tumblr_inline_o9dfcpo4ht1ryyflu_500

Hausbesuche

 

HAUSBESUCH: Das Goehthe-Institut gibt im Frohmann Verlag eine eigene E-Book-Reihe heraus

10 Autor_innen durch 7 Länder in 6 Sprachen ergibt 20 Reisen, was 40 Hausbesuche macht, destilliert in 11 E-Books = eine europäische Geschichte. Europäische Türen gingen auf, zehn Schriftsteller traten ein. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freut mich die sechssprachige E-Book Reihe, die in Kooperation mit dem Goethe Institut entstanden ist, die am  10. Januar 2017 startete. Hausbesuch, erschienen im  Frohmann Verlag.

…“Hausbesuch basiert auf der Idee, dass Schriftsteller zwei Städte in Europa besuchen, eine in Deutschland, eine woanders…“

Die Hausbesuch-Reihe startete mit Marie Darrieussecq,  die als Schriftstellerin und Psychoanalytikerin in Paris lebt, mit Neapel – Dresden in Europa. Darrieussecq, 1969 in Bayonne geboren, studierte Literaturwissenschaft an der École Normale Supérieure in Paris. 1997 ihr Erstling, Schweinerei, was ein furioser Satire-Roman über die junge Angestellte eines Massagesalons ist, die dort erst massiert, sich dann prostituiert, schlussendlich die Gestalt wechselt, sich in ein Schwein verwandelt. Im Zentrum von Darrieussecqs Schaffen stehen Frauen, die größten Widersacher ihrer Heldinnen sind das Leben in  seiner allgemeinen Widersinnig- und Ungerechtigkeit.

In Neapel – Dresden in Europa ist Darrieussecqs Sicht privat,  es ist wie ein träges Schauen aus einem ICE-Fenster, von Wimpernschlag zu Wimpernschlag, schnappschusshafte Blicke, dazwischen sich schlängelnde  Gedankenflüsse und Asssoziationen. Darrieussecqs Gehirn zieht Fäden zwischen Neapel und Dresden. Sie beginnt mit der Frage, welches ist die heimliche, die ungekrönte Hauptstadt Europas? Constanza, Berlin oder London? Ihrem Dafürhalten nach ist es Paris, warum auch immer. Dieser Ton, diese müßigen Betrachtungen, die sich einer genauen Kategorisierung entziehen, erinnern von der Stimmung her an eine absolvierte Grande Tour im 19. Jhdt, genauer an die sich anschließenden gebundenen Reisebetrachtungen mit getrockneten Blumen darin.

Denkt sie an Dresden, dann fallen der Autorin Flugzeuge, Bomben Zerstörung und  Krieg ein. Aufzählung von Katastrophe: Guernica, Hiroshima, Nagasaki, Dresden. Schlicht im Ton und gewagt, die Komplexität des Lebens, der Kriege und des Todes so simpel herunterzubrechen.

Europa ist eine Laterna magica. Die Versuche, zwei willkürlich gewählte Orte, wobei ein Ort sich in Deutschland befinden muss, so die Vorgabe des Goethe-Instituts, miteinander zu verbinden, Europa auf den längst fälligen Nenner zu bringen, ist schwer. Hier Dresden und seine Erinnerungskultur, die Frauenkirche als Symbol der Zerstörung, dort Neapel und sein Müllproblem. Da ist Dresden, dass sich in Teilen echauffiert über drei hochkant gestellte Busse, die an einen Krieg in Syrien erinnern sollen, der immer noch tobt. Busse als ein Symbol für Menschen, die sich hinter diesen vor Scharfschützen zu verstecken suchten, die Frauenkirche als ein Symbol für die Leiden des Krieges. Also Symbol neben Symbol für einen nötigen Frieden wird dieser Tage in Dresden zu offen gelebter Rage. Weiterführend ein schöner Artikel des Online-Magazins Elbmargarita von Nicole Czerwinka.

Und warum gibt es Neapel keinen Dresdner Hof, wenn es doch in Dresden eine Pizzeria Napoli gibt? Die Autorin sucht nach Gemeinsamkeiten, ist bei Meridianen, findet in Viktor Klemperer eine Übereinstimmung. Klemperer lebte und litt nicht nur in Dresden im Dritten Reich, sondern arbeitete vor dem Zweiten Weltkrieg an der Universität von Neapel als Lektor. Erschöpfen sich da die Gemeinsamkeiten?

Neapel. Über Neapel schreibt Marie Darrieussecq leider weniger. Aber eine Familie, endlich Menschen,  Frauen und ein sehr alter Mann, lädt zu Besuch. Der Ton wird anders, ein Gegenüber macht sich konkret. Wie unterscheiden sich Neapolitanische von Dresdner Problemen?  Genannt werden nicht die Steuern, notiert Darrieussecq, nicht die Migranten, sondern die Mafia und vor allen Dingen der Stress. „… Am Ende des Tages haben die einfachsten Dinge so viel Energie verbraucht, dass du erschöpft bist. …“. 

Die Reise von Marie Darrieussecq beginnt wie ein privater Eindruck. Wie ein Tagebuch – besser noch ein kreuzbürgerliches Reisetagebuch, aber dann öffnet es sich, es kommt zum Gespräch, das neapolitanische Miteinander ist erfrischend, erhellend, auch deprimierend, aber immer kurzweilig zu lesen. Und schon wäre ich beim Fazit: Dieses Europa ist schwer unter einen Hut zu bringen – wenn es sich schon als so mühsam erweist, zwei Städte auf einen Nenner zu bringen. Aber das Bemühen, das Ringen darum, ist eine schöne Reise hin zu dem, was Europa ausmacht: Vielfalt. Einer der schönsten Sätze von Marie Darrieussecq geht so: ….„Europa ist ein gemischtes Land, sehr alt, sehr schmerzhaft und sehr schön, voller Hoffnung und Furcht, und es wird die Metaphern ebenso überleben wie die Faschisten, die Terroristen, die Arbeitslosigkeit und die Korruption, selbst seine eigenen Mythen wird es überleben, ich weiß bloß nicht, in welchem Zustand….“.

