Ein gutes Verbrechen, von Magdalena Jagelke

… Ich war ganz allein mit mir…“ S.52

Darum geht es. Ein gutes Verbrechen, 2018 erschienen bei Voland und Quist, hat das Verlassen- und Verlorensein zum Thema. Einsamkeit, ungefiltert in und um das Mädchen Tara herum, in der sie immer wieder zu ertrinken droht.

Magdalena Jagelke hat keine vergnügliche Schelmengeschichte geschrieben. Tara versucht ein Leben nach der Großkatastrophe – eigentlich ein Verbrechen. Ein gutes Verbrechen? Aus der Perspektive von Tara, versucht der Leser anhand von hingestreuten Brotkrümeln zu ergründen, ob es nicht irgendjemanden geben könnte, der sich um eine Halbwüchsige kümmert. Nur wenig Biografisches wird geboten: Aus der Perspektive des Mädchens erfahren wir, dass der Vater bei der Armee ist, die Fürsorge der Mutter sich in regelmäßigen monatlichen Zahlungen erschöpft, Freunde, andere Verwandte: Fehlanzeige. Der Titel wirft Fragen auf. Ein gutes Verbrechen. Kann es ein gutes Verbrechen sein, sein halbwüchsiges Kind zu verlassen? Das ist pauschal so wenig zu beantworten, wie die Frage, ob Käse schmeckt. Aber der Titel steuert Spannung bei, denn die Antwort, ob es eine gute Tat sein kann, sein Kind zu verlassen, wird in der Erzählung gesucht.

Am Ende ist Tara dreiundzwanzig, warum die Mutter gegangen ist, bleibt unklar. Am Ende aber ist klar, dass die Erzählung nicht auf Wertung aus ist, es geht darum, wie ein Mensch ein Trauma verkraftet – oder eben nicht. Bei Tara vollzieht sich die soziale Anpassungsleistung nur an der Oberfläche. Sie verwandelt sich nicht in eine sozial Randständige, sie eskaliert nicht. Stattdessen ist ein Mensch zu sehen, der sich panzert, Seele und Gefühle hinter einer Milchglastür versteckt. In leisen Tönen, klaren schnörkellosen Sätzen wird der Leser dazu eingeladen, wie und ob nach einem Trauma, Studium, Beruf und Liebe zu gestalten sind – auch durchgespielt anhand einer Liebesaffäre zu einem Filmvorführer, die wie ein kaputter Kreisel eine eigenartige Dynamik entfaltet.

Ein gutes Verbrechen ist wunderbar konzentriert und dicht geschrieben, wie alles von Magdalena Jagelke, ohne Ausschweifungen. Dadurch erhält die Erzählung etwas Durchscheinendes, einen ganz eigenen lyrischen Klang. Dagegen sind Betrachtungen gerade an Kapitelenden mit äußerster Vorsicht zu genießen. Wenn zu oft eingesetzt, wirken sie wie das Raunen einer blinden Seherin auf einer Klippe in Cornwall in einem MTV-Video aus den Achtzigern, gewollt, künstlich.

Der Erstling von M. Jagelke, Sich in Polen einen Bob schneiden lassen, ist ein Eriginal voll unglaublich schöner Kurzgeschichten, plus der ihm eigenen Ton. Sich in Polen einen Bob schneiden lassen, herausgegeben von Culturbooks, war handlungszentrierter, wie das geniale Wiedertreffen zweier Freundinnen nach Jahren, von denen die eine tiefgläubig wurde und mit einer Unverblümtheit fundamentalste Glaubensauffassungen zum Besten gibt, dass es nur so knallt. Lebensvoll wurde diese Sammlung Kurzgeschichten durch den eigenen Ton – und weil so nah an der Wirklichkeit geschrieben wurde.

Diese Seinswirklichkeit umgeht Jagelke geschickt in Ein gutes Verbrechen, indem sie sich ausgiebig der Innenschau ihrer Hauptfigur widmet. Tara hat Anflüge von Ähnlichkeiten mit Catherine Deneuve in Ekel, wobei die Filmfigur in ihrem Auf Wiedersehen zur Wirklichkeit sehr viel weitergeht. Hier wird ein in seiner Entwicklung stehen gebliebenes Kind gezeigt. Das Bedrückende ist, dass Tara so gar nicht in die Jetztzeit passt, z.B in unseren Neoliberalismus. In Zeiten, in denen ein Mensch besonders gut bei sich sein muss, in Zeiten, in denen sich die Grenzen von Beruf und Privatem auflösen, das Eine in das andere fließt, wirkt dieses zarte Mädchen, das darum kämpft, nach der Mutter sich selbst nicht auch noch zu verlieren, besonders schutzbedürftig. Das nimmt sehr für sie ein. Allerdings muss die Gegenwart selbst imaginiert werden, und das ist der Nachteil.

