Ein neuer mikrotext. Elke Brüns mit Unbehaust

Termin: E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a. Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. 

 

…Wohnen und Nichtwohnen sind keine einfachen Tatbestände, sie sind umgeben von Fantasien, Ängsten und Wünschen….

Der mikrotext von Elke Brüns, erschienen November 2017 widmet sich in beschreibender Form der Kulturgeschichte der Obdachlosigkeit, beleuchtet die gesellschaftlichen Folgen für Wohnungs-, Obdachlose, Nomaden und Flüchtlinge.

Akribisch nimmt sich die Autorin dem Unbehaustsein an, ihr Essay spürt den Zuweisungen der Dach- und Wohnungslosigkeit nach. Elke Brüns, die als Dozentin an der Universität Greifswald lehrt und zu Armut forscht, trennt in ihrem Essay zuerst die Real- von der Imaginationsgeschichte der Obdachlosigkeit. Es geht in Unbehaust nicht um die soziale Frage des Warum Obdachlos, sondern um die Kulturgeschichte des Unbehaustseins. Daneben zeigt die  Autorin imaginationsgeschichtliche Prozesse; wie den freien Vogel in der Geschichte der Romantik. In losen Kapiteln nähern wir uns dem Mythos, der seit der Romantik um die Obdachlosigkeit gesponnen wird, was weiter lebendig einwirkt auf künstlerische Prozesse, in der der Obdachlose zum Antihelden, sogar zu einem heimlichen Ideal für Literatur, Film und Fotografie wird.

Der Obdachlose ist das Sinn- und Zerrbild einer Gesellschaft, eine lebendige Frage: Wie helfen? Wem soll man helfen? Wem soll man denn noch alles helfen? …

Zur Faszinationsgeschichte der Unbehaustheit: Die romantische Deutung einerseits nimmt sich des Menschens ohne Obdach als einer Kultfigur an, frei von Fesseln und Zwängen des bäuerlichen und bürgerlichen Lebens. Elke Brüns nennt es zutreffend …. Die Sehnsuchtsgestalt der Vagabondage…  Imagination einer Gestalt, die sich aus bürgerlichen Zwängen befreit. Joseph von Eichendorff lässt in seinem Roman Aus dem Leben eines Taugenichts einen Antihelden auferstehen, der Heimat, Haus und Hof verlässt, das Joch der strengen Pflichten abschüttelt und frei aller Verantwortung in die Welt hinaus zieht. Die Freiheit wird gesucht, das Entdecken und das Sich-Entdecken. Arbeitsnorm, Einhaltung von Tradition und Gesetz sind unnütz. Der Taugenichts ist der erste deutsche Punk, ein Aussteiger. Die Intention des Geschriebenen bei Eichendorff liegt  nicht nur in der Lust an der Provokation begründet, sondern ist auch ein Hinterfragen von Gesellschaftsordnungen und Werten, die dem Leser über die Figur nahegelegt werden. Aber das ist auch ein Problem: Es ist ein romantisiertes Bild – eine Figur, die die Lesenden am Ofen wachrütteln soll. Denn geschrieben wurde der Taugenichts mitnichten für Vogelfreie, Unbehauste und Obdachlose.

Die Wirklichkeit der Obdachlosigkeit sah anders aus. Landfriedenserlässe aus dem 13. Jahrhundert, die sich an Stand und Ort knüpfen, haben für Vagabunden (Vagierende) die keinen festen Ort ihr eigen nennen können, mehrere rechtliche Deutungen:  Rechtlosigkeit. Ehrlosigkeit. Vogelfreiheit. Ein Dekret aus England aus dem Jahr 1547 geht noch weiter: Aufgegriffene Land- und Obdachlose konnten versklavt werden, durften in Ketten gelegt, ausgepeitscht und verliehen werden. Im Falle des Todes des „Besitzers“ wurden die Aufgegriffenen an die Nachkommen vererbt.

Neben dem sehr informativen historischen Abriss geht Elke Brüns auf Darstellungen des Obdachlosen in Film und Fernsehen ein. Hier wird Obdachlosigkeit zur Typage. Eine Ausnutzung des Klischees wird zeitsparend genutzt. Denn: zwei Tüten, ein schlurfender Gang und Schlafen an öffentlichen Orten, das kann doch nur …  Dass die Typisierungen oft genug nicht demontiert, aufgebrochen, sondern im Gegenteil noch ausgestellt werden, um wie im Schauerroman Furcht und Schrecken zu verbreiten, dekliniert die Autorin in Kapitel 1 durch, Überall und nirgends, indem sie Fernsehkrimis und Tatorte analysiert. Es ist natürlich richtig, dass Film durch seine Sichtbarkeit und Begrenzung dazu neigt, Typen hinzustellen, die nicht erklärt werden brauchen, so muss keine Figur erschaffen werden. Aber es ist kein berechtigter Einwand, sich einer Typage zu bedienen. So bleibt der Mensch verborgen hinter der Zuschreibung. Es stellt sich heraus: Allzu oft sind Obdachlose in Film und Fernsehen ihrer Wirkform nach Sozialfiguren des Elends. Sie sind für den Zuschauer der unverstellte Blick auf Armut im Wohlstand, grauselige Furchtfigur für Kinder.

…Der Unbehauste ist in einem greadezu skandalösem Maß allem ausgesetzt – dem Wetter, dem Lärm, seinen Mitmenschen. …

Was bleibt:

In Deutschland gibt es gibt keine gesicherten Erhebungen zu der Anzahl von Personen ohne ständige Bleibe. Nach Schätzungen der Sozialverbände haben 20.000 Berliner keine Wohnung, daher ernannte die Berliner Zeitung flugs Berlin zur Hauptstadt der Wohnungslosen. Eine halbe Million ohne Obdach sind es deutschlandweit.

Der lesenswerte Essay zur Obdachlosigkeit von Elke Brüns hat nicht zur Intention, den Obdach- oder Wohnungslosen auszustellen, dieses Eriginal legt unseren Blick frei, entkernt die Angstmechanismen der Menschen mit Behausung. Zurück bleibt die berechtigte Frage: Warum wurde Nomadentum zur Obdachlosigkeit und strafbar – und wenn das bürgerliche Modell des Behaustseins die Norm ist – wie helfen?

