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E-Book. Besprechungen

Der Traum vom schönen Sterben

Madonna, Abtreibung, Sterben. Zu diesen drei Themen hat jeder Mensch auf diesem Planeten eine eigene Meinung. Das schöne Buch Heaven’s Gate von dem Autor und Konzeptkünstler Tommy Schmidt , erschienen im culturbooks Verlag, widmet sich erst in satirischer, dann tragischer Form dem Ableben.

Heaven’s Gate soll das Sterben, vielmehr dem Wunsch nach  dem organisierten und selbstbestimmten Verlauf des Ablebens regeln. Noch mehr, Heaven’s Gate soll eine Oase des Sterbens werden, wenn es nach dem Erfinder, dem Eventveranstalter Lasse Wiesenthal ginge.  Jeder, der einmal ein Pflegeheim besucht oder Angehörige in Heimen hat, wird sich seine Gedanken über diese komisch riechenden Verwahranstalten und das schlecht ausgebildete, miserabel bezahlte Personal gemacht haben. An jeder Ecke Schmerzen und Bedürftigkeit, die ignoriert werden, garniert mit Entmündigung und allgemeiner Würdelosigkeit im Umgang mit den zu pflegenden Menschen. Die Grundidee des Baus, der sich am Anfang des Romans in Planung befindet: Es soll mehr sein als ein Sterbehospiz, es soll eben ein Eventcenter werden, in dem Customer einchecken können, wenn sie es leid sind, das Leben. Und nicht nur der Umstand, dass Heaven’s Gate von der Kranken- und Rentenversicherungen mitfinanziert wird, ruft Gegner wie Lebensschützer auf den Plan. Aber Lasse Wiesenthal treibt konsequent seinen Plan voran: Menschen sollen nicht mehr ängstlich den Tod erwarten, im Gegenteil, es soll Menschen durch Heaven’s Gate ermöglicht werden, den Zeitpunkt des Ablebens aktiv zu bestimmen.

Die Hauptfigur, gleichzeitiger Erzähler ist Lasse Wiesenthal, Witwer und Eventunternehmer, der nicht ganz uneigennützig in seinem Streben nach Eröffnung von Heaven’s Gate ist. Bei ihm ist eine unheilbare Krankheit diagnostiziert worden, deren üble Begleitumstände der fortschreitende Verfall bei vollem Bewusstsein sind. Wiesenthals Entourage und Förderer sind sein Sohn und eine illustre Zahl an Personen.

„…Tja, und jetzt, wo die Sozialknete knapp wird, da kommen die Wiesenthals gerade recht mit ihrer Idee, lebensunwertes Leben einfach durch ein Himmelstor zu schleusen…“, ist eine der Gegenstimmen, die dem Projekt ablehnend gegenüberstehen.

Die Kundschaft, die Ersten, die sich über einen Frühbucherrabatt ihr Plätzchen zum Sterben ausgesucht haben und auf der Homepage von Heaven’s Gate vorgestellt werden sind unter anderem: Karl, ein achtundsiebzigjähriger Mann, der weder seine Kinder noch die Gesellschaft mit seiner Pflege belasten möchte. Oder Kamil, Pädophiler, der weiß, dass es für ihn keine Heilung gibt. Und dann Susanne, die an ein Leben nach dem Tod glaubt und in den Himmel möchte, zu ihren Kindern, die ihr Mann umbrachte, als sie sich mit ihrem Liebhaber traf.

Die Story startet im Berlin der ganz nahen Zukunft, 2020. Es gibt irgendwie eine nicht genauer erklärte Wasserknappheit und völlig unglaubwürdigerweise ist der neue Flughafen Schönefeld in Betrieb genommen worden. Die Handlung erstreckt sich von Beginn der Krankheit des Helden, Lasse Wiesenthal, bis zu seinem … . Wiesenthal gehört als Ü50Jähriger einer Generation an, unter deren Ägide Kinderläden, Hospize und Geburtshäuser entstanden, einer tatkräftigen, naturliebenden Generation, deren Schattenseite eine tiefgreifende Humorlosigkeit ist. Wiesenthal ist Witwer, seine verstorbene Frau war eine Mandala tätowierende Künstlerin, zudem ist er Vater von zwei erwachsenen, wohlgeratenen Kindern, die so biodynamisch-korrekt daherkommen, das es eine wahre Lust ist. Immer wieder drängt sich der Verdacht auf, dass gerade dieses Ökospießeridyll ernstgemeint ist. Darüber hinaus gibt Herr Wiesenthal den ausschweifenden Erzähler seiner Welt, seines Lebens, seiner Events, die er in den letzten dreißig Jahren absolvierte und überlebte, ganz im Gegensatz zu anderen, wie die Drummerin Wendy, die im Wachkoma liegt und ab und an nach ihrem Dealer ruft. Es gibt niemanden auf weiter Flur, der Wiesenthals Redeschwall stoppen könnte, selbst der Autor scheint machtlos.

Tatsächlich streut Wiesenthal in die von Höhen und Tiefen ausgestaltete Geschichte um den Bau seines Event-Sterbe-Centers Betrachtungen, es rieseln aus einem Füllhorn Erinnerungen, Meinungen und Anschauungen, dass es – hemmend wirkt. Hätte Wiesenthal einen auktorialen Erzähler, dann würde er bisweilen nicht so penetrant wirken und die Nebenfiguren -alle sind Arrangement für Herrn Wiesenthal – hätten auch mal Zeit für einen Satz, der ihrer wäre. Einerseits nimmt Wiesenthal sich bierernst, andererseits ist er eine Fachkraft der zynischen Betrachtung. Er kommt in Anflügen so daher wie der Herr Wendriner von Kurt Tucholsky, der zuerst die Backen aufbläst, dann sagt: …Mit mir nicht, meine Herren, nicht mit Herrn Wendriner … Herr Wiesenthal ist ein zutiefst ambivalenter Charakter, er erscheint zunächst nicht sympathisch, was auch an einer ausgeprägten Logorrhöe liegt. Er ist ein Mensch, der den Raum betritt und alles dauerbeschwallt, wer er ist, dass früher alles besser war (von Hausbesetzungen bis Punkbands) bis die Lichter ausgehen. Aber dann – dann dreht es.