Das Ende hat mich stutzen lassen, es ist rasch herbeigeschrieben, aber nicht inplausibel. Schaut man genauer hin, auch nicht überraschend, aber radikal. Eben Magdalena Jagelke. Lesenswert!

 

 

Über die Autorin
Magdalena Jagelke, 1974 in Polen geboren, lebt seit 1986 in Deutschland. Sie hat Anglistik und Bibliotheks-/Informationswissenschaft studiert. Merck-Stipendiatin 2013. Bei CulturBooks erschienen: Sich in Polen einen Bob schneiden lassen. Storys. Digitales Original. CulturBooks Album, Januar 2015. 55 Seiten. 3,99 Euro. Zum Buch. Bei Voland & Quist erschienen: Ein gutes Verbrechen, 2018, 120 Seiten, 16,00 Euro.

 

 

Termine mit Magdalena Jagelke

  • 21.09.2018  20:00, Traumathek, Köln

  • 11.10.2018  17:00, OPEN BOOKS im Frankfurter Kunstverein, Frankfurt am Main

Eine tiefschwarze Liebeserklärung an Berlin


13 Kurzgeschichten, 13 Blickwinkel, 13 Stadtviertel – und 13 faszinierende Teile eines größeren Puzzles. Berlin Noir, erschienen bei culturbooks

Von der Faszination der Großstädte. Der Herausgeber Thomas Wörtche schreibt in seinem Vorwort über die Faszination der Großstädte:

„… Berlin macht es dem Noir nicht leicht. Oder ganz leicht. Die Tradition ist beeindruckend, wirkmächtig und auch beängstigend ….“

Ob Franz Hessel als Flaneur durch Berlin, Christopher Isherwood als Beobachter und Teilnehmer städtischer Subkulturen, Gottfried Benn und seine Gedichte aus der Morgue über Menschen, deren Leben in Berlin beendet ist, die sich als Leichen auf dem Seziertisch wiederfinden, mit Schlingpflanzen im Haar und Ratten, die in ihnen nisten.  Und Joseph Roth beobachtet und beschreibt genau, voller Liebe im Scheunenviertel Menschen auf der Suche nach einem besseren Leben, einer Bleibe, einem Platz: Juden auf Wanderschaft.

Die Stadt ist ein Faszinationspunkt für Schriftsteller. Berlin bietet alles, was das Schriftstellerherz begehrt, und zwar konzentriert. Eine Stadt voller Möglichkeiten, eine Stadt, die alle aufnimmt – für jeden ein Plätzchen hat, und wenn es nur eine Parkbank ist. Gleichzeitig behandelt Stadt den Einzelnen achtloser, gibt es ein Nebeneinander zwischen Reich und Arm, trifft arm auf besitzend, krank auf gesund. Miteinander, Gegeneinander. In Berlin Noir wird der Einzelne herausgehoben. Einzelschicksale vor großer Kulisse.

Die Vorliebe des Krimis für das dunkle und Abseitige ist der Kriminalgeschichte zu eigen, und es ist Grundmotivation für den Kauf und das Lesen solch einer – und Berlin Noir gibt dem Affen Zucker. Meine größte Sorge war, in Berlin Noir auf Geschmacklosigkeiten zu treffen, die mir seit Jahren das Krimilesen verleiden: Null motivierte Verhaltensweisen bei Serienschlächtern, es wird ausgeweidet, was das Zeug hält, aber weit und breit kein Motiv oder Grund für die Taten. Genauso schlimm oder noch schlimmer: Die gute alte Zeit, Kriminalromane, die gern in den Dreißiger Jahren spielen, voll mit Flüsterkneipen, Koks und einer Sprache, die sich blechern anhört. Gute Nachricht. Keine der Kurzgeschichten in dem vorliegenden Band ist so aufgezogen.

Die Kriminalgeschichten in Berlin Noir sind nach Bezirken geordnet. Es muss nicht ein Mord im Mittelpunkt stehen, schon gar nicht deren Aufklärung. Interessanterweise haben sich die dreizehn Autoren von der Ahndung von Straftaten erstaunlich freigemacht. Fehlt ein Ermittler, Ermittelnder, wird keine Sühne mehr gefordert, dann sind wir in den Zustandsbeschreibungen einer Gesellschaft.