Über die Autorin: Elke Brüns lehrt als Privatdozentin für deutsche Literatur an der Universität Greifswald und an der NYU Berlin. Sie forscht seit Jahren zu Armutsbildern.

 

Erschienen am 8. November 2017, Original-E-Book
ca. 100 Seiten auf dem Smartphone, mit Bildern von Uli Fischer, Boris Mikhailov, Dominique de Rivaz, Bas Timmer
ISBN 978-3-944543-54-3, erhältlich:
Amazon beam Buchhandel.de Buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel.

 

 

Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein culturbook von Cornelius Adebahr

Vor dem Hintergrund der jüngsten landesweiten Proteste im Iran, beginnend im Dezember 2017 las ich den Reise- eher Aufenthaltsbericht, des Politikwissenschaftlers Cornelius Adebahr, Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, ca. 361 Seiten, erschienen im November 2017 bei culturbooks.

Die Proteste 2017/18 im Iran waren wie immer schwer zu rezipieren. Durch die Zensur sind Nachrichten, Features und Stimmungsbilder oft gar nicht vorhanden. Sofort wurden in den Nachrichten Vergleiche mit den Protesten 2009 im Iran heraufbeschworen, deren kollektives Sinnbild Sterben einer jungen Frau ausmachte.

Aber anders als 2009, als die Gründe für den Marsch auf die Straße Wahlbetrug hießen, sind die Ursachen der jüngsten Proteste, die dieses Mal vom Land in die Städte stießen, andere: Eine hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Menschen, gestiegene Lebenshaltungs- und Konsumkosten, bedingt durch den Wegfall von Subventionen. Inflation und Wassermangel nicht zu vergessen.

Aber der Iran muss mehr sein als Streiks und Proteste, die eine ungleich große Aufmerksamkeit erfahren. Der Iran muss mehr sein als der andauernde Streit um das Atomwaffenprogramm, mehr als der Sturz des letzten Schahs, mehr als der Ayatollah Khomeini. Das unvollständige Bild in den Medien zum Rezipienten sucht Cornelius Adebahr zu ergänzen.

Vor dem Hintergrund der Knapp- und Kargheit zu Informationen aus dem Iran ist das Buch Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, mit atemberaubenden Bildern, ein Gewinn. Der Autor hielt sich im Iran ab 2011 als mitreisender Ehegatte und betreuender Vater von zwei Kleinkindern im Iran auf. Diesen Reisebericht, dieses Sachbuch zu lesen, ist wie durch den Vorhangspalt auf eine Bühne zu schauen.

Es ist ein Stilmix aus faktenbasiertem Wissen; in den Kapiteln zum Atomprogramm und dem theologischen Exkurs zwischen den Glaubensrichtungen der Schiiten und Sunniten ist die Handschrift des Wissenschaftlers zu spüren. Diese Kapitel bieten einen breiten Exkurs, um die jetzige Rolle des Iran und des Iran im Nahen Osten zu verstehen. Es wird aber auch ein Blick auf Familien gewährt, die zerrissen sind, wie die Familie einer Mutter, die ihr letztes Kind von fünf nach Amerika verabschiedet. Es wird über Nationalstolz und Verhaltensregeln geschrieben und auch darüber, zu welchen Blüten und Kuriositäten eine Zensur fähig ist. Es erinnerte ein wenig an die DDR. Am besten wird dieser politische Kulturführer, wenn der Autor dieses riesige Land bereist, auf Menschen trifft und er eine Ahnung bekommt, wie unvollständig sein (unser) Wissen zum Iran bisher war.

…Er wartet, dass etwas in diesem Land passiert, etwas, das auch seinem Leben neue Freiheit, neue Möglichkeiten, eine Richtung geben wird. Er ist bestens über die Neuigkeiten des Tages informiert: Heute wieder Kriegsschiffe in der Straße von Hormus. Die Regierung sagt, die Sanktionen hätten keinerlei Wirkung. Sein Freund von den Ölfeldern im Süden wurde aber nach Hause geschickt, weil dort nichts mehr läuft. Die Währung verfällt, der Dollar ist auf einem Allzeithoch. Wieder wurden Journalisten verhaftet, wieder ist das Internet gesperrt.

Doch obwohl in Iran so vieles schiefläuft, wie er sagt, will er nicht in Europa wohnen. Dafür ist ihm seine Heimat zu wichtig. »Ich liebe Iran, und mein Job ist hier …

Der Autor macht sich daran, dem Leser eine ungewohnte Blickrichtung zu eröffnen. Vom Iran auf die USA und Europa. Konfrontationen der Weltpolitik aus einer angenehm ungewohnten Perspektive. Der Autor lebte von 2011 bis 2016 in Teheran und dann in Washington, D.C. Als Politikwissenschaftler, Ehemann einer deutschen Diplomatin und Vater zweier heranwachsender Söhne. Die Schnippsel und Episoden über das Auswärtige Amt blieben für mich blass,  denn ich wollte etwas über den Iran erfahren, nicht über das Gefühl von Diplomatenfamilien auf Auslandseinsätzen; aber es lässt sich mit einer Leichtigkeit über diese Reminiszenzen hinwegsteigen.

Am 25. Januar 2018 wird eine Lesung und anschließendes Gespräch mit dem Autor Cornelius Adebahr im Radikal Light, Berlin, s.u. stattfinden.

Cornelius Adebahr: Im Iran. Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein Reisebericht und Kulturführer. Digitales Original. CulturBooks Longplayer, Oktober 2017. Circa 200 Seiten. 5,99 Euro. ISBN 978-3-95988-083-1
Tags: 
Ab 20. November 2017 erhältlich u.a. bei
CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche

 

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Dr. Cornelius Adebahr (Autor, Politikwissenschaftler, culturbooks) Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

Neu: Die Edition Elektrobibliothek und wieder neu: «Die Befragung des Otto B.» von Wolfgang Schiffer

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Den Anlass zur Befragung gibt eine Tat des B., deren Umstände beleuchtet werden, im besten Fall, so scheint es anfangs, soll eine Nachvollziehbarkeit der Ereignisse angestrebt werden, die zu dieser ein wenig unsinnigen, trotzdem strafbar zu ahndenden Tat trieben. Die Frage, die sich stellt: Ist der Endpunkt –die Tat- logisch oder verfehlt, aber folgerichtig?