Und alles wird gut. Und zwar in dem Moment, an dem die Krankheit greift, sich Körperteile von Herrn Wiesenthal seiner Kontrolle entziehen und er mit seinen Einschränkungen leben lernen  muss. Wiesenthal wird klarer. Schrumpfendes Leben. Beispielsweise, als er nicht mehr aus der Badewanne herauskommt, lange auf die Pflegerin wartet und immer wieder heißes Wasser nachlaufen lässt. Schrumpelige Körperteile. Als die Pflegerin kommt und ihn abgetrocknet hat, steckt sie ihn gleich ins Bett. Der sicherste Ort, wenn alles zu schwer wird, aber eben auch nicht selbstbestimmt, und das am Nachmittag. Der Text spürt den Situationen nach, an dem dem Wiesenthal Teile seiner Selbstbestimmtheit abgenommen werden. Da kommen Figur und Roman auf den Punkt. Die Satire berührt die Tragik. Als die weißen Flecken in Wiesenthals Leben größer werden und die finale Frage näher rückt, wird Heaven’s Gate zu einem berührenden Roman, der trifft. Da ist die Not eines Menschen, und da ist das Heaven’s Gate. Die Frage wird an den Leser weitergereicht: Wie sehr darf eine Gesellschaft anderen vorschreiben, wann und wie gestorben wird?

Die Zuspitzung liegt in Form, Zweck und Vorschriften von Bauvorhaben, von dem das Heaven’s Gate in voller Bandbreite getroffen wird, die da wären: Proteste, schützenswerte Feldhamster und naturschützende Hamsterpaten, Pfusch, Schwarzarbeiter, Mafia, Bombenblindgänger, afrikanische Flüchtlinge, Betrug. Alles, was passieren kann, passiert. Währenddessen steuert Wiesenthal’s  Leben unabänderlich auf die Klimax zu. Schafft Wiesenthal es, selbstbestimmt zu sterben?

 

Mein Fazit: Der Autor wagt in seinem Roman einiges: Er denkt konsequent über das mit vielen Tabus belegte Thema Sterben nach. Der Weg zur Gestaltung des Endes ist satirisch gelöst, was das Buch groß macht, ist die dem Thema inneliegende Tragik. Als die weißen Flecken in Wiesenthals Leben größer werden und die finale Frage näher rückt, wird Heaven’s Gate zu einem berührenden Roman, der trifft. Da ist die Not und die Angst eines Menschen, und da ist das Heaven’s Gate. Die Frage nach der Ausgestaltung des Ablebens wird an den Leser weitergereicht: Wie sehr darf eine Gesellschaft anderen vorschreiben, wann und wie gestorben wird. Sehr lesenswert! Einen Einwand habe ich. Ich finde, die E-Book-Version hätte gekürzt werden können.

 

Heaven’s Gate ist bei culturbooks erschienen, einem Verlag, der es schafft, mich immer wieder positiv zu überraschen. Tommy Schmidt: Heaven’s Gate. Satirischer Roman. Klappenbroschur. März 2017. 356 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,40 Euro (A). ISBN 978-3-95988-021-3. eBook: 9,99 Euro

DIE NOVELLE bittet um Einsendungen für die Ausgabe #8:

Zentrale für Experimentelles

#8: SELTSAMKEITSFORSCHUNG

DIE NOVELLE – ZEITSCHRIFT FÜR EXPERIMENTELLES bittet um Einsendungen für die Ausgabe #8:

  • Es dürfen unveröffentlichte und veröffentlichte Werke eingereicht werden. Bei veröffentlichten Werken liegt es in der Verantwortung des Autors, etwaige Rechtsverletzungen im Vorfeld auszuräumen, die Werke müssen also frei von Rechten Dritter sein.
  • Thema der Ausgabe #8: SELTSAMKEITSFORSCHUNG
  • Erwünscht sind experimentelle Werke aller Genres und Gattungen (Lyrik, Essays, Flash-Fiction, Rezensionen, Comics, Interviews, Inserate, Berichte, Doppelspaltversuche etc.); die Herausgeber freuen sich besonders über Einreichungen, die das rein Textliche überschreiten.
  • Maximale Textlänge: 2.017 Wörter
  • 1 Einreichung pro Autor
  • Grafische Arbeiten in Farbe (oder Schwarzweiß), mindestens 300 dpi
  • Dateiformate: doc / docx / rtf / tiff / jpeg / bmp / png
  • Alle veröffentlichten Autoren erhalten ein digitales Belegexemplar. Ein Honorar kann leider nicht gezahlt werden.
  • Die Werke sind bis zum 31.6.2017 an redaktion@novelle.wtf mit dem Betreff „Novelle #8“ einzusenden.
  • Bitte auch Kurzvita (ca. 2–3 Zeilen) mit Namen, E-Mail und Anschrift beifügen.

Wir freuen uns auf kreative/exzentrische/eigenwillige/kühne Großartigkeiten!

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© 2017 NOVELLE

Politische Liebesromane

sind eher selten anzutreffen. Entweder gibt es Romane mit politischen Ereignissen als Hintergrund einer Romanze oder politische Ereignisse greifen durch in das Leben der Menschen, beeinflussen oder zerstören sie wie zum Beispiel in Krieg und Frieden von Leo Tolstoi, bei dem der Kollisionsgeber Napoleons Russlandfeldzug von 1812 ist.

Ganz anders packt Barbara Cartland die Thematik an. Für Cartland, Botschafterin der pinkfarbenen, mit Zuckerwatte gefüllten Herzen, die einen Gesamtverkauf von über einer Milliarde Bücher vorweisen kann, ist Politik das Rattengift der Romanze. In ihrer Glanzzeit fabrizierte Frau Cartland alle 14 Tage einen Roman, in dem das höchste der politischen Andeutungen ist, dass ein Sire zu seiner Königin oder dem König  einbestellt wird. Laut Cartland müssen Liebesromane von Wirrungen leben. Das ist nicht ganz richtig, denn bei den Cartlandschen Liebesromanzen ist die Handlung nicht von Wirrungen bestimmt, denen die Helden ausgesetzt sind, sondern speisen sich oft aus der Verwirrtheit der Heldinnen. Kommt dann noch ein Held dazu, der alles notorisch falsch versteht, dann sind Zerwürfnisse vorprogrammiert.