Ein Hausbesuch in sechs Sprachen. Ein schönes Projekt, dass zeigt, wie wenig Europäerin bin, wie wenig ich zwischen den Sprachen wechseln konnte. Dafür sehr schön aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt von Frank Heibert.

Frohmann Verlag:

Marie Darrieussecq
Hausbesuch. Naples-Dresde en Europe
Reihe Hausbesuch, Vol. 1
E-Book (ePub/mobi), 202 p.
Berlin: Frohmann
10 January 2017

ISBN ePub: 978-3-947047-00-0
ISBN mobi: 978-3-947047-01-7

EUR 2,99

Shops
Amazon, Apple iBooks, Barne&Noble, bol.de, bücher.de, Hugendubel, Mayersche, Ocelot, Osiander, Schweitzer und Thalia.

#HausbesuchLIT

cropped-headerdunkelfeder_januar2017

Wenn Leser mit entscheiden

Totenläufer. Der Blog der Autorin Mika Krüger bietet eine gute Übersicht über die Gestaltwerdung dieses Sci-Fi-Romans. Ganz anders als SchreiberInnen, die sich von inneren Eingebung leiten lassen, denen egal ist und egal sein muss, was mögliche Leser von dem Werk in Werden halten, ließ Mika Krüger ihre künftigen Leser teilhaben. Zum Einen ist es  Marketing, zum anderen kennzeichnet dieses Vorgehen die Wasserscheide zwischen Literatur und Genre. Totenläufer, Im Namen der Sicherheit, erschienen im November 2016, ist Science Fiction, eine -und das ist das Schlimme- gar nicht fremde Dystopie, die sich zuerst der Frage widmet: Wer darf leben? Im Umkehrschluss: Wer wird ausgerottet? Danach wird durchdekliniert: Wer hat die Macht und welche Rechte räumt Macht automatisch ein?

Tania Folaji: Mika, Du hast potentielle Leser sehr an der Erstellung Deines Romans teilhaben lassen, sind Ideen von Lesern eingeflossen? Entwicklungen, Wendungen im Skript, die Du vorher nicht so beabsichtigt hattest? 
Mika Krüger: … Zum Beispiel habe ich Rinas Einstellung zu ihrer Angst überdenken müssen, da einige Testleser angemerkt haben, sie sei schwer nachzuempfinden und dadurch anstrengend. In der Ur-Version war sie also noch viel ängstlicher. Ähnlich ist es wohl auch mit dem Fakt, dass überhaupt eine ganz zarte Liebesbeziehung angedeutet wird. Hätten sich das nicht viele Leser nach den Sieben Raben gewünscht, hätte ich wohl erneut darauf verzichtet. … Ich bin wirklich jemand, der gern gemeinsam Ideen entwickelt. Darum nutze ich auch Autorengruppe und stelle Fragen, wenn ich nicht weiterkomme. In Band II wird es auch eine Figur geben, die eigentlich jemand anderes erfunden hat.
Genau diese Liebesgeschichte moniere ich, sie ist mir zu  Unentschieden. Mir kamen die Figuren nicht geführt vor, was sehr gut daran liegen kann, dass die AutorIn sich entweder mit Handlung und/oder Figur nicht identifizieren kann, oder nicht genau weiß, worüber sie schreibt. Ich würde Ersteres annehmen.
T.F.: Ich erinnere mich auch daran, dass du auf Deinem Blog hast abstimmen lassen, Namen und ähnliches, ist das richtig?
Ja, es ging um den Namen der Rebellengruppe. Es standen mehrere Sachen zur Wahl und REKA ist es dann geworden. Da habe ich mich tatsächlich nach der Mehrheit gerichtet. 
T.F:  Hast du auch Schauplätze zur Diskussion gestellt?
Mika Krüger: Nein, ich habe nur vorgestellt, wie ich es mache. Aber es gab eine Diskussion über Neel Talwar (Totenläufer, TF) und ob er nicht als Hauptfigur ungeeignet ist, da zu zynisch und überheblich.
T.F: Wie haben deine potentiellen Leser abgestimmt?
M.K. Die mögen Neel, aber durch die Diskussion hat sich folgendes bestätigt: Es war eine gute Entscheidung, ihn erst nach einem Drittel des Buches auftauchen zu lassen, weil er sonst ggfs. zu unsympathisch gewesen wäre. Aber das ist Spekulation. Damals hatte ich ihn ja nur auf dem Blog als Figur vorgestellt.
 …

So viel zum Mitspracherecht des Lesers. Zum Inhalt: Die Regierung der Insel Red-Mon-Stadt darf totalitär genannt werden. Die Bevölkerung scheint Diktaturen zu begrüßen, weil die Einwohner das Gefühl haben (das geschürt wird) dass nur eine starke Hand sie besser vor Gefahren im Allgemeinen und Gefahren im Besondern, Lorca, beschützen kann.  Der Schauplatz ist die Insel Red-Mon-Stadt, darauf werden Lorca, also Menschen mit blasser Haut,  goldenen Augen und bisweilen ausgestattet mit einer telepatischen Spezialfähigkeit (Lorcaism), ausgerottet. Für das Ausrotten ist ein in den Medien gefeierter Jäger, der Totenläufer, zuständig. Es gibt einen Gegenpol zur willkommenen Diktatur – das sind naturgemäß Rebellen, so auch in Mika Krügers Roman.

Die Hauptfigur ist Rina, ein Lorca-Mädchen. Gleich am Anfang bekommt der Leser über Verfolgungssequenzen aufgezeigt, was die allesbeherrschende Konstante in Rinas Leben ist. Flucht, Angst und Todesangst. Keine Sicherheit. Kein Ort nirgends (Zitat: Aber von wem?)

Der Totenläufer genießt eine Tartuffsche Einführung, d.h. Figur tritt noch nicht auf, aber  alle reden über die Figur, woraus sich ein widersprüchliches Bild ergibt. Es ist eine sehr schöne Art der Figurenpräsentation. Aus der Sicht der Gejagten Rina ist der Totenläufer das personifzierte nahe Ende. Weil Repräsentant des Systems, haben die Rebellen den Totenläufer auf der Liste, da ist er Bedrohung und Gejagter.