Der P. befragt den B. Das ist Inhalt, Ordnung und Struktur in der Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffers erste Prosaarbeit. Das Ende der Spielhandlung sind die Siebziger Jahre der Bundesrepublik. Es schließt sich eine Erzählung über Lebensweisen, über Sinnsuche und Sinnhaftigkeit an. Der Justizbeamte nimmt Systeme hin, der andere lehnt sich dagegen auf, findet seinen einen Platz im Leben nicht. Die Befragung erstreckt sich über mehrere Tage,  B. gibt sich und dem Justizbeamten Auskunft über seine Menschwerdung, über den Zweifel und das Scheitern. B. erleichtert sich geradezu. Er legt alles offen, zum Beispiel, was er über seine Zeugung hörte, ein Unfall, aber naja – er ist von einer Offenheit, von einer Bekenntnislust, die bei allen Abschweifungen für ihn einnimmt.

Dem B. sitzt P. gegenüber – Justizbeamter. Zwei fremde Lebenswelten. Der P. strukturiert den Ablauf. Jeden Abend nach Hause, er geht ein Bier trinken, wenn er zu früh Feierabend hat, weil er den Rhythmus seiner Frau nicht stören will, die ihn zwar nicht zu spät erwartet, aber auch nicht zu früh. Hat der B. sich selbst von seinen ausschweifenden Betrachtungen fesseln und mitreißen lassen, dann geht P. mit einem leisen Bedauern nicht in die Gastwirtschaft, um eben nicht zu spät zu kommen, weil zu spät kommen auch störend wäre im Tagesablauf seiner Frau. P. wirkt blass, weil der Leser ihn nur über seine Pflichten, Arbeit, Heimweg, Eheleben wahrnimmt, die allesamt von Rücksichten geprägt sind, die der Justizbeamte nicht hinterfragt, nicht hinterfragen möchte, weil es sicherer für ihn ist.

B. hingegen hat sich der Frage gestellt. Warum und vor allen Dingen: Wozu? Das alles?

«…Die heutige Befragung wird beendet und ihre Fortführung auf den Mittag des folgenden Tages festgesetzt. …»

In der sehr lesenswerten Nachbemerkung, entstanden im Sommer 2017, nennt Wolfgang Schiffer die Befragung des Otto B. sein erstes literarisches Werk (Erstveröffentlichung 1974, Claassen Verlag) und geht auf die Entstehung und jetzige Wiedererscheinung im digitalen Format und biographisches Schreiben ein. Der Autor bekennt sich zu den autobiographischen Zügen, die das Werk hat, mehr noch: Er sagt aus,  dass dieses Prosastück die Möglichkeit war, sich eine mögliche Existenz zu denken, sie auf dem Papier vorweg zu nehmen, auszuleben. Die Befragung des Otto B. ist aber mehr als nur Sozialisationsgeschichte eines Autors, sondern stellt einen heranwachsenden Menschen in seine Zeit, lässt ihn die Auswirkungen des westdeutschen Wirtschaftswunders erleben, das Dilemma der Nachkriegsgeborenen erleiden, die die Stille und das Schweigen zur jüngsten Geschichte erst an den Autoritäten zweifeln, dann verzweifeln ließ. Kalter Krieg, Nato, Verkrustungen. RAF.

Der Autor schlägt in der Nachbemerkung den Bogen zur Jetzt-Zeit; wäre ein solcher Held noch denkbar, in einem Kosmos, in dem sich der Freiheitsbegriff so unglaublich gewandelt hat – in dem Freiheit mit Freizeit verwechselt wird? Der Autor beantwortet die Frage nicht ausdrücklich, sondern gibt sie an den Leser weiter,  verleugnet dabei seinen kulturpessimistischen Standpunkt nicht.

Lesenswert.

Die Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffer, E-Book
Preis: 2,99 €

Zur Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag. Die Edition Elektrobibliothek wurde 2017 als E-Book-Format ins Leben gerufen, mit den Worten:

«…Für die Edition Elektrobibliothek gilt: In der Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag erscheinen nur Texte von lebenden Autorinnen und Autoren. Es geht um Gegenwart.

In der Edition Elektrobibliothek werden ausschließlich Romane, Erzählungen und weitere epische Formen sowie Essais veröffentlicht.

In der Edition Elektrobibliothek erscheinen ausschließlich auf Deutsch verfasste Texte, was nicht heißen muss…. »

Der Name Edition Elektrobibliothekt ist einem Statement ist des russischen Konstruktivisten El Lissitzky entliehen, der 1923 so seine Topographie der Typographie ankündigte. Am 25.Januar 2018 wird ein Gespräch mit dem Verleger Jörg Sundermeier  im Radikal Light, Berlin, stattfinden, auf dem er das Programm der Edition Elektrobibliothek vorstellt und sich zur Radikalität von EBooks verhalten wird.

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

 

Jan Kuhlbrodt sinnt Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

 

Dieser neue mikrotext widmet sich der Frage: Brauchen digitale Formen ein neues Leseverständnis wie einen neuen Schreiber? Wäre Nietzsche heute ein Blogger, ein Instagramer gewesen? Braucht es ein neues Schreiben und ein neues Leseverständnis für die digitalen Kulturen?

Jan Kuhlbrodt reißt in seinem Essay Fragen an, die interessieren. Wie das Befassen und Verfassen besser zu begreifen sei. Denn die notizenhaften Eindrücke, die bei der morgendlichen Facebooklektüre gesammelt werden, ergeben für den Leser ein rundes Ganzes. So wie früher die Tageszeitung der Morgenmittler zwischen Ich und Außen war, so ist es jetzt Facebook. Das Eingeständnis von Jan Kuhlbrodt, das vor der morgendlichen Zeitung Facebook steht, kann ich nur bestätigen. Facebook ist aber keine Zeitung. Die Form ist eine andere – auch auf jeden anhand seines persönlichen Klick- und Like-Verhalten zugeschnitten. Jan Kuhlbrodt versucht, mit Kleine Form, Lesen und Schreiben im Netz, das große unvollständige Ganze wie eine Momentaufnahme zu begreifen und abzubilden, und es ist gut, das ein Autor innehält und zuerst sich befragt: Was machen wir da eigentlich? So kuscheln in dem Text ganz angenehm Essayistisches und Biographisches miteinander.