Also ist eine leicht verwirrte Heldin keine gute Voraussetzung, wenn es um handfeste politische Fragen der Jetzt-Zeit geht. Arunika Senarath stellt sich in ihrem Roman: Diese eine Nacht, erschienen bei mikrotext genau diesem Problem. Die Schreibe ist einfach, locker, das Dialogische stärker als das Beschreibende.

Nur diese eine Nacht ist eine wirbelige Geschichte um Sten und Amina. Für die hübsche, dunkelhaarige Amina ist es das erste Semester in Dresden. Sie lebt sich nur oberflächlich in der Elbstadt ein, denn Amina ist zögerlich, zweifelnd und grübelnd aufgrund eines einschneidenden Erlebnisses ihrer Vorvergangenheit. Ihre männliche Ergänzung ist Sten, ein intelligenter und gutaussehender BWL-Student mit eisblauen Augen. Die Schöne und der Teutone.Eine Anziehung ist da. Es knistert.

So weit, so trivial. Das ist nicht abwertend gemeint, denn triviale Erzählformen brauchen eine starke Bauform und werden dann zu großartigen Werken,  wenn sie den Sachverhalt um etwas Unerwartetes bereichern. Und genau das macht die Autorin. Denn Sten ist intelligent, ein Kavalier und rechts. Die Autorin stellt die Figuren in eine Stadt, die immer wieder von sich reden macht, wie jüngst mit Demonstrationen gegen Skulpturen und lässt den Helden, den jungen Sten seiner Fast-Freundin Amina, die Deutsch/Algerischer Abstammig ist, erklären, warum er den Zuzug von Ausländern kategorisch ablehnt.

Dadurch killt Senarath zwar ihren Darling, kommt aber zu einer berückenden Gegenwärtigkeit. Denn Sten ist nicht nur rechts, er engagiert sich auch noch in einer Gruppierung namens Ante Noctem, die ausländerfeindliche Aktionen plant. Es wäre und könnte ein  Gesellschaftsroman sein, aber leider weist Stens Ausländerfeindlichkeit Züge einer Inselbegabung auf; der Konflikt ist ins Private gezogen, weil sich Amina berechtigt und in Variationen die Frage stellt, ob sie, als Deutsch-Algerierin mit einem Nazi befreundet sein kann.

Das diese Frage auf Seite 50 ganz klar nicht mit einem Nein beantwortet werden darf, versteht sich von selbst, denn dann wäre der schöne Roman ja schon aus. Daher wird die Liebesgeschichte angereichert um ein Ereignis, dass die Autorin in die Vorvergangenheit von Amina gelegt hat. Amina wurde wie die Marquise von O. schwanger, gepaart mit dem ganzen Nichtwissen um die Entstehung des Kindes. Entgegengesetzt zur  Marquise von O., die ihren Vergewaltiger lieben lernt und heiratet, beseelen Amina ganz andere Gefühle. Dieses Nichtwissen, was in der Nacht passierte, macht aus Amina eine andere Person. Aber auch hier muss in der notwendigen Fortsetzung entschieden und geklärt werden, wer der Vater ist – auch in bezug zum Haupthelden. Das ist das Konfliktpotential von Amina, an dem sie aber nicht wächst, sondern das sie ausmacht.

Um Sten und den Machenschaften seiner Gruppe Ante Noctem auf die Schliche zu kommen, wird Amina zur Detektivin. Sie möchte ihren Freund und seine Kumpanen überraschen -wobei, was nicht schon klar wäre? Dass Amina ermittelt und dann im Zuge ihrer dilettantischen Schnüffelarbeit etwas findet, was zügig zum Ende des ersten Teil des Romans führt, ist nicht gelungen; die Handlung bekommt kolportagehafte Züge, was den Realismusgehalt des Textes killt.

Ja, der Schluss ist unverständlich wie unbefriedigend, es ist kein Schluss, sondern ein Cliffhanger. Gottlob ist ein zweiter Teil in Planung, der die ganze Sache mit der Liebe um Amina und Sten bis zum Ende behandelt. So gesehen ist Nur diese Nacht ein Zweiteiler, und am Anfang des zweiten Teils müsste erklärt werden, was das für ein Anschlag war, den die Gruppe Ante Noctem plante.

 

Zur Autorin: Arunika Senarath wurde 1993 in Colombo, Sri Lanka geboren und wuchs in einer Kleinstadt in Baden-Württemberg auf. Sie studierte Politikwissenschaft und Kommunikationswissenschaft an der TU Dresden und wohnt in Berlin. Diese eine Nacht ist ihr Debütroman. Sie schreibt an einer Fortsetzung, die demnächst bei mikrotext erscheinen wird.(Quelle: mikrotext)

Mein Fazit: Ein Liebesroman mit politischen Dimensionen in Elbflorenz. Die Zutaten zu diesem Roman sind toll. Ein schöner Einfall, dass für eine beginnende Liebe die größte Hürde und die größte Möglichkeit des Scheiterns darin liegt, dass der männliche Held alles ist – und ein Nazi . Eine wunderschöne Konstellation von Menschen, Liebe und Leidenschaft in Sachsen. Die Schwächen sind, dass die Figuren sich nicht so sehr bewegen, noch nicht die Tiefe haben, dass die sie beherrschenden Konflikte richtig aus der Bahn schleudern. Trotzdem: Auch dank der flotten Schreibe durchaus ein lesenswertes Buch in 2017.