Berlin Noir ist aber nicht nur ein Spaziergang mit Getriebenen, Verirrten & Verwirrten durch die Berliner Bezirke, sondern oft ein Schlaglicht, der Versuch eines Abbildes im Hier und Jetzt. Der Beginn von RAMMELBULLEN, Kai Hensel, ist eine Fotografie, die das Benehmen der Berliner Polizisten auf dem letztjährigen Hamburger G20 Gipfel zum Anlass abbildet:

„…einer der größten Polizeiskandale der vergangenen Jahre. Drei Berliner Einsatzhundertschaften sind von der Hamburger Polizei aus der Hansestadt verwiesen worden. Grund: Ungebührliches Verhalten! …“

Gezeigt werden die persönlichen Auswirkungen auf die schmähliche Heimsendung an von zwei Familien. Hier wird Entgleisung geschildert, mit einem knalligen Schluss. RAMMELBULLEN ist mehr eine Kurz-, denn Kriminalgeschichte; die Heimsendung lässt eheliche Konflikte in zwei Polizistenfamilien aufbrechen, Hensel zeigt ein Dilemma auf: zu viel zu tun, zu wenig Geld, Erschöpfung. Das am Ende ein Gesuchter dingfest gemacht wird, hat nichts mit Polizeiarbeit, nichts mit ermittlungstaktischer Arbeit zu tun, eher etwas mit dem Autorenwillen zum Happy-End. Der Leser atmet auf: Denn so sympathisch wurde die Polizei selten beschrieben.

Die Kurzgeschichte wird oft totgeschrieben, nach Lektüre von Berlin Noir bleibt festzustellen; der Leiche geht es gut. Berlin Noir ist auch ein gediegener Gang durch Kneipen, Kaschemmen und Fuselbuden.

Es ist kurzweilig und vor leberschonend, eine Kneipentour zu machen, ohne

„…die nächsten Tage verkatert und noch deprimierter als sonst von seinem unerschöpflichen Arsenal an Frustgedanken zerschossen zu werden ….“

wie Miron Zownir in seiner Kurzgeschichte ÜBERSTUNDEN eine Figur in einem trostlosen Etablissement auf der Kurfürstenstraße grübeln lässt. In ÜBERSTUNDEN sind alle Figuren gründlich gescheitert. Zownir entwirft knapp und präzis Leben, von denen das eine aber so unvermutet entgrenzt aufscheint, dass wir schaudern.

Trotz des Kriminalsujets sind die Stories durchgängig figurenorientiert erzählt. Bemerkenswerte Charaktere tun sich auf, wie der nicht auffindbare Nick in SO36 von Johannes Groschupf. Die Schilderung eines Abwesenden ist mehr als eine Tartuffsche Einführung, die Suche nach ihm durch alle Kneipen um den Heinrichplatz, die Oranienstraße runter ist so gut gelungen, dass der Leser am Ende in den Klagegesang der Frauen beim allsonntäglichen Bingospielen einstimmen möchte. Oft macht nicht die Story oder das handelnde Umfeld die Figuren interessant – sondern das Abseitige in ihnen.

 

Fazit: Berlin Noir ist eine Reise durch die Stadt, besser als im Sightseeing-Bus. Berlin Noir zeichnet sich besonders durch eine besondere Lebendigkeit der Figuren aus, auch weil sie sich in einem klar erkennbaren Heute befinden, auf ihre Umwelt reagieren – auf welche Art und Weise auch immer. Von dreizehn Autoren entstehen Momentaufnahmen, Schreiben mit Kamerablick, wie Christopher Isherwood es von sich forderte. weil näher dran. Berlin Noir ist ein langer Budiken-Besuch und ein Kulturführer der besonderen Art.

 

Über das Buch: Berlin Noir. Herausgegeben von Thomas Wörtche. Mit Originalgeschichten von Rob Alef, Max Annas, Zoë Beck, Katja Bohnet, Ute Cohen, Johannes Groschupf, Kai Hensel, Robert Rescue, Susanne Saygin, Matthias Wittekindt, Ulrich Woelk, Michael Wuliger, Miron Zownir. Paperback. CulturBooks, 1.März 2018. 336 Seiten. 15,00 Euro (D), 15,50 Euro (A). ISBN 978-3-95988-101-2. eBook: 9,99 Euro

#verlagegegenrechts

Zoë Beck

Es war fürchterlich anstrengend. Das Bündnis auf die Beine zu stellen und sich quasi von Tag 1 an gegen Anfeindungen (aus allen Richtungen) wehren zu müssen, die Veranstaltungsreihe „Die Gedanken sind bunt“ mit 13 Podien zu planen, Materialien zu organisieren, Interviews zu geben, Kampagnenarbeit zu leisten … Natürlich war es anstrengend. Dazu die Anspannung, die durch die täglich eintreffenden Drohungen (von Rechts) beständig wuchs, und ganz nebenbei haben alle von uns noch ihre übliche Arbeit zu leisten. Kurz vor der Messe hätten wir schon Urlaub gebraucht, ein halbes Jahr mindestens, einsame Insel, von mir aus auch Finnland, da sprechen die Menschen wenigstens nicht so viel.29315196_557763147929902_8758297322888101888_n

Und jetzt, hinterher, sind wir glücklich und froh und irgendwie auch ein wenig stolz, dass alles so wundervoll gelaufen ist, viel besser, nein: sehr viel besser, als wir auch nur zu hoffen gewagt hatten.