Ein kurzes Wort zu den Rebellen: Sie kämpfen für einen diffusen, nicht näher erläuterten Freiheitsbegriff. Einfach mal Freiheit. Mit den Rebellen hatte ich nicht auf der Figurenebene, sondern als Systembegriff meine Probleme; denn ich habe nirgendwo gefunden, was die Rebellen denn nun anders machen wollen. Sie kamen mir auch irgendwie totalitär vor. Ich bin mir nicht sicher, ob die Autorin mir genau das sagen wollte, aber  ich fand Analogien zur Jetzt-Zeit.

Als der Totenläufer gefangen genommen wird, da wird er figürlich, das Monster ist ein Mensch. Ein Opfer.Wer steht wo? Und warum fühlt sich Rina zu dem Totenläufer hingezogen? Es bleibt spannend.

Fazit: Der Totenläufer hat einen linear erzählten Plot: Es läuft auf die Befreiung Red-Mon-Stadts durch die Rebellen hinaus oder eben auf deren Untergang. Der Totenläufer gehorcht dem Genre des Science-Fiction, ist zudem aufgefächert wie ein Thriller, in dem die Leser über ein fast gottgleiches Vorwissen in Bezug auf Absichten und Motive der kämpfenden Parteien verfügen. Was ich schätzte: Die AutorIn beherrscht ihr Genre,  der Entwurf einer durchtechnisierten Welt in 2075 ist ihr absolut gelungen; sie fühlt sich im Sci-Fi wohl. Wichtigster Punkt: Ihre Hauptfiguren sind gelungen. Was ich nicht so sehr mochte: Der Totenläufer ist sehr genau erzählt mit einer Liebe zum Detail, aber da ich eine Handlungsleserin bin, werden mir manch zuviel an Schnörkel zugemutet, -die reden einfach zu lange – bis ich wieder zu handlungstreibenden Elementen komme. Auf der anderen Seite ist es genau das, was Science-Fiction, History- und Fantasy-Lesern immer nachgesagt wird: Die Liebe zum Detail. Die ist da. FazitFazit: Wer Dystopien mag, die irgendwie an Blade Runner erinnern, der wird Totenläufer mögen.

Zielgruppe: junge Erwachsene, hier eine lesenswerte Rezension von Buchstabenträumerei.

 

Vorsatz und Vorschau – mein literarischer Januar

Mein erster Vorsatz soll sein: Ich will mehr lesen. Aber: Ich will ganz explizit nicht noch mehr News konsumieren, nicht noch mehr  Nachrichtenmeldungen, die sich tausendfach retweetet aufblähen wie dicke Gespenster. Ich will auch nicht mehr so viel Kommentare auf Facebook lesen. Obwohl ich Kommentare lesen nicht unter Lesen verschlagworte, ich halte Kommentare lesen für etwas Erlauschtes; denn der, der spricht (ja, ich halte Facebook für ein orales Medium) weiß nicht, dass ich ihn höre. Aber das ist ein anderes Thema, für Pessimisten die Rolle rückwärts – der Rückfall in eine dunkel orale Kulturzeiten durch soziale Medien.

Aber da will ich ja gar nicht hin. Erstens war, ich will mehr lesen, und zweitens: Ich werde ab sofort ein Buch nur noch nach dem anderen lesen. In der Nachbetrachtung 2016 beschlich mich das dumpfe Gefühl, dass ich manche Bücher vielleicht anders hätte besprechen können und müssen, wenn ich dem Buch mehr Singularität zugestanden hätte.  Einem Buch muss Zeit gewidmet werden. Bücher verlangen Ausschließlichkeit. Das tut ihnen gut. Bücher werden nicht als Mischware konzipiert, sie können zwar gut bei einander stehen, eignen sich aber nicht wie Obst dazu, gemischt zu werden.

Der letzte gute Buchvorsatz: Ein Buch lesen ist eine Eroberung. Das hat etwas gipfelstürmerisch Romantisches – weniger: Sich ein Buch zu erschließen ist wie die Arbeit eines Streetworkers im Regen an Fernbahnhöfen. Das muss man wollen, da muss man sich drauf einlassen. Was im Lesen für mich bedeutet; einem Buch mehr Zeit zu geben, es nicht gleich wegzulegen.

Das reicht jetzt aber 2017 an guten Vorsätzen, mehr schaffe ich nicht. Und es gibt wieder eine ganze Reihe Bücher und Projekte, an denen ich meine guten Vorsätzen in die Tat umsetzen kann:

Neues aus dem Frohmann Verlag: Die Reihe Hausbesuch startet. 10 Autor_innen – 7 Länder – 6 Sprachen – 20 Reisen – 40 Hausbesuche – 11 E-Books wird zu 1 europäischen Geschichte. Zehn Schriftstellern wurden quer durch Europa die Türen geöffnet. Und da wir viel mehr Europa in Herz und Kopf brauchen, freue ich mich auf die sechssprachige E-Book Reihe, entstanden in Kooperation mit dem Goethe Institut, die am  10. Januar 2017 startet. Die Texte sind zu beziehen über den  Frohmann Verlag.

Seit ein paar Wochen habe ich den Roman Totenläufer von Mika Krüger auf meiner Leseliste. Totenläufer ist eine Dystopie, in der eine Welt beschrieben wird,  die sich stark über die Nutzlosigkeit einiger Menschen definiert.Hört sich erst einmal null utopisch, sondern real an. Nach Konstruktion dieses Konfliktpotentials und Verlagerung in fantastische Welten geht die junge Hallenser Autorin  daran, aus der Unmöglichkeit des Seins für viele Menschen in Red-Mon-Stadt die Verhältnisse eskalieren zu lassen. Rebellion liegt in der Luft. Ich habe Totenläufer schon angelesen, fühlte mich an den Blade Runner erinnert –  und obwohl Fantasy ist nicht so mein Fach ist, bin ich nach der Leseprobe sehr angetan von Totenläufer. Ausführliche Besprechung folgt.