Diese Eine Nacht, E-Book, zu beziehen bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel

 

 

Hausbesuche

 

HAUSBESUCH: Das Goethe-Institut gibt im Frohmann Verlag eine eigene E-Book-Reihe heraus

10 Autor_innen durch 7 Länder in 6 Sprachen ergibt 20 Reisen, was 40 Hausbesuche macht, destilliert in 11 E-Books = eine europäische Geschichte. Europäische Türen gingen auf, zehn Schriftsteller traten ein. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freut mich die sechssprachige E-Book Reihe, die in Kooperation mit dem Goethe Institut entstanden ist, die am  10. Januar 2017 startete. Hausbesuch, erschienen im  Frohmann Verlag.

…“Hausbesuch basiert auf der Idee, dass Schriftsteller zwei Städte in Europa besuchen, eine in Deutschland, eine woanders…“

Die Hausbesuch-Reihe startete mit Marie Darrieussecq,  die als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris lebt, mit Neapel – Dresden in Europa. Darrieussecq, 1969 in Bayonne geboren, studierte Literaturwissenschaft an der École Normale Supérieure in Paris. 1997 ihr Erstling, Schweinerei, was ein furioser Satire-Roman über die junge Angestellte eines Massagesalons ist, die dort erst massiert, sich dann prostituiert, schlussendlich die Gestalt wechselt, sich in ein Schwein verwandelt. Im Zentrum von Darrieussecqs Schaffen stehen Frauen, die größten Widersacher ihrer Heldinnen sind das Leben in  seiner allgemeinen Widersinnig- und Ungerechtigkeit.

In Neapel – Dresden in Europa ist Darrieussecqs Sicht privat,  es ist wie ein träges Schauen aus einem ICE-Fenster, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, schnappschusshafte Blicke, dazwischen sich schlängelnde  Gedankenflüsse und Asssoziationen. Darrieussecqs Gehirn zieht Fäden zwischen Neapel und Dresden. Sie beginnt mit der Frage, welches ist die heimliche, die ungekrönte Hauptstadt Europas? Constanza, Berlin oder London? Ihrem Dafürhalten nach ist es Paris, warum auch immer. Dieser Ton, diese müßigen Betrachtungen, die sich einer genauen Kategorisierung entziehen, erinnern von der Stimmung her an eine absolvierte Grande Tour im 19. Jhdt, genauer an die sich anschließenden gebundenen Reisebetrachtungen mit getrockneten Blumen darin.

Denkt sie an Dresden, dann fallen der Autorin Flugzeuge, Bomben Zerstörung und  Krieg ein. Aufzählung von Katastrophe: Guernica, Hiroshima, Nagasaki, Dresden. Schlicht im Ton aber gewagt, die Komplexität des Lebens, der Kriege und des Todes so simpel herunter zu brechen. Aber es ist so: Europa ist eine Laterna magica. Die Versuche, zwei willkürlich gewählte Orte, wobei ein Ort sich in Deutschland befinden muss, miteinander zu verbinden, also Europa ideell auf den längst fälligen Nenner zu bringen, ist schwer. Hier Dresden und seine Erinnerungskultur, die Frauenkirche als Symbol der Zerstörung, dort Neapel und sein Müllproblem. Da ist Dresden, dass sich in Teilen echauffiert über drei hochkant gestellte Busse, die an einen Krieg in Syrien erinnern sollen, der immer noch tobt. Busse als ein Symbol für Menschen, die sich hinter diesen vor Scharfschützen zu verstecken suchten, die Frauenkirche als ein Symbol für die Leiden des Krieges. Also Symbol neben Symbol für einen nötigen Frieden wird dieser Tage in Dresden zu offen gelebter Rage. Weiterführend ein schöner Artikel des Online-Magazins Elbmargarita von Nicole Czerwinka.

Und warum gibt es Neapel keinen Dresdner Hof, wenn es doch in Dresden eine Pizzeria Napoli gibt? Die Autorin sucht nach Gemeinsamkeiten, ist bei Meridianen, findet in Viktor Klemperer eine Übereinstimmung. Klemperer lebte und litt nicht nur in Dresden im Dritten Reich, sondern arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg an der Universität von Neapel als Lektor. Erschöpfen sich da die Gemeinsamkeiten?

Neapel. Über Neapel schreibt Marie Darrieussecq leider weniger. Aber eine Familie, endlich Menschen,  Frauen und ein sehr alter Mann, lädt zu Besuch. Der Ton wird anders, ein Gegenüber macht sich konkret. Wie unterscheiden sich Neapolitanische von Dresdner Problemen?  Genannt werden nicht die Steuern, notiert Darrieussecq, nicht die Migranten, sondern die Mafia und vor allen Dingen der Stress. „… Am Ende des Tages haben die einfachsten Dinge so viel Energie verbraucht, dass du erschöpft bist. …“. 

Die Reise von Marie Darrieussecq beginnt wie ein privater Eindruck. Wie ein Tagebuch – stellenweise mutet es an wie ein bürgerliches Reisetagebuch des 19. Jhdts., aber dann öffnet es sich, es kommt zum Gespräch, das Miteinander, Durcheinander ist erfrischend, die Skizzenhaftigkeit erhellend, auch deprimierend, aber immer kurzweilig. Und schon wäre ich beim Fazit: Dieses Europa ist schwer unter einen Hut zu bringen – wenn es sich schon als so mühsam erweist, zwei Städte auf einen Nenner zu bringen. Aber das Bemühen, das Ringen darum, ist eine schöne Reise hin zu dem, was Europa ausmacht: Vielfalt. Einer der schönsten Sätze von Marie Darrieussecq geht so: ….„Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß bloß nicht, in welchem Zustand….“.

Ein Hausbesuch in sechs Sprachen. Ein schönes Projekt, dass zeigt, wie wenig Europäerin ich bin, wie wenig ich zwischen den Sprachen wechseln konnte. Dafür sehr schön aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Frank Heibert.

Frohmann Verlag:

Marie Darrieussecq
Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe
Reihe Hausbesuch, Vol. 1
E-Book (ePub/mobi), 202 p.
Berlin: Frohmann
10 January 2017

ISBN ePub: 978-3-947047-00-0
ISBN mobi: 978-3-947047-01-7

EUR 2,99

Shops
Amazon, Apple iBooks, Barne&Noble, bol.de, bücher.de, Hugendubel, Mayersche, Ocelot, Osiander, Schweitzer und Thalia.