Die Kundgebung auf dem Augustusplatz am Mittwoch vor der offiziellen Eröffnung…

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Ein neuer mikrotext. Elke Brüns mit Unbehaust

Termin: E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a. Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. 

 

…Wohnen und Nichtwohnen sind keine einfachen Tatbestände, sie sind umgeben von Fantasien, Ängsten und Wünschen….

Der mikrotext von Elke Brüns, erschienen November 2017 widmet sich in beschreibender Form der Kulturgeschichte der Obdachlosigkeit, beleuchtet die gesellschaftlichen Folgen für Wohnungs-, Obdachlose, Nomaden und Flüchtlinge.

Akribisch nimmt sich die Autorin dem Unbehaustsein an, ihr Essay spürt den Zuweisungen der Dach- und Wohnungslosigkeit nach. Elke Brüns, die als Dozentin an der Universität Greifswald lehrt und zu Armut forscht, trennt in ihrem Essay zuerst die Real- von der Imaginationsgeschichte der Obdachlosigkeit. Es geht in Unbehaust nicht um die soziale Frage des Warum Obdachlos, sondern um die Kulturgeschichte des Unbehaustseins. Daneben zeigt die  Autorin imaginationsgeschichtliche Prozesse; wie den freien Vogel in der Geschichte der Romantik. In losen Kapiteln nähern wir uns dem Mythos, der seit der Romantik um die Obdachlosigkeit gesponnen wird, was weiter lebendig einwirkt auf künstlerische Prozesse, in der der Obdachlose zum Antihelden, sogar zu einem heimlichen Ideal für Literatur, Film und Fotografie wird.

Der Obdachlose ist das Sinn- und Zerrbild einer Gesellschaft, eine lebendige Frage: Wie helfen? Wem soll man helfen? Wem soll man denn noch alles helfen? …

Zur Faszinationsgeschichte der Unbehaustheit: Die romantische Deutung einerseits nimmt sich des Menschens ohne Obdach als einer Kultfigur an, frei von Fesseln und Zwängen des bäuerlichen und bürgerlichen Lebens. Elke Brüns nennt es zutreffend …. Die Sehnsuchtsgestalt der Vagabondage…  Imagination einer Gestalt, die sich aus bürgerlichen Zwängen befreit. Joseph von Eichendorff lässt in seinem Roman Aus dem Leben eines Taugenichts einen Antihelden auferstehen, der Heimat, Haus und Hof verlässt, das Joch der strengen Pflichten abschüttelt und frei aller Verantwortung in die Welt hinaus zieht. Die Freiheit wird gesucht, das Entdecken und das Sich-Entdecken. Arbeitsnorm, Einhaltung von Tradition und Gesetz sind unnütz. Der Taugenichts ist der erste deutsche Punk, ein Aussteiger. Die Intention des Geschriebenen bei Eichendorff liegt  nicht nur in der Lust an der Provokation begründet, sondern ist auch ein Hinterfragen von Gesellschaftsordnungen und Werten, die dem Leser über die Figur nahegelegt werden. Aber das ist auch ein Problem: Es ist ein romantisiertes Bild – eine Figur, die die Lesenden am Ofen wachrütteln soll. Denn geschrieben wurde der Taugenichts mitnichten für Vogelfreie, Unbehauste und Obdachlose.

Die Wirklichkeit der Obdachlosigkeit sah anders aus. Landfriedenserlässe aus dem 13. Jahrhundert, die sich an Stand und Ort knüpfen, haben für Vagabunden (Vagierende) die keinen festen Ort ihr eigen nennen können, mehrere rechtliche Deutungen:  Rechtlosigkeit. Ehrlosigkeit. Vogelfreiheit. Ein Dekret aus England aus dem Jahr 1547 geht noch weiter: Aufgegriffene Land- und Obdachlose konnten versklavt werden, durften in Ketten gelegt, ausgepeitscht und verliehen werden. Im Falle des Todes des „Besitzers“ wurden die Aufgegriffenen an die Nachkommen vererbt.