Und dann will ich mich großen Gefühlen stellen; in einem Text, der ganz offen und unverstellt ein Liebesroman ist. Arunika Senarath mit Diese eine Nacht. Der Titel hat was von einem Baccara-Roman, auf dem Cover ein Mann im Cut mit einer Rose im Mund. Aber in diesem mikrotext soll mehr drinstecken als eine Liebesgeschichte, die losgelöst von Zeit und Raum agiert. Neben Amina und Sten, die sich in Dresden kennen und lieben lernen, hat die Jetzt-Zeit einen Raum und kommt dem jungen Glück mit Konflikten;  und zwar die Auseinandersetzung mit differierenden politischen Haltungen. Ich bin sehr gespannt.

Damit dürfte der Januar lese- und besprechungstechnisch fast rum sein, aber ich möchte noch -und das schon seit langem – Liza Cody und Malla Nunn – beide als E-Books bei culturbooks erschienen, lesen. Ich denke, dass meine Winterferien unter dem Zeichen dieser intelligenten Kriminalromane stehen werden. Beide Autorinnen nutzen das Genre des Kriminalromans, um Zustände und Haltungen von Gesellschaftsformen aufzuzeigen. Nicht  durch die Funktion des Autorenkommentars, was immer ein wenig geschwätzig daherkommt, sondern dadurch, dass sie Zündstoff durch Anordnung von Szenen und Konzentration von Figuren nutzen. Darauf freue ich mich sehr.

Zu guter Letzt noch ein Hinweis auf einen Blog: LitAfrika, ins Leben gerufen von Sophie Sumburane. Hier bekomme ich einen guten Einblick in heutige afrikanische Literatur abseits von ausgetretenen Pfaden oder zugeschnitten auf vemeintlich europäische Bedürfnisse: “  … „Solange die Löwen sich nicht ihre eigenen Geschichten ausdenken, werden in Jagdberichten immer Jäger die Helden sein.“ ….“ (afrikanisches Sprichwort, gefunden auf LitAfrika)

Hier wurde ich auf das bemerkenswerte Gedicht von Adewale Owoade aufmerksam. Denn Dein Körper nahm den falschen Weg nach Haus. Dieses Gedicht nimmt sich eines 2016 geschehenen Mordes an; ein Jugendlicher wurde in Ondo, Nigeria, von einer Gruppe Jugendlicher so schwer zusammengeschlagen, dass er einen Tag später an seinen inneren Verletzungen starb. Der Grund für die Attacke war die angebliche Homosexualität des Opfers. Passanten und Schaulustige griffen nicht ein. Der Lyriker Owoade, Gründer des Literaturmagazins Expound, macht sich in Nigeria nicht nur mit diesem Gedicht stark dafür, Homosexualität zu enttabuisieren.

So. Das wird mein literarischer Januar sein.