#HausbesuchLIT

Wenn Leser mit entscheiden

Totenläufer. Der Blog der Autorin Mika Krüger bietet eine gute Übersicht über die Gestaltwerdung dieses Sci-Fi-Romans. Ganz anders als SchreiberInnen, die sich von inneren Eingebung leiten lassen, denen egal ist und egal sein muss, was mögliche Leser von dem Werk in Werden halten, ließ Mika Krüger ihre künftigen Leser teilhaben. Zum Einen ist es  Marketing, zum anderen kennzeichnet dieses Vorgehen die Wasserscheide zwischen Literatur und Genre. Totenläufer, Im Namen der Sicherheit, erschienen im November 2016, ist Science Fiction, eine -und das ist das Schlimme- gar nicht fremde Dystopie, die sich zuerst der Frage widmet: Wer darf leben? Im Umkehrschluss: Wer wird ausgerottet? Danach wird durchdekliniert: Wer hat die Macht und welche Rechte räumt Macht automatisch ein?

Tania Folaji: Mika, Du hast potentielle Leser sehr an der Erstellung Deines Romans teilhaben lassen, sind Ideen von Lesern eingeflossen? Entwicklungen, Wendungen im Skript, die Du vorher nicht so beabsichtigt hattest? 
Mika Krüger: … Zum Beispiel habe ich Rinas Einstellung zu ihrer Angst überdenken müssen, da einige Testleser angemerkt haben, sie sei schwer nachzuempfinden und dadurch anstrengend. In der Ur-Version war sie also noch viel ängstlicher. Ähnlich ist es wohl auch mit dem Fakt, dass überhaupt eine ganz zarte Liebesbeziehung angedeutet wird. Hätten sich das nicht viele Leser nach den Sieben Raben gewünscht, hätte ich wohl erneut darauf verzichtet. … Ich bin wirklich jemand, der gern gemeinsam Ideen entwickelt. Darum nutze ich auch Autorengruppe und stelle Fragen, wenn ich nicht weiterkomme. In Band II wird es auch eine Figur geben, die eigentlich jemand anderes erfunden hat.
Genau diese Liebesgeschichte moniere ich, sie ist mir zu  Unentschieden. Mir kamen die Figuren nicht geführt vor, was sehr gut daran liegen kann, dass die AutorIn sich entweder mit Handlung und/oder Figur nicht identifizieren kann, oder nicht genau weiß, worüber sie schreibt. Ich würde Ersteres annehmen.
T.F.: Ich erinnere mich auch daran, dass du auf Deinem Blog hast abstimmen lassen, Namen und ähnliches, ist das richtig?
Ja, es ging um den Namen der Rebellengruppe. Es standen mehrere Sachen zur Wahl und REKA ist es dann geworden. Da habe ich mich tatsächlich nach der Mehrheit gerichtet. 
T.F:  Hast du auch Schauplätze zur Diskussion gestellt?
Mika Krüger: Nein, ich habe nur vorgestellt, wie ich es mache. Aber es gab eine Diskussion über Neel Talwar (Totenläufer, TF) und ob er nicht als Hauptfigur ungeeignet ist, da zu zynisch und überheblich.
T.F: Wie haben deine potentiellen Leser abgestimmt?
M.K. Die mögen Neel, aber durch die Diskussion hat sich folgendes bestätigt: Es war eine gute Entscheidung, ihn erst nach einem Drittel des Buches auftauchen zu lassen, weil er sonst ggfs. zu unsympathisch gewesen wäre. Aber das ist Spekulation. Damals hatte ich ihn ja nur auf dem Blog als Figur vorgestellt.
 …

So viel zum Mitspracherecht des Lesers. Zum Inhalt: Die Regierung der Insel Red-Mon-Stadt darf totalitär genannt werden. Die Bevölkerung scheint Diktaturen zu begrüßen, weil die Einwohner das Gefühl haben (das geschürt wird) dass nur eine starke Hand sie besser vor Gefahren im Allgemeinen und Gefahren im Besondern, Lorca, beschützen kann.  Der Schauplatz ist die Insel Red-Mon-Stadt, darauf werden Lorca, also Menschen mit blasser Haut,  goldenen Augen und bisweilen ausgestattet mit einer telepatischen Spezialfähigkeit (Lorcaism), ausgerottet. Für das Ausrotten ist ein in den Medien gefeierter Jäger, der Totenläufer, zuständig. Es gibt einen Gegenpol zur willkommenen Diktatur – das sind naturgemäß Rebellen, so auch in Mika Krügers Roman.

Die Hauptfigur ist Rina, ein Lorca-Mädchen. Gleich am Anfang bekommt der Leser über Verfolgungssequenzen aufgezeigt, was die allesbeherrschende Konstante in Rinas Leben ist. Flucht, Angst und Todesangst. Keine Sicherheit. Kein Ort nirgends (Zitat: Aber von wem?)

Der Totenläufer genießt eine Tartuffsche Einführung, d.h. Figur tritt noch nicht auf, aber  alle reden über die Figur, woraus sich ein widersprüchliches Bild ergibt. Es ist eine sehr schöne Art der Figurenpräsentation. Aus der Sicht der Gejagten Rina ist der Totenläufer das personifzierte nahe Ende. Weil Repräsentant des Systems, haben die Rebellen den Totenläufer auf der Liste, da ist er Bedrohung und Gejagter.

Ein kurzes Wort zu den Rebellen: Sie kämpfen für einen diffusen, nicht näher erläuterten Freiheitsbegriff. Einfach mal Freiheit. Mit den Rebellen hatte ich nicht auf der Figurenebene, sondern als Systembegriff meine Probleme; denn ich habe nirgendwo gefunden, was die Rebellen denn nun anders machen wollen. Sie kamen mir auch irgendwie totalitär vor. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin mir genau das sagen wollte, aber  ich fand Analogien zur Jetzt-Zeit.

