifler, die sich am Schreibtisch fragen, ob irgendjemand das lesen will, was gerade produziert wird. Zugegeben, der 100-Punkte-Plan ist so rau, als würde man an einem Felsen lecken. Aber;  die vielen Vorsätze von Stefan Mesch eignen sich gegen Ängste – jeder Art. Auch wenn manche Punkte beim Lesen sehr selbstzentriert daherkommen, haben sie doch das Potential eines großen Mantras oder einer frühkindlichen Beschwörung, was ich positiv meine, denn die tragen die größten Kräfte in sich.

100-Punkte. Ein Therapieplan der besonderen Art. Bitte nachzulesen bei: Stefan Mesch ist krass drauf.

Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten von Mirko Wenig. Darin geht es um den kleinen Mirko, der Online-Redakteur einer Versicherungszeitung ist. Einfach nur schön, voller lauter kleiner Kostbarkeiten, die ich einfach zitieren möchte. Auf dem Weg zur Arbeit geht es um Igeltode:

„… Er lag da am Straßenrand, die kurzen Gliedmaßen an den Leib geschmiegt, und sein Mund, an dem verkrustetes Blut klebte, stand offen. Man konnte die vielen Zähne sehen, die dem Igel nun nichts mehr nützten …“

Eine kurze Geschichte, wie aus Kinderperspektive geschrieben, mit einer ganz eigentümlichen Schönheit zum Leben jenseits der Kindheit.

 

 

Anmerken möchte ich noch aus eigener Erfahrung, dass diese wunderbare Anthologie auch das Problem von Schreibschule streift. Die dort entwickelten Texte sind wunderbar, aber sie wurden nicht in freier Wildbahn geschrieben, sondern gehegt und gepflegt von Dozenten und Kommilitonen, immer wieder gegen den Strich gebürstet durch unzählige Diskussionen.

Werden Texte gehegt und gepflegt wie Rotwild im Zoo, kann es zu Problemen mit dem Inhalt kommen. Der kann dünn geraten. Denn es macht sich bemerkbar, wenn die Woche an der Uni verbracht wird – wenn ein Großteil der Zeit draufgeht, andere Texte zu lesen -wenn in Vorlesungen alles an Systemen und Theorien vorgestellt wird, und die eigenen Texte daran gemessen werden – wenn die Studierenden sich nebenher meist noch für die hauseigene Literaturzeitschrift engagieren oder das Studentenfilmfestival – wenn sie sich Abends mit Kommilitonen treffen und diskutieren. Über alles – das heißt, Schreiben. Das ist Leben in einer Blase. Da fehlt was: Leben. Also. Leben. Tänzerin sein, Blogger, Verkäuferin, Professor. Und daneben schreiben.

 

Mikrotext hat die Sammlung in 2017 neu aufgelegt und um viele interessante Positionen erweitert. Mein erster Eindruck: Die Ehrlichkeit der Aufsätze, die Lakonie und der Humor berührten mich sehr.  Und es ist mehr als Schreibschule, vielfach traf ich hinter all dem die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Dieses Eriginal kann mehr. Es kann berühren. Der mediale Ausgangspunkt ist die ewige Diskussion, die schon im Berufsbildungszentrum anfängt: Wie viel Berufung sollte im Beruf stecken? Gibt es ein Leben hinter dem Diplom und was ist, wenn der Job  keine Ähnlichkeit mit meinen Träumen aufweist?

 

cover-fischer-richter-irgendwas-mit-schreiben_epub

Erschienen am 17. Mai 2017
292 Seiten, 17,99€, Taschenbuch, in jeder Buchhandlung bestellbar, online auch bei Amazon, Buecher.de, Hugendubel, Osiander, Thalia. Auch als E-Book erhältlich. Lieferbar!
ISBN 978-3-944543-51-2

Mit Beiträgen von Luise Boege, Michael Fehr, Jan Fischer, Martina Hefter, Luba Goldberg-Kuznetsova, Ianina Ilichetva, Florian Kessler, Thomas Klupp, Thorsten Krämer, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Jacqueline Moschkau, Alexandra Müller, N.N., Barbara Peveling, Stephan Porombka, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lena Vöcklinghaus, Lino Wirag, Mirko Wenig.