Neben dem sehr informativen historischen Abriss geht Elke Brüns auf Darstellungen des Obdachlosen in Film und Fernsehen ein. Hier wird Obdachlosigkeit zur Typage. Eine Ausnutzung des Klischees wird zeitsparend genutzt. Denn: zwei Tüten, ein schlurfender Gang und Schlafen an öffentlichen Orten, das kann doch nur …  Dass die Typisierungen oft genug nicht demontiert, aufgebrochen, sondern im Gegenteil noch ausgestellt werden, um wie im Schauerroman Furcht und Schrecken zu verbreiten, dekliniert die Autorin in Kapitel 1 durch, Überall und nirgends, indem sie Fernsehkrimis und Tatorte analysiert. Es ist natürlich richtig, dass Film durch seine Sichtbarkeit und Begrenzung dazu neigt, Typen hinzustellen, die nicht erklärt werden brauchen, so muss keine Figur erschaffen werden. Aber es ist kein berechtigter Einwand, sich einer Typage zu bedienen. So bleibt der Mensch verborgen hinter der Zuschreibung. Es stellt sich heraus: Allzu oft sind Obdachlose in Film und Fernsehen ihrer Wirkform nach Sozialfiguren des Elends. Sie sind für den Zuschauer der unverstellte Blick auf Armut im Wohlstand, grauselige Furchtfigur für Kinder.

…Der Unbehauste ist in einem greadezu skandalösem Maß allem ausgesetzt – dem Wetter, dem Lärm, seinen Mitmenschen. …

Was bleibt:

In Deutschland gibt es gibt keine gesicherten Erhebungen zu der Anzahl von Personen ohne ständige Bleibe. Nach Schätzungen der Sozialverbände haben 20.000 Berliner keine Wohnung, daher ernannte die Berliner Zeitung flugs Berlin zur Hauptstadt der Wohnungslosen. Eine halbe Million ohne Obdach sind es deutschlandweit.

Der lesenswerte Essay zur Obdachlosigkeit von Elke Brüns hat nicht zur Intention, den Obdach- oder Wohnungslosen auszustellen, dieses Eriginal legt unseren Blick frei, entkernt die Angstmechanismen der Menschen mit Behausung. Zurück bleibt die berechtigte Frage: Warum wurde Nomadentum zur Obdachlosigkeit und strafbar – und wenn das bürgerliche Modell des Behaustseins die Norm ist – wie helfen?

Über die Autorin: Elke Brüns lehrt als Privatdozentin für deutsche Literatur an der Universität Greifswald und an der NYU Berlin. Sie forscht seit Jahren zu Armutsbildern.

 

Erschienen am 8. November 2017, Original-E-Book
ca. 100 Seiten auf dem Smartphone, mit Bildern von Uli Fischer, Boris Mikhailov, Dominique de Rivaz, Bas Timmer
ISBN 978-3-944543-54-3, erhältlich:
Amazon beam Buchhandel.de Buecher.de Google Play Hugendubel iTunes Kobo Thalia Weltbild und im Buchhandel.

 

 

Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein culturbook von Cornelius Adebahr

Vor dem Hintergrund der jüngsten landesweiten Proteste im Iran, beginnend im Dezember 2017 las ich den Reise- eher Aufenthaltsbericht, des Politikwissenschaftlers Cornelius Adebahr, Im Iran: Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, ca. 361 Seiten, erschienen im November 2017 bei culturbooks.

Die Proteste 2017/18 im Iran waren wie immer schwer zu rezipieren. Durch die Zensur sind Nachrichten, Features und Stimmungsbilder oft gar nicht vorhanden. Sofort wurden in den Nachrichten Vergleiche mit den Protesten 2009 im Iran heraufbeschworen, deren kollektives Sinnbild Sterben einer jungen Frau ausmachte.

Aber anders als 2009, als die Gründe für den Marsch auf die Straße Wahlbetrug hießen, sind die Ursachen der jüngsten Proteste, die dieses Mal vom Land in die Städte stießen, andere: Eine hohe Arbeitslosigkeit gerade unter jungen Menschen, gestiegene Lebenshaltungs- und Konsumkosten, bedingt durch den Wegfall von Subventionen. Inflation und Wassermangel nicht zu vergessen.

Aber der Iran muss mehr sein als Streiks und Proteste, die eine ungleich große Aufmerksamkeit erfahren. Der Iran muss mehr sein als der andauernde Streit um das Atomwaffenprogramm, mehr als der Sturz des letzten Schahs, mehr als der Ayatollah Khomeini. Das unvollständige Bild in den Medien zum Rezipienten sucht Cornelius Adebahr zu ergänzen.