Als der Totenläufer gefangen genommen wird, da wird er figürlich, das Monster ist ein Mensch. Ein Opfer.Wer steht wo? Und warum fühlt sich Rina zu dem Totenläufer hingezogen? Es bleibt spannend.

Fazit: Der Totenläufer hat einen linear erzählten Plot: Es läuft auf die Befreiung Red-Mon-Stadts durch die Rebellen hinaus oder eben auf deren Untergang. Der Totenläufer gehorcht dem Genre des Science-Fiction, ist zudem aufgefächert wie ein Thriller, in dem die Leser über ein fast gottgleiches Vorwissen in Bezug auf Absichten und Motive der kämpfenden Parteien verfügen. Was ich schätzte: Die AutorIn beherrscht ihr Genre,  der Entwurf einer durchtechnisierten Welt in 2075 ist ihr absolut gelungen; sie fühlt sich im Sci-Fi wohl. Wichtigster Punkt: Ihre Hauptfiguren sind gelungen. Was ich nicht so sehr mochte: Der Totenläufer ist sehr genau erzählt mit einer Liebe zum Detail, aber da ich eine Handlungsleserin bin, werden mir manch zuviel an Schnörkel zugemutet, -die reden einfach zu lange – bis ich wieder zu handlungstreibenden Elementen komme. Auf der anderen Seite ist es genau das, was Science-Fiction, History- und Fantasy-Lesern immer nachgesagt wird: Die Liebe zum Detail. Die ist da. FazitFazit: Wer Dystopien mag, die irgendwie an Blade Runner erinnern, der wird Totenläufer mögen.

Zielgruppe: junge Erwachsene, hier eine lesenswerte Rezension von Buchstabenträumerei.

 

Vorsatz und Vorschau – mein literarischer Januar

Mein erster Vorsatz soll sein: Ich will mehr lesen. Aber: Ich will ganz explizit nicht noch mehr News konsumieren, nicht noch mehr  Nachrichtenmeldungen, die sich tausendfach retweetet aufblähen wie dicke Gespenster. Ich will auch nicht mehr so viel Kommentare auf Facebook lesen. Obwohl ich Kommentare lesen nicht unter Lesen verschlagworte, ich halte Kommentare lesen für etwas Erlauschtes; denn der, der spricht (ja, ich halte Facebook für ein orales Medium) weiß nicht, dass ich ihn höre. Aber das ist ein anderes Thema, für Pessimisten die Rolle rückwärts – der Rückfall in eine dunkel orale Kulturzeiten durch soziale Medien.

Aber da will ich ja gar nicht hin. Erstens war, ich will mehr lesen, und zweitens: Ich werde ab sofort ein Buch nur noch nach dem anderen lesen. In der Nachbetrachtung 2016 beschlich mich das dumpfe Gefühl, dass ich manche Bücher vielleicht anders hätte besprechen können und müssen, wenn ich dem Buch mehr Singularität zugestanden hätte.  Einem Buch muss Zeit gewidmet werden. Bücher verlangen Ausschließlichkeit. Das tut ihnen gut. Bücher werden nicht als Mischware konzipiert, sie können zwar gut bei einander stehen, eignen sich aber nicht wie Obst dazu, gemischt zu werden.

Der letzte gute Buchvorsatz: Ein Buch lesen ist eine Eroberung. Das hat etwas gipfelstürmerisch Romantisches – weniger: Sich ein Buch zu erschließen ist wie die Arbeit eines Streetworkers im Regen an Fernbahnhöfen. Das muss man wollen, da muss man sich drauf einlassen. Was im Lesen für mich bedeutet; einem Buch mehr Zeit zu geben, es nicht gleich wegzulegen.

Das reicht jetzt aber 2017 an guten Vorsätzen, mehr schaffe ich nicht. Und es gibt wieder eine ganze Reihe Bücher und Projekte, an denen ich meine guten Vorsätzen in die Tat umsetzen kann:

Neues aus dem Frohmann Verlag: Die Reihe Hausbesuch startet. 10 Autor_innen – 7 Länder – 6 Sprachen – 20 Reisen – 40 Hausbesuche – 11 E-Books wird zu 1 europäischen Geschichte. Zehn Schriftstellern wurden quer durch Europa die Türen geöffnet. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freue ich mich auf die sechssprachige E-Book Reihe, entstanden in Kooperation mit dem Goethe Institut, die am  10. Januar 2017 startet. Die Texte sind zu beziehen über den  Frohmann Verlag.

Seit ein paar Wochen habe ich den Roman Totenläufer von Mika Krüger auf meiner Leseliste. Totenläufer ist eine Dystopie, in der eine Welt beschrieben wird,  die sich stark über die Nutzlosigkeit einiger Menschen definiert.Hört sich erst einmal null utopisch, sondern real an. Nach Konstruktion dieses Konfliktpotentials und Verlagerung in fantastische Welten geht die junge Hallenser Autorin  daran, aus der Unmöglichkeit des Seins für viele Menschen in Red-Mon-Stadt die Verhältnisse eskalieren zu lassen. Rebellion liegt in der Luft. Ich habe Totenläufer schon angelesen, fühlte mich an den Blade Runner erinnert –  und obwohl Fantasy ist nicht so mein Fach ist, bin ich nach der Leseprobe sehr angetan von Totenläufer. Ausführliche Besprechung folgt.

Und dann will ich mich großen Gefühlen stellen; in einem Text, der ganz offen und unverstellt ein Liebesroman ist. Arunika Senarath mit Diese eine Nacht. Der Titel hat was von einem Baccara-Roman, auf dem Cover ein Mann im Cut mit einer Rose im Mund. Aber in diesem mikrotext soll mehr drinstecken als eine Liebesgeschichte, die losgelöst von Zeit und Raum agiert. Neben Amina und Sten, die sich in Dresden kennen und lieben lernen, hat die Jetzt-Zeit einen Raum und kommt dem jungen Glück mit Konflikten;  und zwar die Auseinandersetzung mit differierenden politischen Haltungen. Ich bin sehr gespannt.