bloggerpreis-2016

Das Debüt 2016 … meine Stimme geht

an… Stilistisch finde ich die fünf nominierten  Titel sehr gut und richtig ausgewählt; obwohl ich noch andere Titel im Auge hatte, die ich gern auf der Shortlist gesehen hätte.
Hier sind meine Leseeindrücke und mein Votum für das Debüt.
42510Katharina Winkler – Blauschmuck, Suhrkamp Verlag
Die Hauptfigur, Filiz, wird erzählt von ihrer Kindheit bis zu dem Punkt, an dem sie es mit Hilfe schafft, sich von ihrem gewalttätigen Mann zu trennen. Wobei diesen Mann gewalttätig zu nennen untertrieben ist. Die Geschichte handelt von Gewalt auf allen Ebenen, begangen von Männern an Frauen, der sich in Blauschmuck in allen Schattierungen äußert.  Ich mochte die reduzierte Sprache sehr, aber die Autorin verlässt sich in ihrem Debüt sehr sehr darauf, dass alles wahr ist, dass sie sich der Notwendigkeit enthoben fühlt, ihre Figuren zu entwickeln. Hauptsächlich werden in Blauschmuck Schläge variiert, die Figuren bleiben typisiert. Ich bin diesem Wahrheitsfimmel in der Literatur sowieso nicht zugeneigt, denn: die Wahrheit ist kein Ritterschlag und Wahrheit kann manchmal so bedrückend langweilig sein, dass sie kein Stoff für ein Buch ist. Man kann nicht unter dem Mäntelchen der Wahrheit Dinge erzählen, die so einseitig sind, dass sich mir die Haare sträuben. Auch wenn ich der Protagonistin sehr zugeneigt bin, ereilt sie doch das gleiche Schicksal wie der Hauptfigur von bspw. Ken Loachs Film Ladybird. Ich stumpfe ab. Ich mache dicht. Die Schrecknisse, die Brutalität, die diese Frau erleiden muss, ließen mich abstumpfen. Und der Mann, der Täter, der lässt mich ganz ratlos zurück. Ich habe keine Ahnung, wer er ist. Was er ist. Was er will. Fazit: In Blauschmuck wird Gewalt auf so penetrante Art eindimensional behandelt, die Figuren sind Holzschnitte.  Leider ein Buch, dass mich an Betty Mahmoody Nicht ohne meine Tochter erinnert hat, daher kann ich nicht für Blauschmuck votieren.
wittstock__uli___574458826cedcUli Wittstock – Weißes Rauschen oder Die sieben Tage von Bardorf, Mitteldeutscher Verlag
Ein Krimi, auf den ich mich sehr freute. In einem Funkhaus wurde ein bekannter Moderator einer Volksmusiksendung umgebracht, im Buch heißt es tourniert. In einer Zeitspanne von sieben Tagen wird ermittelt – es tritt eine ganze Armada an eigenartigem Personal auf: Kleine Politiker mit zynischen Werten, Menschen, die einem Life-Doc folgen und eine ganze eigentümliche Auffassung von Sein und Werten haben, unangenehme Radiomoderatoren. Die Erzählung ist wie ein Sampling, rasant, mir manchmal zu abrupt, teils sind Kommentarfunktionen drin, die mir die Lust auf das Lesen nehmen, ich fühlte mich gesteuert. Aber Uli Wittstock und Weißes Rauschen ist auf jeden Fall ein Buch für Leser, die abseitige Krimis aus zynischer Blickrichtung lieben, schöne Wortspiele, schöne Bilder. Für mich leider zu kaskadenartig, zu zivilisationsmüde, daher votiere ich nicht für Weißes Rauschen oder die sieben Tage von Bardorf.
cv_harter_weissblende_webSonja Harter – Weißblende, Luftschacht Verlag.
Ich hatte Sonja Harter schon in den Leseeindrücken gestreift. Mir fielen schon im ersten Kapitel einfach Sätze auf, wie „…Im Unendlichen schneiden sich die anständigsten Kinder ins Fleisch….“, die einfach zu groß geraten sind. Weißblende handelt von dem Werden des Mädchens Matilda. Im Jetzt in der Psychiatrie, im Davor Heranwachsende in einem Leben wie hinter den sieben Bergen, bei den sieben Zwergen. Dazwischen  wallen Phasen, in denen die junge Frau sich in ihrem neuen psychiatrischen Zuhause verorten muss und beobachtet, sinniert. Wieder geschraubtes Satzgut, die Metaphern schwer. Sehr gut gelungen sind die Passagen, in denen die Heranwachsende mit ihrem Vater an der Hauptstraße von Unteraubach wohnt. Vater und Kind, die Mutter ist als Foto präsent. Es hat eine schöne Stimmung, wie die Ich-Erzählerin unaufgeregt,  aber voller Zweifel die Welt beobachtet. Sie weiß noch nicht genau, was das mit dem Leben auf sich hat, aber sie ahnt, dass das, was sich so Leben nennt, kein Spaziergang sein wird. Und ihr Leben gestaltet sich tatsächlich so, wie man es sich für eine Heranwachsende nicht wünscht. Die Sprache, die lyrische Kraft finde ich sehr schön, dramaturgisch finde ich die Geschichte, die zu einem Missbrauch des Mädchens Matilda wird, eher dürftig, die Missbrauchsgeschichte gerät mir daneben, erscheint wie behauptet. Sprachlich toll, aber die Anlage der Geschichte, also der vielfache Missbrauch der Matilda, habe ich wie als ein Konstrukt gelesen. Konstruiert, um die Hauptfigur in der Psychatrie landen zu lassen, um eine große Geschichte aufzureißen. …
„Hier werden die Hände unweigerlich braun: auf den Straßen, auf den steilen Feldern, in den Ställen, in den Vaginas der minderjährigen Töchter.“ Was steckt da für eine Farbpsychologie hinter?
ymir-cover-1Philip Krömer – Ymir oder aus der hirnschale der himmel, homunculus Verlag
1939, ein hochgeheimer Expeditionstrupp bestehend aus VonUndZu, KleinHeinrich und dem  „…  Ein Mann für fachliche Expertise, einer fürs Gelände. Was wir noch brauchen, ist ein Erzähler, der nachher alles zu Literatur macht. Weil auch wir an großen Stoffen weben.“ Ob er mir ein paar Anhaltspunkte geben könne, zur Einstimmung, für die vorbereitende Recherche? „Sagen wir: es geht um einen weißen Fleck, der nicht auf den Landkarten zu finden ist. Mehr sagen wir nicht. Und über das Wenige, das ich sagte, schweigen wir wie ein Grab, ja?“ …“   Erzähler. Das ist der Auftrag, da sind die Figuren. Und der Erzähler schreitet zur Tat. Erzählt. Berichtet von der Expedition, die er im Gegensatz zu anderen überlebte. Was den Text dominiert, ist eine stets und beständig abschweifende, genüsslich wegdriftende Gedankenstimme, die sich nicht festnageln lässt, Kapriolen schlägt, sich erinnert, dabei durchaus  ihrer eigenen Logik folgt. Die gedrechselten Sätze, die gesamte Vintage-Sprachhaltung macht Spaß. Der Spaß um das recht eigenartige Team (ja, sprechende Namen, ja die Weltensaga wird kolportiert, liebe Grüße an die Intertextualität) kann beginnen, wird unterstützt durch Kapitelüberschriften und anatomische Zeichnungen. Und wenn der Text ausufert, dann schien es mir Strukturbestandteil. Philipp Krömer mit Ymir oder aus der hirnschale der himmel ist meine Nummer zwei. 
9783462048919Shida Bazyar – Nachts ist es leise in Teheran, Kiepenheuer und Witsch
Ich mochte das Debüt von Shida Bazyar sehr. Leben, wenig Freude, aber viel Leid über vier Jahrzehnte. 1979, die iranische Revolution ist das schicksalsauslösende Ereignis, das in fünf Menschen hineinwirkt. Die iranische Revolution. Hoffnung auf eine neue Ordnung, auf eine freieres Leben nach dem Schah. Schnell werden Hoffnungen im Keim erstickt, im Evin-Gefängnis zerstört. In Zehn-Jahressprüngen berichten erst der Vater, die Mutter und dann die Kinder von ihrem Leben, wobei die Tochter Laleh, deren Stimme 1999 einsetzt, die stärkste und interessanteste ist. Lalehs Sein ist nicht so intakt wie das ihrer Eltern, für die Deutschland das Land ihrer Emigration ist. Laleh muss sich aufspalten, sie lebt ein Teil Leben mit ihren Eltern, ist deren Sehnsucht ausgeliefert, aber ihr bleibt deutsches Leben nicht fremd. Ich hätte mir von der Figur der Laleh eine spannendere Auseinandersetzung um Identität und Heimat gewünscht. Weiterhin spannend die Anordnung. Alle Figuren haben ihre Stimme, ihre Perspektive, ihr Sein. Wie die Mutter aus der Perspektive ihres Mannes an Gestalt gewinnt: In Teheran ist sie eine literaturliebende, unabhängige Frau, in der Emigration wird sie mit ihrer Stimme zu einer unsicheren, traurigen, alles abwehrenden Frau. Laleh, die genaue Beobachterin, erlebt die Mutter bei einem Besuch im Iran teilweise entfremdet. Denn die Realität im Iran  kann nur blass sein angesichts der Sehnsucht der Mutter.
Lalehs Geschwister fand ich eher blass, sie kamen mir erzählt vor.

Nachts ist es leise in Teheran: Zersplitterte Biographien, ein Leben voller Sehnsucht  in Unvollkommenheit. Weil die Heimat nicht mehr ist. In der zweiten Generation besteht zur Heimat ein gebrochener Bezug. Und da ist mein  Knackpunkt: Hier wird Nationalität ganz simpel mit Identität gleichgesetzt. Das ist mir zu kritiklos. Und unrichtig. Da kuschelt sich ein schöner Stoff zu sehr in der Schublade Migrantenliteratur.