Vor dem Hintergrund der Knapp- und Kargheit zu Informationen aus dem Iran ist das Buch Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft, mit atemberaubenden Bildern, ein Gewinn. Der Autor hielt sich im Iran ab 2011 als mitreisender Ehegatte und betreuender Vater von zwei Kleinkindern im Iran auf. Diesen Reisebericht, dieses Sachbuch zu lesen, ist wie durch den Vorhangspalt auf eine Bühne zu schauen.

Es ist ein Stilmix aus faktenbasiertem Wissen; in den Kapiteln zum Atomprogramm und dem theologischen Exkurs zwischen den Glaubensrichtungen der Schiiten und Sunniten ist die Handschrift des Wissenschaftlers zu spüren. Diese Kapitel bieten einen breiten Exkurs, um die jetzige Rolle des Iran und des Iran im Nahen Osten zu verstehen. Es wird aber auch ein Blick auf Familien gewährt, die zerrissen sind, wie die Familie einer Mutter, die ihr letztes Kind von fünf nach Amerika verabschiedet. Es wird über Nationalstolz und Verhaltensregeln geschrieben und auch darüber, zu welchen Blüten und Kuriositäten eine Zensur fähig ist. Es erinnerte ein wenig an die DDR. Am besten wird dieser politische Kulturführer, wenn der Autor dieses riesige Land bereist, auf Menschen trifft und er eine Ahnung bekommt, wie unvollständig sein (unser) Wissen zum Iran bisher war.

…Er wartet, dass etwas in diesem Land passiert, etwas, das auch seinem Leben neue Freiheit, neue Möglichkeiten, eine Richtung geben wird. Er ist bestens über die Neuigkeiten des Tages informiert: Heute wieder Kriegsschiffe in der Straße von Hormus. Die Regierung sagt, die Sanktionen hätten keinerlei Wirkung. Sein Freund von den Ölfeldern im Süden wurde aber nach Hause geschickt, weil dort nichts mehr läuft. Die Währung verfällt, der Dollar ist auf einem Allzeithoch. Wieder wurden Journalisten verhaftet, wieder ist das Internet gesperrt.

Doch obwohl in Iran so vieles schiefläuft, wie er sagt, will er nicht in Europa wohnen. Dafür ist ihm seine Heimat zu wichtig. »Ich liebe Iran, und mein Job ist hier …

Der Autor macht sich daran, dem Leser eine ungewohnte Blickrichtung zu eröffnen. Vom Iran auf die USA und Europa. Konfrontationen der Weltpolitik aus einer angenehm ungewohnten Perspektive. Der Autor lebte von 2011 bis 2016 in Teheran und dann in Washington, D.C. Als Politikwissenschaftler, Ehemann einer deutschen Diplomatin und Vater zweier heranwachsender Söhne. Die Schnippsel und Episoden über das Auswärtige Amt blieben für mich blass,  denn ich wollte etwas über den Iran erfahren, nicht über das Gefühl von Diplomatenfamilien auf Auslandseinsätzen; aber es lässt sich mit einer Leichtigkeit über diese Reminiszenzen hinwegsteigen.

Am 25. Januar 2018 wird eine Lesung und anschließendes Gespräch mit dem Autor Cornelius Adebahr im Radikal Light, Berlin, s.u. stattfinden.

Cornelius Adebahr: Im Iran. Wenn Weltpolitik auf Menschen trifft. Ein Reisebericht und Kulturführer. Digitales Original. CulturBooks Longplayer, Oktober 2017. Circa 200 Seiten. 5,99 Euro. ISBN 978-3-95988-083-1
Tags: 
Ab 20. November 2017 erhältlich u.a. bei
CulturBooks MyBookShop Amazon buecher.de Kobo eBook.de Osiander Mayersche

 

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Dr. Cornelius Adebahr (Autor, Politikwissenschaftler, culturbooks) Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

Neu: Die Edition Elektrobibliothek und wieder neu: «Die Befragung des Otto B.» von Wolfgang Schiffer

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Den Anlass zur Befragung gibt eine Tat des B., deren Umstände beleuchtet werden, im besten Fall, so scheint es anfangs, soll eine Nachvollziehbarkeit der Ereignisse angestrebt werden, die zu dieser ein wenig unsinnigen, trotzdem strafbar zu ahndenden Tat trieben. Die Frage, die sich stellt: Ist der Endpunkt –die Tat- logisch oder verfehlt, aber folgerichtig?