Ein Buch voller Freundschaft

Gastfreundschaft. Eben las ich die erste Fassung der von Christiane Frohmann initiierten und von Chr. Frohmann und Leander Wattig herausgegebenen Anthologie Gastfreundschaft, Band 1.

Anlass für die Anthologie Gastfreundschaft war Wunsch und Ziel der Verlegerin Christiane Frohmann, herzuzeigen, dass es Uneigennützigkeit, Herzlichkeit und eben Gastfreundschaft gibt.

Christiane Frohmann: „…Mit #orbanismgastfreundschaft, einem Blog- und Gratis-E-Book-Projekt wollen wir vorsätzlich positive Bilder, Gedanken und Vorstellungen in die Welt und zum Zirkulieren bringen. Wir hoffen, es so wieder plausibler zu machen, dass es zum Menschsein gehört, anderen Freundlichkeit entgegenzubringen und ihnen in Notsituationen auch Schutz zu gewähren. …“ 

 

Herzschlagdichte Anekdoten, Begebenheiten randvoll mit Wärme, erlebte Szenen, in die ich sofort hineinfalle, auch weil sie aus dem persönlichen Raum stammen. Es ist ein Eriginal voller Schönheit, und das Buch zeigt, das Geben einfach ist. Gastfreundschaft ist kostenlos und wird sich in 3-Monats-Rhythmen fortschreiben.

Menschen einladen, wenn es gewittert, dazu ein Teller Suppe, rot, warm, dampfend. Ein Handtuch um einen Kinderkörper, dazu die Suppe Borschtsch, die nach dem Warten im Gewitter erst den Mund, dann den Magen wärmt.  Ein Teller Suppe wird zum Symbol für mitfühlende Anteilnahme in Jackie Asadoladzahdehs Geschichte Schlüssel vergessen.

In Nächtliche Ankunft schildert Klaus Daniel eine Begebenheit zu Zeiten des Autoputs, also aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Es sind zwei, die verwirrt und verirrt und völlig fertig Nachts nach 2600 Kilometern in der Türkei ihre Unterkunft nicht finden können. Ein Fremder weist ihnen den Weg. Die beiden Reisenden treffen am nächsten Tag auf ihren Retter. Sie möchten sich erkenntlich zeigen für die uneigennützige Freundlichkeit und ihn zumindest auf eine Tasse Mokka einladen, weil der Retter und Fremdenführer partout Geld ablehnt. Aber der Fremde lädt ein: Weil es ihn stolz und glücklich macht, dass zwei Menschen den weiten und hinderlichen Weg auf sich genommen haben, um seine Heimat zu sehen.

Wer also eine Geschichte zu erzählen hat, die er mit der Welt in Band 2, 3 oder 4 teilen möchte, hier sind die Teilnahmemodalitäten:  „…Wir laden euch herzlich ein, uns weitere Texte zum Thema selbst erlebte Gastfreundschaft (Umfang bis 3.000 Zeichen, kann aber auch ganz kurz sein) zu schicken, die wir bloggen und in einer versionierten E-Book-Anthologie bei Orbanism Publishing veröffentlichen dürfen. Wenn Letzteres, etwa aufgrund von Buchverträgen, nicht möglich ist, können wir Texte gern auch nur bloggen. Bitte Text mit Ein-Satz-Bio in der 3. Person, dazu optional ein Link zu eigenem Herzensprojekt, gern auch ein thematisch passendes Foto sowie ein Bild, das euch selbst zeigt (bitte nur Bilder, bei denen ihr die Rechte besitzt) , per Mail an Christiane Frohmann, cf AT orbanism DOT com, senden. – Wir möchten die Rechte an den Texten und ggf. Bildern nicht exklusiv, bitte achtet aber darauf, dass ihr spätere Nutzer auf unser Nutzungsrecht hinweist. Bitte bei diesem Projekt, weil es um persönliche Haltung geht, keine Texte unter Pseudonym einreichen. …“

Mitwirkende, Gastfreundschaft, Band 1: Jackie Asadolahzadeh, Hannes Bajohr, Gregor Weichbrodt, Simone Bauer, Zoe Beck, Klaus Daniel, Birte Förster, Tania Folaji, Christiane Frohmann, Maria Jürgensen, Ekkehard Knörer, Stefan Mesch,

Gastfreundschaft, Band 1, Herausgeber: Christiane Frohmann, Leander Wattig, Orbanism Publishing 2017.