Fazit: Trotz meines Einwandes votiere ich für Nachts ist es leise in Teheran. Denn es fühlte sich an wie eine Saga, es ist ein weitreichendes Werk über die 1979er Revolution und ihre Folgen, um Entwurzelung, Verlust und Heimat.

cropped-160923_banner

Was können Preise bringen?

Preise, Preise, Preise. Nachdem der Lovelybooks-Lesepreis durch ist,  LeserInnen 2016 bestimmten die besten Bücher in 2016. Ich gratuliere den Gewinnern spät, aber dennoch recht herzlich – und bekenne gleichzeitig, dass der  Lovelybooks-Lesepreis  auch der Kleine-Bahnhofskiosk-GroßeSchrift-Buchpreis sein könnte. Ich bin missgestimmt, denn als ich vor ein paar Jahren auf den Lovelybooks Lesepreis aufmerksam wurde, hatte ich mir mehr erhofft. Mehr Innovation, mehr Indie, eine größere Präsenz von E-Book-Verlagen, mehr Selfpublisher, mehr Hybrid, überhaupt Texte und AutorInnen, die nicht konsequent durch ein Verlagsnadelöhr getrieben wurden.

Warum ich lese? Weil ich überrascht werden will. Und ich will berührt werden. Denn ich gleiche die Geschichten und Menschen, auf die ich in Büchern treffe, mit den Geschichten und Menschen zu meinem Leben ab. Ich will in Anderem Ähnliches finden und in Vertrautem Fremdes. Das ist mein Antrieb, den Reader anzuschalten oder ein Buch aufzuschlagen. Das ist mein Antrieb, ein Buch zu kaufen. Und sehr oft sehe ich mittlerweile zuerst die Absicht, mir ein Buch zu verkaufen als ein Thema, dass am Herzen liegt und mir nahe gebracht werden könnte. 

Da Verlage heute kaum noch Schreiber akquirieren (können), sind Plattformen wie neobooks, Lovelybooks und der Blogbuster Preis gute Möglichkeiten, sich Neues und Unerwartetes zu erschließen.

Der Blogbuster-Preis ist neu. Auch hier ist es das erklärte Ziel, eine literarische Stimme zu finden. Immer gut. Immer notwendig. Und: Die Modalitäten für eine Bewerbung sind recht offen. Allerdings müssen sich AutorInnen gleich durch zwei Nadelöhre, sie müssen einen Blogger überzeugen, der wiederum das ausgewählte Manuskript einer Jury (wie immer namhaft) präsentiert. Und dann übernimmt die Jury.  – Aber wenn es dem Ergebnis dient –  ich kann mich nur wiederholen …. Ich möchte überrascht werden. In der Bloggerjury sind gute Leute wie z.B. Katharina Herrmann von Kulturgeschwätz, Jochen Kienbaum von Lust auf Lesen, die mich oft mit ihrer Art, Texte zu behandeln, positiv überraschen, also aus der Perspektive gesehen könnte das eine Supersache sein, der Blogbuster-Preis. Eine andere Sache ist das von mir als schwierig bewertete netzhautreizende Achtziger-Jahre-Logo, dass aussieht wie nächste Abfahrt Outlet-Store in Großraumdisco.

Wie dem auch sei, ich wünsche mir was. Viele Einreichungen, auf dass die Blogger vom Lesen rote Köpfe kriegen und dann wünsche ich mir noch, dass beide Seiten, Blogger wie Juroren des Blogbuster-Preises, sich nicht auf eingefahrene Schienen verlassen.

„… Anforderungen an die Einsendungen

Teilnehmen dürfen Autoren mit einem Manuskript nur dann, wenn dieses noch nicht bei einem Verlag als Printausgabe erschienen ist. Ausgenommen hiervon sind Veröffentlichungen im Selbstverlag. Teilnehmen dürfen auch Autoren, die bereits durch einen Agenturvertrag gebunden sind. Von der Teilnahme ausgeschlossen sind Minderjährige, Mitarbeiter des Klett-Cotta Verlags und seiner Tochterunternehmen, sowie Mitarbeiter der Elisabeth Ruge Agentur GmbH….“

Einreichen. Überraschen. Berühren. Und hoffentlich gewinnen. Viel Glück!

 

 

Cover - Nadine Wojcik - Wo der Teufel wohnt

Mit satanischen Gesten ist nicht zu spaßen

… denn sie zeigen an, dass ein Pakt mit dem Teufel eingegangen wurde. Das erklärte ein Exzorzist der Journalistin Nadine Wocjik, die sich, nachdem sie auf die exorbitant hohe Zahl von 130 professionellen Teufelsaustreibern in Polen stieß, fragte: Was geht da ab? Warum dieses Bedürfnis? Wo der Teufel wohnt, erschienen im mikrotext Verlag.

Wussten Sie, dass Harry Potter, Hello Kitty, Yoga und die Band Nirvana satanischen Ursprungs sind? Davon gehen namhafte polnische Exzorzisten aus. Die sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Warum Menschen aus allen Schichten und Verhältnissen eher zum Exzorzisten gehen als zum Psychologen und warum Psychologen und Exzorzisten oft in einer Beratungsstelle anzutreffen sind, sich die Klienten gegenseitig überweisen – auch das schildert die Beobachterin mal amüsiert, stellenweise fassungslos.

Die Journalistin Nadine Wojcik, aufgewachsen in Velbert und katholisch sozialisiert von der Großmutter,  fährt nach Polen und beginnt zu recherchieren. Sie trifft auf Pfarrer, die ihr erklären, dass der Teufel natürlich Gottes Schöpfung ist. Und wo Gott ist,  da ist Gottes Kreatur – der Teufel – auch nicht weit. Nadine Wojcik versucht zu interviewen, ihr wird nicht getraut, sie wird hingehalten, abgewimmelt, bis sie mit Hilfe des Regisseurs Konrad Szolajski zu der jungen Frau Karolina findet, die sich im  gerade entstandenen, in Deutschland noch nicht erschienen Film Kampf mit dem Satan interviewen ließ.