Schreiben und Lesen, Aufnahme und Wiedergabe. Die Kürze, die Beliebigkeit, Tagesaktuelles und Befindlichkeiten  (die klassische Informationsnull) wechseln sich rasant ab. Ich beginne mit dem Lesen im Netz und stelle die Frage: Warum bin ich abgestoßen von manchen Beiträgen oder was zieht mich an? Mit der Person des Schreibenden hängt es nicht zusammen, als normaler Facebooknutzer kenne ich die meisten meiner Gemeinschaft gar nicht, sie interessieren mich nicht als Person. Was ich erhoffe, ist Information, die mich interessiert.

Aber warum haftet manchen Beiträge eine gewisse Stinkigkeit an, obwohl sie gar keinen psychischen Aufwand von mir erfordern müssten? Warum gehe ich mit Facebook nicht um wie mit einer Tageszeitung, also distant? Wieso sehe ich Facebook nicht als das, was es ist, ein für mich generiertes Abbild meiner Interessen, die in Klicks gemessen wurde?

Jan Kuhlbrodt: „…Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte ….“

Das trifft es. Erst das Unbegrenzte, dann das Stimmengewirr, das ist es, was auf jeden einschlägt, der auf Facebook trifft. Aufrufe, Hilfeersuchen, Unterschriftenaktionen, Selbstdarstellungen, Poesiebucheinträge, Meinungen – und Gegenmeinungen. Komplementäre Wahrnehmungs- und Mitteilungsmodi, wird es in den Kleinen Formen zutreffend genannt.

Bei dieser Art Modi wird ein Ich immer versuchen, zwischen Richtig und Falsch zu scheiden. Die Summe der Entscheidungen, die die meisten Menschen schon vor dem Frühstück treffen müssen bewirkt, das nach der morgendlichen Facebooknutzung das erste Bedürfnis nach Schlaf entsteht.

Die Verstärkung der Stimmen durch viele Posts gleichen Inhalts (mit anderer Aufmachung) stellen sofort ein Gefühl einer Dringlichkeit, eines Handlungsbedarfs her: Meist sollen gesellschaftliche Probleme aufgezeigt werden –bei Formen wie #metoo – wird die Relevanz des Problems bewusst gemacht – andererseits gibt es Menschen, die schon immer die diffuse Ahnung hatten, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit um eine GmbH handelt. Und wenn dann zwischen Hundefotos immer wieder der Verdacht genährt wird, dass es sich bei der BRD um eine verbrecherische Unternehmung handelt, kann Facebook dem Einzelnen durch schiere Materialfülle vorgaukeln, dass die Reichsbürger recht haben.

Auch beachtenswert: In der Wahrnehmungspyschologie gibt es einen folgenden Merksatz. Je mehr Menschen auf einer Meinung bestehen, umso richtiger erscheint sie – auch bei vorheriger Ablehnung und  umso schwieriger ist es für den Einzelnen, auf konträre Meinung zu bestehen.

Jan Kuhlbrodt: „…Facebook verlangt noch kürzere Beiträge. Aphorismen. Längeres wird ausgeblendet und muss angeklickt werden. Aber Facebook ermöglicht auf diese Weise die Serie. …“

Die Serie. So kann serielle Vielstimmigkeit entstehen, wie kürzlich bei dem #metoo-Aufschrei, der sich verbindet und aus einer einzelnen Gewalttat das macht, was sie ist. Ein gesellschaftliches Problem. Und es wäre in der Tat anders, würde erst ein Redakteur #metoo Fälle sammeln, sie aufschreiben, redigieren und dann bereinigt in Buchform bringen. Das Buch ist im Nachteil, aufgrund der zeitlichen Distanz bis zur Veröffentlichung und: da das Buch Werk von vielen Machern ist, würde #metoo auch einem Authentieverlust unterliegen. Bei solchen Aktionen zeigt es sich wieder, wie einzigartig, Facebook und Co. wirken können.

Die größte Hürde und Gefahr der Missverständlichkeit für Schreiber liegt in der Kürze des Mediums. Kürze bedingt einen konzentrierten Ausdruck. Pointiert ohne das Wider auszulassen. Und es ist eine Kunst, sich verkürzt mitzuteilen, ohne in Stammtischgebrabbel zu verfallen. Zu große Verkürzung wird ein Sachverhalt einseitig, verflacht, bzw. erweist sich als schlicht falsch. Es gibt –einige wenige Stimmen- die zu einer schönen Artikulation im Medium, nehmen wir Facebook, gefunden haben. Der größere Teil meiner Facebook-Timeline ist aber jeden Tag voll von Statements, Behauptungen und Fragen, die, so scheint es, absichtsvoll in den Raum geworfen werden, um Reaktionen zu provozieren, wobei oft eine Absicht peinlich durchschimmert, dass mir blümerant wird.

Nach der Kürze macht sich das zweitgrößte Problem an der Rolle des Sprechenden in bezug auf das Dargestellte fest: Gemessen an der Wirkung auf den Lesenden halte ich es für schädlich, wenn Autor YX dazu aufruft, seinen Wikipedia-Eintrag zu überarbeiten. Oder Autoren aller Veröffentlichungsgrade, die sich selbst anpreisen: Aufregend und noch nie dagewesen, mein Gruselhit im November: Arm, ausgesetzt und hilflos …. 99 ct. Ebenfalls immer wieder sehr unbeliebt in meiner Wahrnehmung: Das ist ja kaum zu fassen! Ich habe ganz unverhofft den Käthe-Püppchen-Preis — nein! So happy! 

Was bringt mich dazu, diese doch notwendige Form der Selbstentäußerung zum Zwecke der Wahrnehmung abzulehnen? Ganz einfach. Es ist Werbung. Wenn das Subjekt sich zum Objekt macht, dann stinkt der Fisch.

Also: Hätte Fr. Nietzsche gebloggt, sich seiner Facebook-Timeline bis zum Erbrechen bedient, hätte korrespondierend dazu Lou Salome auf Instagram noch mehr Fotos von lustigen Kutschfahrten gepostet, dann wäre a) eine Dialektik entstanden, die der Sache beider gedient hätte, wäre also interessant bemerkenswert gewesen und b) hat Friedrich N. sich erst einmal Gedanken um die Welt, so wie er sie sah, gemacht – woraus seine Produktion entstand – und nicht umgekehrt. Und da liegt der Hase auch im Pfeffer: Von der Sicht, Anschauung, Meinung hin zum Post. Sich öfter dialektisch mit anderen Äußerungen verhalten – und immer bedenken, dass das Sekundenabbild der Meinung u. U. auch den Tag überdauern sollte.