Der P. befragt den B. Das ist Inhalt, Ordnung und Struktur in der Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffers erste Prosaarbeit. Das Ende der Spielhandlung sind die Siebziger Jahre der Bundesrepublik. Es schließt sich eine Erzählung über Lebensweisen, über Sinnsuche und Sinnhaftigkeit an. Der Justizbeamte nimmt Systeme hin, der andere lehnt sich dagegen auf, findet seinen einen Platz im Leben nicht. Die Befragung erstreckt sich über mehrere Tage,  B. gibt sich und dem Justizbeamten Auskunft über seine Menschwerdung, über den Zweifel und das Scheitern. B. erleichtert sich geradezu. Er legt alles offen, zum Beispiel, was er über seine Zeugung hörte, ein Unfall, aber naja – er ist von einer Offenheit, von einer Bekenntnislust, die bei allen Abschweifungen für ihn einnimmt.

Dem B. sitzt P. gegenüber – Justizbeamter. Zwei fremde Lebenswelten. Der P. strukturiert den Ablauf. Jeden Abend nach Hause, er geht ein Bier trinken, wenn er zu früh Feierabend hat, weil er den Rhythmus seiner Frau nicht stören will, die ihn zwar nicht zu spät erwartet, aber auch nicht zu früh. Hat der B. sich selbst von seinen ausschweifenden Betrachtungen fesseln und mitreißen lassen, dann geht P. mit einem leisen Bedauern nicht in die Gastwirtschaft, um eben nicht zu spät zu kommen, weil zu spät kommen auch störend wäre im Tagesablauf seiner Frau. P. wirkt blass, weil der Leser ihn nur über seine Pflichten, Arbeit, Heimweg, Eheleben wahrnimmt, die allesamt von Rücksichten geprägt sind, die der Justizbeamte nicht hinterfragt, nicht hinterfragen möchte, weil es sicherer für ihn ist.

B. hingegen hat sich der Frage gestellt. Warum und vor allen Dingen: Wozu? Das alles?

«…Die heutige Befragung wird beendet und ihre Fortführung auf den Mittag des folgenden Tages festgesetzt. …»

In der sehr lesenswerten Nachbemerkung, entstanden im Sommer 2017, nennt Wolfgang Schiffer die Befragung des Otto B. sein erstes literarisches Werk (Erstveröffentlichung 1974, Claassen Verlag) und geht auf die Entstehung und jetzige Wiedererscheinung im digitalen Format und biographisches Schreiben ein. Der Autor bekennt sich zu den autobiographischen Zügen, die das Werk hat, mehr noch: Er sagt aus,  dass dieses Prosastück die Möglichkeit war, sich eine mögliche Existenz zu denken, sie auf dem Papier vorweg zu nehmen, auszuleben. Die Befragung des Otto B. ist aber mehr als nur Sozialisationsgeschichte eines Autors, sondern stellt einen heranwachsenden Menschen in seine Zeit, lässt ihn die Auswirkungen des westdeutschen Wirtschaftswunders erleben, das Dilemma der Nachkriegsgeborenen erleiden, die die Stille und das Schweigen zur jüngsten Geschichte erst an den Autoritäten zweifeln, dann verzweifeln ließ. Kalter Krieg, Nato, Verkrustungen. RAF.

Der Autor schlägt in der Nachbemerkung den Bogen zur Jetzt-Zeit; wäre ein solcher Held noch denkbar, in einem Kosmos, in dem sich der Freiheitsbegriff so unglaublich gewandelt hat – in dem Freiheit mit Freizeit verwechselt wird? Der Autor beantwortet die Frage nicht ausdrücklich, sondern gibt sie an den Leser weiter,  verleugnet dabei seinen kulturpessimistischen Standpunkt nicht.

Lesenswert.

Die Befragung des Otto B., Wolfgang Schiffer, E-Book
Preis: 2,99 €

Zur Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag. Die Edition Elektrobibliothek wurde 2017 als E-Book-Format ins Leben gerufen, mit den Worten:

«…Für die Edition Elektrobibliothek gilt: In der Edition Elektrobibliothek im Verbrecher Verlag erscheinen nur Texte von lebenden Autorinnen und Autoren. Es geht um Gegenwart.

In der Edition Elektrobibliothek werden ausschließlich Romane, Erzählungen und weitere epische Formen sowie Essais veröffentlicht.

In der Edition Elektrobibliothek erscheinen ausschließlich auf Deutsch verfasste Texte, was nicht heißen muss…. »

Der Name Edition Elektrobibliothekt ist einem Statement ist des russischen Konstruktivisten El Lissitzky entliehen, der 1923 so seine Topographie der Typographie ankündigte. Am 25.Januar 2018 wird ein Gespräch mit dem Verleger Jörg Sundermeier  im Radikal Light, Berlin, stattfinden, auf dem er das Programm der Edition Elektrobibliothek vorstellt und sich zur Radikalität von EBooks verhalten wird.