Das Gespräch zwischen Karolina und Nadine Wojcik, in Krakau geführt, ist mehr als beklemmend. Da ist eine junge Frau, die einige Themen hat, die den Namen tragen könnten: Migration, Heranwachsen, Mutterlosigkeit, gleichgeschlechtliche Liebe. Es macht sprachlos, dass eben dieses junge Mädchen erklärt,  dass ihr jahrelange Exzorzismen gut getan haben. „… „Ich leide unter homosexuellen Gedanken“, erzählt da Karolina, sichtlich aufgelöst. „Die treten immer dann auf, wenn ich Ärger oder Eifersucht empfinde, besonders in Bezug auf Schwester Rosa. „In meinen Fantasien trete ich dann in die männliche Rolle, küsse die Nonne, ziehe sie aus, schmeiße sie auf einen Tisch und falle über sie her.“ Ein junger Pfarrer fragt: „Und sie glauben, dass Ihnen nur noch ein Exzorzist helfen kann?“ Karolina bricht in Tränen aus. Ja.“ … „

Rollback der Religionen Beim Lesen der Lektüre schummeln sich meine Fragen zwischen die Zeilen. Sind heute viele Menschen derart abgestoßen oder angenervt von der Zivilisation, dass der Rückzug in korsetthafte Systeme, hier Glaubenssysteme, vorgenommen wird? Ist Zivilisation beängstigend?  Natürlich hat der Glaube dem Denken eins voraus: Es gibt keinen Zweifel. Nur richtig und falsch. Europäer leben mehrheitlich gut mit oder ohne Religion,  Glaube und dessen Ausübung sind eher Privatsache, so wird Frau Wocjik und mit ihr die Leser von einer postsäkularisierten Gesellschaft total überrascht.  Vom Teufel besessen sein, sich den Teufel austreiben lassen. Brauchen wir da noch den freien Willen?

Jesus im Stadion. Unterzeile: Nationale Besinnungstage Ein wichtiger Teil der Reportage widmet sich einem Erweckungsgottesdienst an einem schönen Sonnentag, Prediger ist der ugandische Pfarrer John Boshabora, in Polen ein Kirchenstar. 20.000 Gläubige sind gekommen, Nonnen tanzen über die Festwiese, Frauen fallen um, am Rand des Festivals werden von Pfarrern Beichten abgenommen, es gibt aber auch die Möglichkeit, sich von freiwilligen Helfern den spirituellen Weg im Gebet weisen zu lassen. Die Autorin wundert sich, denn viele Teile der Predigt des John Boshabora sind nicht katholischen Ritus, sondern entstammen der Pfingstbewegung. In der Pfingstbewegung findet nicht nur Ansprache an die Gläubigen statt, da ist Rede und Antwort, Motivation, Begeisterung, schlussendlich Erweckung. Mit dem Höchsten auf Du und Du, das ist Ziel, der Allmächtige kümmert sich um – dich. Die Kundgebung auf der Wiese, die zeitweise Züge einer Massenhysterie trägt, endet mit einer Verlesung der Wunder Boshaboras, die seit seiner letzten Großkundgebung geschahen. Verlorengegangene Söhne riefen also wieder bei ihrer Mutti an, Alkoholiker ließen von der Flasche, viele Heilungen schwerer Krankheiten und Wunder über Wunder. Auch John Boshabora ist ein kleines Wunder, denn es geht von ihm die Erzählung, dass, als er noch ein kleines Waisenjunges war, die böse Tante, die ihn loswerden wollte, ihm einen vergifteten Brei zu essen gab. Aber John betete flugs und die Schüssel mit dem Giftbrei zersprang. Heute ist John Boshabora Predigerstar in einem Land, dass sich beharrlich weigert, Flüchtlinge aufzunehmen.

Am Ende: … Diese sehr lesenswerte, aktuelle Reportage geht der Frage nach, warum in kurzer Zeit in Polen eine Massenbewegung entstehen konnte, für die  Wissen weniger zählt als Glaube. Wo der Teufel wohnt, liefert keine endgültige Erklärung dafür, warum sich der Teufel gerade in Polen, überwiegend in jungen Mädchen so wohl fühlt. Aber zwischen den den Zeilen erzählt dieses Buch von Angst, ist eine gute Zustandsbeschreibung eines Zivilisationsüberdrusses – und von der Suche nach einfachen Antworten und klaren Regeln. Große Empfehlung.

Epilog:  „Wenn Sie Ende 30 sind und viele Stunden im Internet verbringen, gehören Sie zu denjenigen, die am meisten unter Seinem Einfluss stehen.“  (Zitat: Jan Szymborski, Exzorzist, Warschau).

Erschienen am 16. November 2016, bald auch als Buch erhältlich,ca. 200 Seiten auf dem Smartphone, ISBN 978-3-944543-39-0, erhältlich bei:
Amazon beam buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel. 27. November, 12.30 Uhr: Feature Teufel, komm raus, Deutschlandradio Kultur

 

Weiterführendes:

Kampf mit dem Satan,  Regie: Konrad Szolajski, Dokumentarfilm 2015, ZK Studio (in Deutschland noch nicht erschienen)

Die Brüder Karamasoff, Dostojewski, I. Buch, Die gläubigen Weiber, (Piper Ausgabe 1977, ÜS: E.K. Rahsin, S. 76-77) Darin findet sich eine Episode über eine Klikuscha, Schreiende, Heulende, hysterische Frau, die im Volksmund als verhext galten. „…Ich weiß nicht, wie es jetzt ist, doch in meiner Kindheit habe ich häufig auf dem Lande und in Klöstern solche Kranke gesehen und gehört. Sie wurden zum Gottesdienst geführt; sie kreischten oder bellten manchmal wie Hunde durch die ganze Kirche, doch wenn die geweihten Gaben des heiligen Abendmahles herausgetragen und sie dann zu ihnen geführt wurden, so hörte die „Besessenheit“ sofort auf, und die Kranken beruhigten sich stets für einige Zeit.“„…sowohl die Kranke als die Weiber, die sie zur Hostie führten, glaubten daran, wie an eine altbekannte Wahrheit, dass der unreine Geist, de sich der Kranken bemächtigt hatte, diese verlassen müsse, weil er es nicht in ihr aushalte, wenn man sie zum Altar führe und sie vor der Hostie niederknie ..“

Interessant hierbei ist, das die vielen Fälle der Klikuschi in der öffentlichen Wahrnehmung um 1880 (VÖ Brüder Karamasoff) kaum noch als Besessenheit gedeutet wurde, sondern schon  medizinisch-psychologisch Erklärungsmodelle zur Bewertung herangezogen wurden.