Jan Kuhlbrodt hat auch noch Biographisches über Bob Dylan in petto:

„Blowin in the Wind (…) denn das hatten wir im ostdeutschen Englischunterricht singen müssen, und es galt unseren Lehrern als Beleg für Dylans antiimperialistische Position. …“

Das ist mein Madeleine-Moment mit Bob Dylan. „Blowin in the wind“ mussten wir ebenfalls, im westdeutschen Englischunterricht übersetzen, lesen und singen. Unsere begeistert mitsummende Englischlehrerin hatte einen Kassettenrekorder auf dem Tisch und spielte uns Strophe für Strophe vor. Wenn sie mit ihrem Bleier hektisch das Kassettenband wieder in die Spule zurückdrehte, dann hatte ich nur ein Kopfschütteln für ihre naive Begeisterung übrig.

Fazit: Ich meine, neues Lesen und Schreiben im Netz verlangt eine neue Form der Bürgerhaftigkeit, des Sich-Einbringens. Und eine neue Form der Distanz, die darüber erreicht werden könnte, dass Posts nicht mehr als Stimmen, als orales Medium, sondern als geschriebenes Wort des Einzelnen wahrgenommen werden. Über die kleine Form ist ein interessantes Eriginal über neues Schreiben und Wahrnehmung auf Seiten der Lesenden, das sich anpasst. Lesen und Schreiben im Netz ist voller Denkanstöße und Wahrnehmungen – ein Buch,  das fortgeschrieben werden sollte. Auch Gegenpositionen oder Gegensätzlichkeiten kann Jan Kuhlbrodts Essay vertragen, um wie Chorstimmen das Heute, Hier und Jetzt im Netz abzubilden.

 

Jan Kuhlbrodt, Über die kleine Form, ein mikrotext, 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4
Erhältlich bei:
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

In Zeiten des Terrors

 

Ist eine Bombe der Anfang. Delhi, 1996. Ein Markt. Unter den Toten zwei halbwüchsige Jungs, Brüder, Tushar und Nakul Khurana. Ihr Freund, Mansoor, den die Jungs mit auf den Markt nahmen, überlebt. Das ist der Auftakt In Gesellschaft kleiner Bomben von Karan Mahajan erschienen im culturbooks Verlag.

Die in einem Auto deponierte Bombe, setzt ihre zerstörerische Energie nicht nur auf dem Markt frei, sie zersplittert Leben, pulverisiert Beziehungen.

„… Es ist besser, großzügig zu töten, als dabei zu geizen …“.

Am Anfang steht Zufall plus Zufall, was Schicksal wird.

Karan Mahajan nimmt In Gesellschaft kleiner Bomben verschiedene Sichten ein, er erzählt mit großen Zeitsprüngen von den tragischen Verstrickungen, die das Leben der Beteiligten, Opfer und Täter in den nächsten Jahrzehnten bestimmen werden. K. Mahajan wählte eine episodenhafte Struktur, die Erlebnisse werden unabhängig voneinander geschildert. Was alle Figuren eint: Die Bombe. Delhi. Hindu oder Muslim.

Nach dem Anschlag, dem Tod ihrer Kinder werden die Eltern, Deepa und Vikas Khurana, durch ihre Trauer, Ohnmacht, Fassungslosigkeit, Wut und Verzweiflung zu anderen Menschen. Denn als sie ihre Meinungen und Lebensweisen noch selbst wählen konnten, waren die Eltern Khurana überzeugte indische Liberale, ironisch bezeichnet der Autor Deepa und Vikas als einem speziellen Zirkel der Weltgewandten zugehörig, zum Beispiel halten sie sich muslimische Alibifreunde, sind strikt gegen eine Etablierung von McDonalds in Delhi -weil es schon Wimpy gibt- und würden auf keinen Fall die rechtsgerichtete India Today lesen. Die Bombe reißt Kulturleistungen ein, lässig, aber großartig genau gezeichnet, legt Mahajan die dünne Lackschicht Kultur bloss. Deepa und Vikas zeugen unter anderem ein Kind, eine Tochter, die sie nicht beachten, denn es gibt in ihrer Seele mehr keinen Platz für Liebe. Der Spitzname der Tochter Anusha lautet: Tochter der Bombe.

Anders ergeht es Mansoor, den muslimischen Freund der getöteten Jungs. Anfangs wird ihm nicht geglaubt. Er, ein muslimischer Junge, wird Opfer eines Attentats? Die Eltern Khuranas zürnen ihm zwischendurch immer wieder – wieso hat er überlebt, mit nur ein paar Kratzern? Aber die Bombe lässt Mansoor nicht aus ihren Fängen, sie wird durch Krankheitsschübe immer wieder gegenständlich, zwingt ihn, sein Studium in Amerika abzubrechen, nach Indien zurückzukehren.

„… Er wollte nicht in Indien, aber auch nicht in den USA sein. Er wollte an einem Ort ohne Schmerz und Tragödie sein …“

In dem Versuch zu begreifen, das Geschehen auf dem Markt zu verarbeiten, in dem Versuch, seine Krankheit (die Bombe) loszuwerden und leben zu können, in dem Versuch, die Gesellschaftsordnung Hindus-Muslime zu verstehen, tritt er einer Gruppe bei, Peace for all, und erkennt schließlich, was ihn zu einem Kranken hat werden lassen: Verwestlichung. Mansoors Suche nach Halt, nach Orientierung gehört zu den bewegensten Momenten in dem Buch. Er wird zu einem gläubigen Muslim. Als er fünfmal am Tag betet, als er den Schmerz loslassen kann, heilt er. Er findet Freunde, er findet sich, er bleibt aber ein netter, aufrichtiger, hilfsbereiter junger Mann. Was ihm zum Verhängnis wird. Mansoor wird Opfer der tragischsten Verkettung in dem Roman.