Damit dürfte der Januar lese- und besprechungstechnisch fast rum sein, aber ich möchte noch -und das schon seit langem – Liza Cody und Malla Nunn – beide als E-Books bei culturbooks erschienen, lesen. Ich denke, dass meine Winterferien unter dem Zeichen dieser intelligenten Kriminalromane stehen werden. Beide Autorinnen nutzen das Genre des Kriminalromans, um Zustände und Haltungen von Gesellschaftsformen aufzuzeigen. Nicht  durch die Funktion des Autorenkommentars, was immer ein wenig geschwätzig daherkommt, sondern dadurch, dass sie Zündstoff durch Anordnung von Szenen und Konzentration von Figuren nutzen. Darauf freue ich mich sehr.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf einen Blog: LitAfrika, ins Leben gerufen von Sophie Sumburane. Hier bekomme ich einen guten Einblick in heutige afrikanische Literatur abseits von ausgetretenen Pfaden oder zugeschnitten auf vemeintlich europäische Bedürfnisse: “  … „Solange die Löwen sich nicht ihre eigenen Geschichten ausdenken, werden in Jagdberichten immer Jäger die Helden sein.“ ….“ (afrikanisches Sprichwort, gefunden auf LitAfrika)

Hier wurde ich auf das bemerkenswerte Gedicht von Adewale Owoade aufmerksam. Denn Dein Körper nahm den falschen Weg nach Haus. Dieses Gedicht nimmt sich eines 2016 geschehenen Mordes an; ein Jugendlicher wurde in Ondo, Nigeria, von einer Gruppe Jugendlicher so schwer zusammengeschlagen, dass er einen Tag später an seinen inneren Verletzungen starb. Der Grund für die Attacke war die angebliche Homosexualität des Opfers. Passanten und Schaulustige griffen nicht ein. Der Lyriker Owoade, Gründer des Literaturmagazins Expound, macht sich in Nigeria nicht nur mit diesem Gedicht stark dafür, Homosexualität zu enttabuisieren.

So. Das wird mein literarischer Januar sein.