T. C. Boyle, Tod in Kitchawank

 

Die Hanser-Box. Ein Imprint der Hanser Literaturverlage. Alle 14 Tage ein neues Digitalbuch zu moderaten Elektropreisen. Die Hanser Box hat den Vorzug, digitale Bücher, Essays und Kurzgeschichten herausgeben zu können, die nicht mehr verlegt werden oder unbemerkt in Gesamtausgaben vor sich hinrotten.

Eine Neuentdeckung von gut Bekanntem ist bei Autoren wie T. Coraghessan Boyle durchaus lohnend.  Wassermusik ist mein Favorit. Diese Geschichte um die Entdeckung des Nigers durch diesen Don Quichotte Mungo Park, ist faszinierend durch Stoff und Figur, zieht sich weiter durch die Geschichte, die Boyle spinnt. Überhaupt war die Aneignung an den historischen Stoff ein großer Kunstgriff. Aber ich will nicht von Wassermusik schwärmen, ich habe etwas anderes entdeckt.

—Seit einigen Jahren freue ich mich über Neuerscheinungen von Boyle, sie begeistern mich aber nicht mehr.  Sein letztes Buch, die Terranauten, wurde von Sounds and Books genau so besprochen, wie ich es beim Lesen empfand. Sehr gut, sehr professionell, sehr glatt. Und das ist schade, denn dramatische Schreiber, die auch der Komik Raum gewähren, die die Fabel ernst nehmen und die Mühe von Recherche auf sich nehmen, sind rar.—

Und da habe ich in der Hanser Box seine Kurzgeschichten gefunden.  Dreihundertzehn Ratten, In der Zone, Tod in Kitchawank oder Frage 62, als E-Book, bzw epub bei Hanser.

Und da fand ich sie wieder, die Faszination für Boyle: In den Kurzgeschichten. Unglaublich konzentrierte  kleine Erzählungen, die geschickte Verwendung von Symbolen beeindruckt und die unglaublich einprägsamen Figuren begeistern, wie in ..  

Tod in Kitchawank

Es ist ein schönes Leben, ein erfülltes Leben. Und es ist ihr Leben, das Miriam, Ehefrau und Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen betrachtet.

„… Sie trägt die übergroße Sonnenbrille, die sie gestern in der Drogerie gekauft hat und den schwarzen Badeanzug vom letzten Jahr, der um die Hüfte und Taille vielleicht ein bisschen eng ist, aber na und? Sie wird hier nicht zur Schau gestellt. Es ist ihr Strand, ihr See, ihre Leute. …“. 

Diese Geschichte beginnt so ruhig wie der See von Kitchawank. Eine sich selbst und ihre Umgebung zufrieden betrachtende Frau. Miriam, eine Frau in mittleren Jahren ist dankbar für die Monotonie, an ihrem Strand, in ihrer Kolonie Kitchawank, mit ihren Leuten.

Ein Abendessen mit Freunden, Ehemann und halbwüchsigen Kindern verstärkt nur den Eindruck der Friedens, des Angekommenseins. Steaks wie immer, Gimlet wie immer. Ein Gewitter, eigentlich Zeichen für beginnende Unruhe, die über dem Leben steht, orchestriert den Auftritt des Teenagers Seldy, die schöne Teenager ihrer besten Freundin Marsha. Als Seldy hereinplatzt, es dann blitzt und donnert, ist ein Zeichen. Alle sind einen donnernden Moment still.

Miriams Betrachtungen haben ihr eigene ruhige Kraft, die Szenen sind wie Schlaglichter gesetzt, die den Gemütszustand der Frau genau ausleuchten.

Und dann kommt das Altern.  Aus dem Motiv des glücklichen Lebens, dass keine besonderen Höhen anstrebt, weil es die Tiefen vermeiden will, wird Monotonie. Die Kinder bauen ein Kanu, Miriam überwacht sie mit Fürsorglichkeit, die ihren punktgenauen Ausdruck in heißem Kakao mit Marshmellows und Haferplätzchen wiederfindet. Die Zeit läuft linear in Sprüngen. Veränderungen fallen Miriam durch Vergleich mit ihrem eigenen Leben auf. Was genau die Zeit für Spuren setzt, wird an dem Körper der Frau festgemacht. Immer mehr tut weh.