Und ein Opfer, der Täter sein soll: Malik, Student der Universität Kaschmir, Mitglied der Jammu and Kashmir Islamic Force. Er wird verhaftet, er soll der Attentäter sein. Die Behörden wollen es so. Malik wird gefoltert, angeklagt und verurteilt. Auf der Suche nach Erlösung besuchen Deepa und Vikas Khurana ihn im Gefängnis, aber angesichts dieses mageren Mannes verlieren ihre Rachefantasien ihr Ziel. Als Malik für die Khuranas ausgezogen und geschlagen wird, geht ihnen auf, dass ihr Gesuch, Malik zu sehen,  von der Gefängnisleitung nur gewährt wurde, in der Hoffnung, ein Geständnis aus ihm herauszubekommen. Da kommt kein Geständnis.

Was die Eltern Khurana übergeordnet in der Prügelszene sehen, ist das Bedürfnis eines Systems, das einen Schuldigen braucht. Aber so wie es das eine Opfer nicht gibt, sondern viele Einzelschicksale, gibt es auch nicht den einen Schuldigen.  Während alle –ob Hindu oder Muslim -in dem großartigen Roman In Gesellschaft kleiner Bomben leben und leiden, wird eine Frage an den Leser weitergereicht – Was tun?-

Fazit: Über die verschiedenen Sichten, die verschiedenen Figuren, die der Autor virtuos nachzeichnet, wandelt sich die Bombe. Sie ist nicht der Ausgangspunkt für eine tragische Geschichte,  sondern deckt Strudel, Differenzen und kollisionsträchtiges Material in Gesellschaften auf. Die eingeschobenen Episoden, wie der schräge Immobiliendeal von Mansoors Familie, tragen ihren Teil dazu bei, eine aufgeklärte Gesellschaft und Vorurteile zu zeigen. Es ist das unkommentierte Nebeneinander von allem, das so berührt.

Sachlich und überraschenderweise sehr humorvoll beleuchtet dieses Buch eine tief zerrissene Gesellschaft,  beleuchtet Differenzen und widmet sich ausgiebig der dünnen Lackschicht Kultur. Karan Mahajan zeigt In Gesellschaft kleiner Bomben virtuos in vielen  Situationen und Begebenheiten dem Leser, in welch grundsätzlichem Konflikt wir uns befinden. Der Roman bleibt dem Realismus so verhaftet, dass er keine Lösung bietet, bieten kann. Es ist immer wieder eine Bombe, die alles ändert.

 

Über den Autor:
Karan Mahajan wurde 1984 geboren, wuchs in Neu-Delhi auf und lebt in Austin, Texas. Er steht auf Grantas Liste der »Best Young American Novelists« 2017. Sein erster Roman, »Family Planning« (»Das Universum der Familie Ahuja«), war für den Dylan Thomas Prize nominiert und erschien in neun Ländern. Er schrieb Beiträge für zahlreiche internationale Publikationen wie The New York Times, The Believer, The New Yorker und The Wall Street Journal. Mahajan studierte an der Stanford University und dem Michener Center for Writers.
»In Gesellschaft kleiner Bomben« stand u.a. auf der Shortlist für den National Book Award 2016 und erhielt den Bard Fiction Prize 2017, den Young Lions Fiction Award 2017, den Rosenthal Family Foundation Award der American Academy for Arts and Letters 2017, den Muse India Young Writer Award 2016 und den Anisfield-Wolf Book Award for Fiction 2017.Eines der 10 besten Bücher 2016 (New York Times)
Auf den Jahresbestenlisten von
Washington Post, TIME, Esquire, Buzzfeed, Huffington Post, Vulture.com u.a. (Quelle: culturbooks)

 

 

West-Berlin, 1980 – Lob des Imperfekts, von Käthe Kruse

Ein neuer mikrotext: „…Abgeschottet hinter der Mauer entstand in den 1980er Jahren in Berlin eine radikal moderne Künstler- und Musikszene, die auch international beachtet wurde: experimentierfreudig, provokativ, selbstorganisiert. Die ehemalige Schlagzeugerin von Die Tödliche Doris erzählt. …“

Es ist Käthe Kruse, die im Lob des Imperfekts  von einer Zeit im Aufbruch, Umbruch, erzählt. Weg mit der Professionalisierung, erstmal Aufstehen, sich Bewegen, Handeln. Im Prozess des Machens fand sich der Weg zur Kunst. Oder eben nicht. Dieses Konstrukt des Handelns erstreckte sich auf alle Bereiche des Lebens, im Lob des Imperfekts veranschaulicht an den Lebensbereichen Wohnen, Kunst, Bauen. Vorwort und Texte entstammen Interviews, Aufsätzen oder sind Teilstücke von Vorträgen; z.B. Käthe Kruse über die Genialen Dilletanten, vorgetragen 2017.  Mal erinnert sich Käthe Kruse, dann ist es die Vorstellung einer Lebenswelt anhand eines Vortrags, mal ein entspanntes Interview. Das Lob des Imperfekts kommt zwangslos daher und es fällt beim Lesen auf, wie unglaublich viel – Mensch, Werte, Moral –  sich seitdem verändert haben.

Wer es nicht mehr kennt, das Berliner Feuchtbiotop der Siebziger, Achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, der findet in diesem eBook viel  verschwundene Kultur. Man trifft auf die Generation der Nach-68er, die sich schwer einordnen und abgrenzen lässt, eben weil  sie die Individualität zum beherrschenden Maßstab alles Seins erhob. Am ehesten werden all diese Leute noch unter dem Begriff Hausbesetzer verallgemeinert (Hausbesetzer ist unrichtig, Instandbesetzer trifft es in weiten Teilen besser), aber wer sich zu der Zeit in Berlin herumtrieb, der merkte, dass ein instandbesetztes Haus sich von dem Nächsten zu annähernd einhundert Prozent unterscheiden konnte.

Was waren die Ursachen der Besetzerbewegung? Anfang der 80er Jahre standen rund 27 000 Wohnungen in West-Berlin leer, und 80 000 Wohnungssuchende hatten keine feste Bleibe. Die herrschende Wohnungspolitik geriet darob in ihre bislang schwerste Legitimationskrise. Ein Korruptionsskandal um den Bauunternehmer Dietrich Garski brachte den SPD-Senat zu Fall. Erst das damit entstandene Machtvakuum ermöglichte die nun folgende enorme Zunahme von Hausbesetzungen.