Das Debüt 2016 … meine Stimme geht

an… Stilistisch finde ich die fünf nominierten  Titel sehr gut und richtig ausgewählt; obwohl ich noch andere Titel im Auge hatte, die ich gern auf der Shortlist gesehen hätte.
Hier sind meine Leseeindrücke und mein Votum für das Debüt.
42510Katharina Winkler – Blauschmuck, Suhrkamp Verlag
Die Hauptfigur, Filiz, wird erzählt von ihrer Kindheit bis zu dem Punkt, an dem sie es mit Hilfe schafft, sich von ihrem gewalttätigen Mann zu trennen. Wobei diesen Mann gewalttätig zu nennen untertrieben ist. Die Geschichte handelt von Gewalt auf allen Ebenen, begangen von Männern an Frauen, der sich in Blauschmuck in allen Schattierungen äußert.  Ich mochte die reduzierte Sprache sehr, aber die Autorin verlässt sich in ihrem Debüt sehr sehr darauf, dass alles wahr ist, dass sie sich der Notwendigkeit enthoben fühlt, ihre Figuren zu entwickeln. Hauptsächlich werden in Blauschmuck Schläge variiert, die Figuren bleiben typisiert. Ich bin diesem Wahrheitsfimmel in der Literatur sowieso nicht zugeneigt, denn: die Wahrheit ist kein Ritterschlag und Wahrheit kann manchmal so bedrückend langweilig sein, dass sie kein Stoff für ein Buch ist. Man kann nicht unter dem Mäntelchen der Wahrheit Dinge erzählen, die so einseitig sind, dass sich mir die Haare sträuben. Auch wenn ich der Protagonistin sehr zugeneigt bin, ereilt sie doch das gleiche Schicksal wie der Hauptfigur von bspw. Ken Loachs Film Ladybird. Ich stumpfe ab. Ich mache dicht. Die Schrecknisse, die Brutalität, die diese Frau erleiden muss, ließen mich abstumpfen. Und der Mann, der Täter, der lässt mich ganz ratlos zurück. Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Was er ist. Was er will. Fazit: In Blauschmuck wird Gewalt auf so penetrante Art eindimensional behandelt, die Figuren sind Holzschnitte.  Leider ein Buch, dass mich an Betty Mahmoody Nicht ohne meine Tochter erinnert hat, daher kann ich nicht für Blauschmuck votieren.
wittstock__uli___574458826cedcUli Wittstock – Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf, Mitteldeutscher Verlag
Ein Krimi, auf den ich mich sehr freute. In einem Funkhaus wurde ein bekannter Moderator einer Volksmusiksendung umgebracht, im Buch heißt es tourniert. In einer Zeitspanne von sieben Tagen wird ermittelt – es tritt eine ganze Armada an eigenartigem Personal auf: Kleine Politiker mit zynischen Werten, Menschen, die einem Life-Doc folgen und eine ganze eigentümliche Auffassung von Sein und Werten haben, unangenehme Radiomoderatoren. Die Erzählung ist wie ein Sampling, rasant, mir manchmal zu abrupt, teils sind Kommentarfunktionen drin, die mir die Lust auf das Lesen nehmen, ich fühlte mich gesteuert. Aber Uli Wittstock und Weißes Rauschen ist auf jeden Fall ein Buch für Leser, die abseitige Krimis aus zynischer Blickrichtung lieben, schöne Wortspiele, schöne Bilder. Für mich leider zu kaskadenartig, zu zivilisationsmüde, daher votiere ich nicht für Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf.
cv_harter_weissblende_webSonja Harter – Weißblende, Luftschacht Verlag.
Ich hatte Sonja Harter schon in den Leseeindrücken gestreift. Mir fielen schon im ersten Kapitel einfach Sätze auf, wie „…Im Unendlichen schneiden sich die anständigsten Kinder ins Fleisch….“, die einfach zu groß geraten sind. Weißblende handelt von dem Werden des Mädchens Matilda. Im Jetzt in der Psychiatrie, im Davor Heranwachsende in einem Leben wie hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Dazwischen  wallen Phasen, in denen die junge Frau sich in ihrem neuen psychiatrischen Zuhause verorten muss und beobachtet, sinniert. Wieder geschraubtes Satzgut, die Metaphern schwer. Sehr gut gelungen sind die Passagen, in denen die Heranwachsende mit ihrem Vater an der Hauptstraße von Unteraubach wohnt. Vater und Kind, die Mutter ist als Foto präsent. Es hat eine schöne Stimmung, wie die Ich-Erzählerin unaufgeregt,  aber voller Zweifel die Welt beobachtet. Sie weiß noch nicht genau, was das mit dem Leben auf sich hat, aber sie ahnt, dass das, was sich so Leben nennt, kein Spaziergang sein wird. Und ihr Leben gestaltet sich tatsächlich so, wie man es sich für eine Heranwachsende nicht wünscht. Die Sprache, die lyrische Kraft finde ich sehr schön, dramaturgisch finde ich die Geschichte, die zu einem Missbrauch des Mädchens Matilda wird, eher dürftig, die Missbrauchsgeschichte gerät mir daneben, erscheint wie behauptet. Sprachlich toll, aber die Anlage der Geschichte, also der vielfache Missbrauch der Matilda, habe ich wie als ein Konstrukt gelesen. Konstruiert, um die Hauptfigur in der Psychatrie landen zu lassen, um eine große Geschichte aufzureißen. …
„Hier werden die Hände unweigerlich braun: auf den Straßen, auf den steilen Feldern, in den Ställen, in den Vaginas der minderjährigen Töchter.“ Was steckt da für eine Farbpsychologie hinter?
ymir-cover-1Philip Krömer – Ymir oder aus der hirnschale der himmel, homunculus Verlag
1939, ein hochgeheimer Expeditionstrupp bestehend aus VonUndZu, KleinHeinrich und dem  „…  Ein Mann für fachliche Expertise, einer fürs Gelände. Was wir noch brauchen, ist ein Erzähler, der nachher alles zu Literatur macht. Weil auch wir an großen Stoffen weben.“ Ob er mir ein paar Anhaltspunkte geben könne, zur Einstimmung, für die vorbereitende Recherche? „Sagen wir: es geht um einen weißen Fleck, der nicht auf den Landkarten zu finden ist. Mehr sagen wir nicht. Und über das Wenige, das ich sagte, schweigen wir wie ein Grab, ja?“ …“   Erzähler. Das ist der Auftrag, da sind die Figuren. Und der Erzähler schreitet zur Tat. Erzählt. Berichtet von der Expedition, die er im Gegensatz zu anderen überlebte. Was den Text dominiert, ist eine stets und beständig abschweifende, genüsslich wegdriftende Gedankenstimme, die sich nicht festnageln lässt, Kapriolen schlägt, sich erinnert, dabei durchaus  ihrer eigenen Logik folgt. Die gedrechselten Sätze, die gesamte Vintage-Sprachhaltung macht Spaß. Der Spaß um das recht eigenartige Team (ja, sprechende Namen, ja die Weltensaga wird kolportiert, liebe Grüße an die Intertextualität) kann beginnen, wird unterstützt durch Kapitelüberschriften und anatomische Zeichnungen. Und wenn der Text ausufert, dann schien es mir Strukturbestandteil. Philipp Krömer mit Ymir oder aus der hirnschale der himmel ist meine Nummer zwei. 
9783462048919Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch
Ich mochte das Debüt von Shida Bazyar sehr. Leben, wenig Freude, aber viel Leid über vier Jahrzehnte. 1979, die iranische Revolution ist das schicksalsauslösende Ereignis, das in fünf Menschen hineinwirkt. Die iranische Revolution. Hoffnung auf eine neue Ordnung, auf eine freieres Leben nach dem Schah. Schnell werden Hoffnungen im Keim erstickt, im Evin-Gefängnis zerstört. In Zehn-Jahressprüngen berichten erst der Vater, die Mutter und dann die Kinder von ihrem Leben, wobei die Tochter Laleh, deren Stimme 1999 einsetzt, die stärkste und interessanteste ist. Lalehs Sein ist nicht so intakt wie das ihrer Eltern, für die Deutschland das Land ihrer Emigration ist. Laleh muss sich aufspalten, sie lebt ein Teil Leben mit ihren Eltern, ist deren Sehnsucht ausgeliefert, aber ihr bleibt deutsches Leben nicht fremd. Ich hätte mir von der Figur der Laleh eine spannendere Auseinandersetzung um Identität und Heimat gewünscht. Weiterhin spannend die Anordnung. Alle Figuren haben ihre Stimme, ihre Perspektive, ihr Sein. Wie die Mutter aus der Perspektive ihres Mannes an Gestalt gewinnt: In Teheran ist sie eine literaturliebende, unabhängige Frau, in der Emigration wird sie mit ihrer Stimme zu einer unsicheren, traurigen, alles abwehrenden Frau. Laleh, die genaue Beobachterin, erlebt die Mutter bei einem Besuch im Iran teilweise entfremdet. Denn die Realität im Iran  kann nur blass sein angesichts der Sehnsucht der Mutter.
Lalehs Geschwister fand ich eher blass, sie kamen mir erzählt vor.

Nachts ist es leise in Teheran: Zersplitterte Biographien, ein Leben voller Sehnsucht  in Unvollkommenheit. Weil die Heimat nicht mehr ist. In der zweiten Generation besteht zur Heimat ein gebrochener Bezug. Und da ist mein  Knackpunkt: Hier wird Nationalität ganz simpel mit Identität gleichgesetzt. Das ist mir zu kritiklos. Und unrichtig. Da kuschelt sich ein schöner Stoff zu sehr in der Schublade Migrantenliteratur.

Fazit: Trotz meines Einwandes votiere ich für Nachts ist es leise in Teheran. Denn es fühlte sich an wie eine Saga, es ist ein weitreichendes Werk über die 1979er Revolution und ihre Folgen, um Entwurzelung, Verlust und Heimat.

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