Und durch die Zeit verändern sich Miriams Kinder und die Kinder der Freundin Marsha. Allen voran die schöne und begabte Seldy, die Mathematik studierte, dass Studium aber schmiss – um ein Freak zu werden, wie Miriam es insgeheim formuliert, aber zu taktvoll ist, um es ihrer Freundin zu sagen. Und dann läuft Seldy auch noch der Albtraum aller Mütter in Kitchawank über den Weg: Richie Spano, ein ewiger Underdog, auch fies, katholisch, und noch nicht einmal Mitglied der Kolonie am Kitchawank-See.

Langeweile und Einsamkeit machen sich breit, die Kinder sind aus dem Haus, studieren, rufen kaum noch an. Und obwohl Miriam gutwillig ist, versteht sie die Lebensentwürfe ihrer Kinder nicht mehr. So geht Altern.

Das Leben wird eng. Eine Kanufahrt wird zu einer Irrfahrt und einer kleinen Odyssee. Sie und ihre beste Freundin Marsha haben sich nichts mehr zu sagen. Ihnen sind die Worte ausgegangen vor Enttäuschung. Seldy heiratet Richie Spano. Und das Schweigen aus Scham, dass das junge Paar sich einen Hochzeitsempfang absolut verbeten hat, überhaupt nur eine kleine Hochzeit mit einer Handvoll Gäste plant, lässt die Freundinnen klaftertief schwiegen. Denn: Was soll man dazu sagen?

Es ist grausam, dass jähe Ende, weil – ein Missverständnis. Und es ist Richie Spano, der Underdog, dann Freak, der jetzt ein Haushaltswarengeschäft besitzt (und die schöne Seldy), der den Todesengel spielt.

Fazit: Eine schöne Geschichte um das Leben, es ist aber auch eine antike Geschichte um das Sein- und Selbstbestimmung. Am Ende findet Boyle einen versöhnlichen Dreh. Durch die Beobachtung von Miriam, dass alles immer irgendwie weitergeht.

 

Tod in Kitchawank: Übersetzt aus dem Englischen von Anette Grube, Erscheinungsdatum: 01.10.2014, 34 Seiten, Hanser Box
ePUB-Format, ISBN 978-3-446-24799-4

Meine schönsten E-Books

Am Tag der Arbeit gern diese Arbeit. Ich habe E-Books zusammengestellt, die ich in letzter Zeit sehr gern las. Aus verschiedenen Gründen finde ich diese Eriginals und E-Books spannend, mal der Aktualität oder aufgrund ihrer Einzigartigkeit wegen. Also, ich möchte noch einmal vorstellen:

 

 

Margarethe Grimma, Rex Feuchti, Ein rasanter Roman für Freunde der Fiktion. Verlag Das Beben.

Rex Feuchti startet als Schlüssellochroman, den vorgeblich die Frage umtreibt, wie es zur Enthauptung des Pornorappers Rex Feuchti in der Hannoveraner Fußgängerzone durch eine bis dato sympathische Supertalent- Gewinnerin, Fräulein Xenia Hammerstein, kommen konnte. Frau Grimma, laut Eigenauskunft erfolglose Schwerintellektuelle, gibt gleich darauf bekannt, dass sie noch nie etwas geschrieben hat. Und das wird zum Stil- und Formelement: Ein Potpourri aus Zeitungsartikeln, Geschichten, Essays, Kolummen, Märchen, Leserbriefen, Aufsätzen und den Beurteilungen durch Lehrkräfte  hebt an, mischt sich, macht sich Konkurrenz. Der Roman Rex Feuchti ist nicht richtungslos, sondern absichtsvoll ausschweifend, aber eine Tendenz zur Gliederung, einen Haltepunkt gibt es: Es ist die Lyrik des Pornorappers, auch schwanzige Texte genannt.