(https://gentrificationblog.wordpress.com/2010/03/19/berlin-hauserkampf-und-stadterneuerung/)

Leerstand in  Berlin. In Kreuzberg, Neukölln, dem Wedding, auch Moabit. Hausbesitzer hatten kein Interesse an Vermietungen, denn Altbauten waren mietpreisgebunden, was sie zu billigen Behausungen machte. Im Kreuzberg meiner Kindheit gab es viele Häuser mit vernagelten Fenstern, im Vorderhaus wohnten noch zwei Omas und ein Trinker und im Seitenflügel Türken. Es gab Firmen, die sich auf Entmietungen spezialisiert hatten; was hieß Glühbirnen im Treppenhaus zerschlagen, Briefkästen demolieren. Wenn dann noch die notwendigen Renovierungen ausblieben oder die Kosten für die Müllabfuhr nicht bezahlt wurde, sich Ratten in den stillgelegten Toiletten auf der Halbtreppe tummelten, konnte eine Abrissgenehmigung erteilt werden. Für die Altbausubstanz in Berlin waren die Instandbesetzer ein Glücksfall, sonst würde die Stadt heute aussehen wie Osnabrück in hässlich.

Die Musik oder das Sich-Ausprobieren wie hier die Tödliche Doris oder die Genialen Dilletanten, konnte spannend, interessant oder uninteressant sein, auch nervig, aber das, was immer im Subtext zu erspüren war, war der Wille zur Freiheit. Was zur Folge hatte, das ziemlich schräge Acts stattfanden, die keinerlei Mehrwert boten. Aber von dem Denken, dass Kunst einen Mehrwert böte, ein Erleben mit evtl. sittlicher Hebung, musste man sich verabschieden. Das Aufbrechen von Darstellendem, Dargestelltem und Publikum fand statt. Diese Art des Denkens war radikal anders und machte Spaß. Und darum geht es doch im Leben.

Im Interview zu neuen Lebensmöglichkeiten,  durchläuft Käthe Kruse den Weg von der Instandbesetzung zum ökologisch verträglichen Mieter bis zum Mehrgenerationenhaus. Gleichzeitig zeigt das Interview, wie fordernd es sein konnte, in einem Haus zu wohnen, in der die Rolle Vermieter, Mieter aufgehoben war; auf Kleinsträumen, im gelebten hierarchielosen Miteinander sollten Träume gelebt werden, letztlich stand immer die Toleranz auf dem Prüfstand.

Mein Lesetipp: Das Lob des Imperfekts leuchtet wie ein Schlaglicht auf die seltsamen Jahre der Vorwendezeit, in der entweder alles Aufbruch oder Stagnation war. Schöne Einblicke in eine Szene, die es heute in Berlin nicht mehr gibt und nicht mehr geben kann. Denn dafür braucht es Menschen, die Zeit haben. Lob des Imperfekts ist eine Zeitreise. Wer Berlin der 80er Jahre nicht kennt, der kann es lesen wie Geschichten aus Vineta oder wie ein Märchen.

 

Käthe Kruse: Lob des Imperfekts, mikrotext Verlag:  Erschienen am 26. Juli 2017
ca. 130 Seiten auf dem Smartphone, mit Fotos
ISBN 978-3-944543-52-9
Amazon buecher.de ebook.de Google Play Hugendubel iTunes Osiander Thalia Weltbild, in vielen weiteren Shops und im Buchhandel.

 

 

Irgendwas mit Schreiben: Ein lesenswerter Relaunch

 

Interessante Themen erledigen sich nicht von selbst. mikrotext sagt dazu:

„…Sie waren Youtube-Sternchen, Messeköchin oder VorBand, sie sind Tänzerin, Blogger, Professor: eine vielseitige Sammlung zu Arbeitsstrategien von studierten Autorinnen und Autoren aus den Studiengängen und Schreibkursen …“

Zwei Themen treiben diese lesenswerte, in der ersten Fassung 2014 im mikrotext Verlag erschienene Anthologie immer noch um. Zum Einen: Die wechselseitige Beziehung von Herkunft und Erfolg.

Wenn das richtig ist, dann ist nicht nur der Glauben an sich selbst, das für Autorinnen und Autoren so wichtige Beharren an ihrem Text, der Glauben an die Notwendigkeit ihres Schaffens, erfolgsbestimmend. – Ich meine erst einmal nicht den Erfolg in Verkaufszahlen gemessen, sondern den Weg von der Idee zum Skript zum Endprodukt.

Florian Kessler hat auf die Beziehung von Herkunft und Erfolg mit seinem Essay „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“  aufmerksam gemacht und eine breite Literaturdebatte angestoßen. Julia Friedrich in „Gestatten: Elite“, verweist auf Michael Hartmann, der in einer Langzeitstudie Lebensläufe von Promovierenden auswertete. Fazit des Elitenforschers ist, dass die soziale Herkunft der entscheidende Faktor von beruflichen Aufstiegschancen ist.

Erstaunlich sind nicht die Befunde, die allerorten getroffen werden, erstaunlich war die breitflächig feuilletonistische Erregung, die nach dem Aufsatz: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ losbrach.  Auch die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (2012) kommt gleich in den ersten Sätzen auf den Punkt.

„…Von 100 Akademikerkindern studieren 77; von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund schaffen nur 23 den Sprung an eine Hochschule. Die soziale Selektivität beim Zugang zum deutschen Hochschulsystem ist weiterhin stabil. …“

Daher haben die mythischen Geschichten, die die vom Tellerwäscher-zum-Schriftsteller/Millionär/Professor handeln,  solch eine Zugkraft. Da ist der Ausreißer der Norm zu besichtigen, der die Wahrscheinlichkeit durch Kraft, Geschick und Talent besiegt.

Und wieso sollte es an Schreibschulen anders sein? Sind Schreibschulen kein Abbild der Gesellschaft? Ich meine, an Schreibschulen ist die soziale Selektivität noch höher. Auch wenn einige Schreibschulen oder Kunstuniversitäten das Abitur nicht als ausschließliches Kriterium voraussetzen, lesen und schreiben muss der sich Bewerbende schon können. Wenn die Eltern und Verwandtschaft nicht liest oder Kinder keinen Zugang zu Lesestoff haben, dann wird es schon schwerer. Aber danach gibt es noch eine zusätzliche Hürde, die heißt Aufnahmeverfahren. Ich will nicht sagen, dass Professoren Zeitarbeitstochter von Lehrersohn scheiden, aber ich meine, dass sich durch Schwellenängste einige Kandidaten schon von selbst erlegen.