Weiterhin ein schönes Wochenende!

mikrotext-logo

Sie möchten ein E-Book lesen, aber Sie wissen nicht, wie?

——————–

… finden Sie ein paar Tipps und Links zu kostenlosen Downloads für Programme, die Ihnen das E-Book-Lesen auf unterschiedlichen mobilen und stationären Geräten ermöglichen: Smartphone, Tablet, E-Reader oder Computer/PC.

Haben Sie ein Smartphone oder ein Tablet?

Wenn Sie ein iPhone oder ein iPad besitzen:
1. Suchen Sie im App Store die kostenlose App iBooks und installieren Sie sie. Danach sehen Sie das iBooks-Zeichen auf ihrem Desktop. In diesem Programm können Sie alle mikrotexte lesen.
2. Falls Sie direkt bei iTunes kaufen wollen: Klicken Sie auf das iBooks-Zeichen (ein aufgeschlagenes Buch). Wenn das Programm sich geöffnet hat, sehen Sie erstmal ein leeres Bücherregal. Oben in der Ecke steht das Wort STORE: Darauf klicken Sie.
3. Suchen Sie in den vom iBookstore vorgegebenen Listen (unten auf Ihrem Gerät) oder im Suchfeld (Lupe) nach einem Autor, einem Titel oder einem Verlag, zum Beispiel nach mikrotext.
4. Kaufen Sie ein E-Book per Klick auf den Preis. Meistens müssen Sie noch Ihr Passwort für den iTunes-Store angeben. Danach lädt sich das Buch von selbst und legt sich automatisch in Ihr Bücherregal.
5. Wenn Sie noch nie etwas direkt für Ihr Gerät gekauft haben, müssen Sie sich erst ein Konto bei iTunes anlegen. Dazu brauchen Sie Ihre Kreditkartendaten und das Administratorkennwort Ihres Geräts.
6. Wenn Sie nicht bei iTunes kaufen wollen, sondern in unabhängigen E-Book-Stores wie minimore, dann klicken Sie nach dem Kaufvorgang auf die Datei und dann auf das Icon “Öffnen mit”. Ihnen wird iBooks vorgeschlagen, das klicken Sie an – und das E-Book ist fortan in Ihrem iBooks-Regal zu finden.
7. Bewerten Sie doch auch das E-Book im iTunes-Store, das ist für andere Leser hilfreich.

Wenn Sie ein Smartphone oder ein Tablet haben, das auf Android läuft:
1. Nutzen Sie den Zugang zu dem E-Book-Store, den der Hersteller Ihres Geräts Ihnen anbietet, zum Beispiel Google Play für den Nexus.
2. Kostenlose Leseapps für Android sind etwa Aldiko oder Moon Reader.
3. Auch hier können Sie die E-Books, die Sie gekauft haben, bewerten.

Sie haben einen E-Reader mit E-Ink? Oder Sie wollen einen kaufen? (Hier ein Überblick mit Tests von gängigen Geräte)
1. Eigentlich sollte Ihr Reader mit einem Store verbunden sein, über den Sie per Klick einkaufen können, etwa mit dem Kobo Store für den Kobo oder der Kindle Store für den Kindle.
2. Oft werden E-Books nach dem Kauf auch als Dateilink verschickt. Schließen Sie dann Ihren Reader per USB-Kabel oder Speicher-Karte an Ihren Rechner an und legen Sie die ePub-Datei (das E-Book) in den E-Book-Ordner Ihres Geräts, der meist “E-Books” heißt.

Sie haben kein Lesegerät, aber einen Computer (Mac oder PC)?
Kein Problem: Sie können auch auf Ihrem Computer E-Books lesen.
1. Laden Sie etwa das kostenlose Programm Adobe Digital Editions oder Calibre herunter und installieren Sie es auf Ihrem Rechner. Mit einem Mac-Computer können Sie direkt bei iBooks die E-Books lesen.
2. Öffnen Sie gekaufte E-Books (ePub) über eines der installierten Programme.
3. Wenn Sie bei Amazon einkaufen wollen, installieren Sie das passende Kindle für PC-Programm für Ihren Computer. Amazon schickt die gekauften Ebooks dann direkt zu Kindle für PC. 

Viel Spaß beim E-Lesen! ..

…gut oder; die Anleitung drucke ich aus und verschenke die gleich laminiert mit. 

Und: Beachtenswert:  Die sehr spannende Reportage von Nadine Wojcik, Wo der Teufel wohnt. Exzorzisten und Besessene in Polen. Das werde ich besprechen, denn es gehen Ideen und Meinungen um in Polen, die mir selbst polnische Freunde nicht angemessen erklären können. Der Beginn war die 2015er Parlamentswahl in Polen, seitdem ist keine linke Partei mehr im Parlament vertreten, die Nationalkonservativen können allein regieren. Überall wurde die Wahl Triumph der Europaskeptiker genannt, 2016 legte das Parlament einen Vorstoß zur Verschärfung des Abtreibungsrechts vor, eines elementaren Frauenrechts, das unter anderem eine fünfjährige Haftstrafe bei Abtreibungen vorsah. Gottlob regte sich landesweiter Protest – und jetzt kommt die Dokumentation Wo der Teufel wohnt in der es um den unglaublichen Anstieg von Teufelsaustreibungen in Polen geht. Was geht vor im Nachbarland?

Cover - Nadine Wojcik - Wo der Teufel wohnt

Erscheint am 16. November 2016
ca. 100 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-39-0

PREMIERE ist am 15. November im Berliner Club der polnischen Versager. Lesung, Gespräch und Ausschnitte aus dem polnischen Dokumentarfilm Kampf mit dem Satan von Konrad Szolajski.