Es ist ein absurdes Buch, voll mit Albernheiten, die sich unvermittelt als Ernst entpuppen. Expressionistischer Wortbrei aus jeglicher Richtung, oft kakophon, mit der super unzuverlässigsten Erzählerin der Welt. Rex Feuchti – ein großer Spaß.

Margarethe Grimma, Rex Feuchti, ca. 150 Seiten, EAN: 9783944855073, 3,49 Euro.

Besprechungen: Elektro vs. Print

 

 

Cover - Nadine Wojcik - Wo der Teufel wohntNadine Wojcik, Wo der Teufel wohnt. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die Wissen wenig Wert hat; es ist der Glaube, der zählt. Menschen aus allen Schichten strömen zum Exzorzisten. Und auf der Suche nach Wahrheit und Erlösung können die merkwürdigsten Formen nebeneinander existieren; Psychologen und Exzorzisten in friedlicher Koexistenz in einer Beratungsstelle, die sich die Klienten gegenseitig überweisen … Nadine Wojcik ist ein sachlicher und berührender Text gelungen, die Interviewpassagen machen die Reportage einzigartig. Ein mikrotext.

Besessene und Teufelsaustreiber in Angst vereint. Angst vor der Zukunft, Angst vor der Weltlage, Furcht. Ein Rollback der Religionen tut sich auf, Menschen, die Halt und Geborgenheit in Regelwerken suchen unterwerfen sich bedingungslos. Ist Zivilisation beängstigend? Brauchen wir den freien Willen? 

Natürlich liefert Wo der Teufel wohnt keine endgültige Erklärung für das Revival rund um den Exzorzismus. Auch keine Erklärung für den Umstand, warum sich der Teufel gerade in Polen und da überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den Zeilen erzählt dieses Buch von der Suche nach einfachen Antworten in einem Wirrwarr von Welt.

Eriginal, auch als Buch erhältlich, ca. 200 Seiten ISBN 978-3-944543-39-0, 3,99 Euro
buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Thalia Weltbild.

Besprechungen: Atheist Media Blog,  Edition FElektro vs. Print,

 
Akkordeonistin
Sitze im Bus
(ePub, mobi)
EUR 2,99/CHF 3,50
ISBNePub: 978-3-944195-63-6
ISBNmobi: 978-3-944195-64-3
Shops
ePub: Apple, Dussmann, Hugendubel, Mayersche, Minimore, Minimore, Ocelot, Osiander, Thalia, Schweitzer, Weltbild.
Kindle-Mobi:...Akkordeonistin, Sitze im Bus.  Ein Bus ist ein Transportmittel und ein eigentlich sehr uninteressanter, manchmal lästiger Ort. Die Akkordeonistin aber fährt nicht nur der Beförderung wegen Bus. Sie beobachtet, erlauscht und lässt ihre Gedanken dabei fliegen. Herausgekommen sind Betrachtungen, winzige Splitter des Menschseins. So kurz und erfreulich verknappt, sind diese winzigen Erzählungen ein Menschheits-Kaleidoskop. Es ist Lyrik, es ist Kurzgeschichte, es sind Aphorismen, und das Medium ist Twitter. Hundertzweiundzwanzig dieser im Netz berühmten Kürzestgeschichten, entstanden zwischen 2012 bis 2015, versammelt das Buch und jede einzelne von ihnen entfaltet sich beim Lesen zu einer erstaunlich großen Welt.

Akkordeonistin, Sitze im Bus, ePub, mobi, ISBNePub: 978-3-944195-63-6, EUR 2,99,
Apple, Hugendubel, MayerscheThalia, Schweitzer, Weltbild.
Kindle-Mobi: Amazon

Besprechungen: http://www.sueddeutsche.de/kultur/twitteratur-sie-sitzt-im-bus-1.3084927, Literaturen

 

 

Amanda Lee Koe, Ministerium für öffentliche Erregung. Stories. Wer denkt bei Singapur nicht als Erstes an Singapur-Airlines? An Stewardessen mit adretten Frisuren, lieblich lächelnd ein Tablett in der Hand?  Bilder von glücklich devoten Frauen kann der einmotten, der das zu Recht viel beachtete Debüt von Amanda Lee Koe, das Ministerium für öffentliche Erregung, gelesen hat. Erschienen bei culturbooks.