Zurück zu Herkunft und Erfolg am Beispiel: „Lassen Sie mich durch, ich bin Arztsohn!“ Dieser mikrotext ist auch deshalb so unterhaltsam, denn dieses Beziehungsgeflecht betrifft nicht nur Autoren und AutorInnen, denn das höhere Management in Deutschland entstammt in weiten Teilen dem Establishment und zwar mit steigendem Rang immer öfter. Was vielfach zählt, ist der soziokulturelle Habitus, vergröbert gesagt, das Auftreten, und das können  Schreibschulen ganz gut lehren. Und der wird ganz einfach durch das Ausschlussverfahren hergestellt oder wie Professoren sagen: „Wir nehmen nur die Besten.“ Die ehrlichste Aussage einer Professorin fand ich bei Doris Dorrie, die einmal sinngemäß sagte, das sie in den Aufnahmeverfahren immer eine Heidenangst hätte, einen sehr guten Kandidaten zu übersehen, nicht angemessen wahrzunehmen.

 

Der zweite, sehr zentrale Punkt, dem sich die Autoren in der Anthologie stellen, lautet: Gibt es ein Leben hinter dem Diplom? Was tun, was werden als Diplom-Autor?

Stefan Mesch, mit:  Stefan Mesch ist krass drauf hat sich einen 100-Punkte-Plan aufgestellt. Punkt 083_ verdichtet für mich alles,  was ein Schreiber, Autor erreichen können/wollen/müsste: ...Ich will verstanden werden. Ich will verständlich sein. Ich will ein Publikum. Davon sollte man T-Shirts drucken.

Dieser 100-Punkte-Plan ist hilfreich für die, die unter Schreibhemmung leiden. Daneben noch gut geeignet für die Zweifler, die sich am Schreibtisch fragen, ob irgendjemand das lesen will, was gerade produziert wird. Zugegeben, der 100-Punkte-Plan ist so rau, als würde man an einem Felsen lecken. Aber;  die vielen Vorsätze von Stefan Mesch eignen sich gegen Ängste – jeder Art. Auch wenn manche Punkte beim Lesen sehr selbstzentriert daherkommen, haben sie doch das Potential eines großen Mantras oder einer frühkindlichen Beschwörung, was ich positiv meine, denn die tragen die größten Kräfte in sich.

100-Punkte. Ein Therapieplan der besonderen Art. Bitte nachzulesen bei: Stefan Mesch ist krass drauf.

Aus dem Alltag eines Fast-Food-Journalisten von Mirko Wenig. Darin geht es um den kleinen Mirko, der Online-Redakteur einer Versicherungszeitung ist. Einfach nur schön, voller lauter kleiner Kostbarkeiten, die ich einfach zitieren möchte. Auf dem Weg zur Arbeit geht es um Igeltode:

„… Er lag da am Straßenrand, die kurzen Gliedmaßen an den Leib geschmiegt, und sein Mund, an dem verkrustetes Blut klebte, stand offen. Man konnte die vielen Zähne sehen, die dem Igel nun nichts mehr nützten …“

Eine kurze Geschichte, wie aus Kinderperspektive geschrieben, mit einer ganz eigentümlichen Schönheit zum Leben jenseits der Kindheit.

 

 

Anmerken möchte ich noch aus eigener Erfahrung, dass diese wunderbare Anthologie auch das Problem von Schreibschule streift. Die dort entwickelten Texte sind wunderbar, aber sie wurden nicht in freier Wildbahn geschrieben, sondern gehegt und gepflegt von Dozenten und Kommilitonen, immer wieder gegen den Strich gebürstet durch unzählige Diskussionen.

Werden Texte gehegt und gepflegt wie Rotwild im Zoo, kann es zu Problemen mit dem Inhalt kommen. Der kann dünn geraten. Denn es macht sich bemerkbar, wenn die Woche an der Uni verbracht wird – wenn ein Großteil der Zeit draufgeht, andere Texte zu lesen -wenn in Vorlesungen alles an Systemen und Theorien vorgestellt wird, und die eigenen Texte daran gemessen werden – wenn die Studierenden sich nebenher meist noch für die hauseigene Literaturzeitschrift engagieren oder das Studentenfilmfestival – wenn sie sich Abends mit Kommilitonen treffen und diskutieren. Über alles – das heißt, Schreiben. Das ist Leben in einer Blase. Da fehlt was: Leben. Also. Leben. Tänzerin sein, Blogger, Verkäuferin, Professor. Und daneben schreiben.

 

Mikrotext hat die Sammlung in 2017 neu aufgelegt und um viele interessante Positionen erweitert. Mein erster Eindruck: Die Ehrlichkeit der Aufsätze, die Lakonie und der Humor berührten mich sehr.  Und es ist mehr als Schreibschule, vielfach traf ich hinter all dem die Suche nach dem Sinn des Lebens.

Dieses Eriginal kann mehr. Es kann berühren. Der mediale Ausgangspunkt ist die ewige Diskussion, die schon im Berufsbildungszentrum anfängt: Wie viel Berufung sollte im Beruf stecken? Gibt es ein Leben hinter dem Diplom und was ist, wenn der Job  keine Ähnlichkeit mit meinen Träumen aufweist?

 

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Erschienen am 17. Mai 2017
292 Seiten, 17,99€, Taschenbuch, in jeder Buchhandlung bestellbar, online auch bei Amazon, Buecher.de, Hugendubel, Osiander, Thalia. Auch als E-Book erhältlich. Lieferbar!
ISBN 978-3-944543-51-2

Mit Beiträgen von Luise Boege, Michael Fehr, Jan Fischer, Martina Hefter, Luba Goldberg-Kuznetsova, Ianina Ilichetva, Florian Kessler, Thomas Klupp, Thorsten Krämer, Jan Kuhlbrodt, Stefan Mesch, Jacqueline Moschkau, Alexandra Müller, N.N., Barbara Peveling, Stephan Porombka, Kerstin Preiwuß, Bertram Reinecke, Rick Reuther, Johannes Schneider, Martin Spieß, Tilman Strasser, Lena Vöcklinghaus, Lino Wirag, Mirko Wenig.