Frauen sind der Dreh- und Angelpunkt fast jeder Short Story in diesem Buch. In genau beobachteten Short Stories blüht Leben, Geschichten, Leid und Freude. Die exzellent beobachteten Miniaturen erinnern an Dorothy Parker, wenn eine kleine Begebenheit zu großer Tragik mutiert, manchmal in Komik aufblüht.

Die fast noch jugendliche Autorin lebt in New York und Singapur,  Ministerium für öffentliche Erregung ist ihr Debüt und wurde mit zahlreichen Preisen bedacht. Die Autorin ist eine Geschichtenerzählerin und ihre ganze erzählerische Kraft, der auch die unaufgeregte, sachliche Sprache zugute kommt, nutzt sie, um sich dem Du zuzuwenden. Im Rampenlicht stehen Antitypen, Antiheldinnen, die bei einem Autorentyp wie Carson McCullers für das Maximum an Rührung gesorgt hätten. Aber im Heute, lässt die Autorin ihren Heldinnen ein Selbstbewusstsein, das bemerkenswert ist. Dieses Buch ist feministisch, ohne es zu forcieren. Dieses Buch besitzt eine unglaublich schöne Lakonie.

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. Aus dem Englischen von Zoë Beck. CulturBooks unplugged, Euro. ISBN 978-3-95988-018-3240 Seiten. eBook: 14,99 Euro. Hardcover 22,00 .
Leseprobe (PDF) CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche.

Besprechungen: Sätze & Schätze,  Perlentaucher.de,  Elektro vs. Print,

 

Kurt Tucholsky, Seifenblasen. Eine Filmerzählung, erschienen bei Rowohlt Rotation, dem Imprint der Verlagsgruppe Rowohlt.  Seifenblasen ist eine in Tucholskys Leben zeitlich spät liegende Filmerzählung, die von Rheinsberg oder Gripsholm überstrahlt wird. Diese Erzählung versteckt sich in der großen Tucholsky-Gesamtausgabe, wer sie nicht hat, für den ist diese Auskoppelung lohnenswert.

Seifenblasen ist Verwechslungskomödie um das Mädchen Barbara, dass als Herr Paulus zu einem gefeierten Damenimitator wird.  Am Ende fällt die Maske, die Liebe siegt, Happy End.  Die Filmerzählung datiert aus 1931, spielt in Berlin, auf der Höhe ihres Ruhms ist Barbara als Travestiekünstlerin eine Berliner Berühmtheit. Selbstverständlich lässt sich Tucholsky keine Gelegenheit entgehen, die Berliner Schnauze zu ihrem Recht kommen zu lassen. Heute gelesen, ist es ein Ausflug in die Zeit vor dem Dritten Reich. Zu sehen, wie Kurt Tucholsky sich 1931 noch über die NSDAP lustig machen konnte, erscheint couragiert – und traurig.  1929 emigrierte Kurt Tucholsky nach Schweden. Auslöser war der Prozess gegen die Zeitschrift Weltbühne, der sich gegen die Verleger, Carl von Ossietzky und Walter Kreiser richtete; wegen des berühmt gewordenen Satzes Soldaten sind Mörder – von Kurt Tucholsky.

Und da wird die Filmerzählung Seifenblasen todtraurig, weil zu bemerken ist, wie Tucholsky sich aus der Ferne sein Berlin, das er kannte und das ihm entglitt, nahe schrieb. Zusammen genommen: die Zeit und die Umstände, unter denen Kurt Tucholsky diese dalberige Komödie schrieb, lassen sich heute von dem heraufziehenden Dritten Reich nicht mehr trennen. Dadurch erringt das Dingelchen einen sonderbaren Ernst, der ihm eigentlich fehlt.

Seifenblasen,  von Kurt Tucholsky, Verlag: Rowohlt Rotation, Filmerzählung, E-Book, ca. 115 Seiten, Entstehungsjahr: 1931, 3,99 Euro.

 

Besprechungen: Elektro vs. Print, Seifenblasen.

 

Und natürlich ist diese Liste unvollständig. Dieser Beitrag ist auch auf  e-rstausgabe.

Einen schönen 1. Mai weiterhin.