Veranstaltungsankündigung: 25/01/18
E-RSTAUSGABE 1 – DIE RADIKALITÄT VON EBOOKS
Die Literatur-Bloggerin Tania Folaji und die Verlegerinnen Zoë Beck (CulturBooks),Christiane Frohmann und Nikola Richter (mikrotext) stellen politisch oder sozial radikale E-Books vor und diskutieren das grundsätzliche Radikal-Potenzial von E-Books, aber auch, was 2018 »Schönheit« und »Relevanz« überhaupt bedeuten. Gäste: Elke Brüns (Autorin, mikrotext), Jörg Sundermeier (Verleger, Verbrecher Verlag) u. a.

Radikal light befindet sich im UG des Restaurants Chaostheorie Berlin in der Schliemann Straße 15 in Berlin.

 

 

 

Jan Kuhlbrodt sinnt Über die kleine Form. Schreiben und Lesen im Netz

 

Dieser neue mikrotext widmet sich der Frage: Brauchen digitale Formen ein neues Leseverständnis wie einen neuen Schreiber? Wäre Nietzsche heute ein Blogger, ein Instagramer gewesen? Braucht es ein neues Schreiben und ein neues Leseverständnis für die digitalen Kulturen?

Jan Kuhlbrodt reißt in seinem Essay Fragen an, die interessieren. Wie das Befassen und Verfassen besser zu begreifen sei. Denn die notizenhaften Eindrücke, die bei der morgendlichen Facebooklektüre gesammelt werden, ergeben für den Leser ein rundes Ganzes. So wie früher die Tageszeitung der Morgenmittler zwischen Ich und Außen war, so ist es jetzt Facebook. Das Eingeständnis von Jan Kuhlbrodt, das vor der morgendlichen Zeitung Facebook steht, kann ich nur bestätigen. Facebook ist aber keine Zeitung. Die Form ist eine andere – auch auf jeden anhand seines persönlichen Klick- und Like-Verhalten zugeschnitten. Jan Kuhlbrodt versucht, mit Kleine Form, Lesen und Schreiben im Netz, das große unvollständige Ganze wie eine Momentaufnahme zu begreifen und abzubilden, und es ist gut, das ein Autor innehält und zuerst sich befragt: Was machen wir da eigentlich? So kuscheln in dem Text ganz angenehm Essayistisches und Biographisches miteinander.

Schreiben und Lesen, Aufnahme und Wiedergabe. Die Kürze, die Beliebigkeit, Tagesaktuelles und Befindlichkeiten  (die klassische Informationsnull) wechseln sich rasant ab. Ich beginne mit dem Lesen im Netz und stelle die Frage: Warum bin ich abgestoßen von manchen Beiträgen oder was zieht mich an? Mit der Person des Schreibenden hängt es nicht zusammen, als normaler Facebooknutzer kenne ich die meisten meiner Gemeinschaft gar nicht, sie interessieren mich nicht als Person. Was ich erhoffe, ist Information, die mich interessiert.

Aber warum haftet manchen Beiträge eine gewisse Stinkigkeit an, obwohl sie gar keinen psychischen Aufwand von mir erfordern müssten? Warum gehe ich mit Facebook nicht um wie mit einer Tageszeitung, also distant? Wieso sehe ich Facebook nicht als das, was es ist, ein für mich generiertes Abbild meiner Interessen, die in Klicks gemessen wurde?

Jan Kuhlbrodt: „…Zunächst erschien mir die Netzwelt als ein Überangebot, es war ein Gefühl wie 1989, als ich das erste Mal einen West-Berliner Supermarkt betrat. Ich war von der Warenmasse überfordert und war ja auch nur zufällig hineingeraten, wusste gar nicht, was ich wollte und ob ich überhaupt etwas brauchte ….“

Das trifft es. Erst das Unbegrenzte, dann das Stimmengewirr, das ist es, was auf jeden einschlägt, der auf Facebook trifft. Aufrufe, Hilfeersuchen, Unterschriftenaktionen, Selbstdarstellungen, Poesiebucheinträge, Meinungen – und Gegenmeinungen. Komplementäre Wahrnehmungs- und Mitteilungsmodi, wird es in den Kleinen Formen zutreffend genannt.

Bei dieser Art Modi wird ein Ich immer versuchen, zwischen Richtig und Falsch zu scheiden. Die Summe der Entscheidungen, die die meisten Menschen schon vor dem Frühstück treffen müssen bewirkt, das nach der morgendlichen Facebooknutzung das erste Bedürfnis nach Schlaf entsteht.

Die Verstärkung der Stimmen durch viele Posts gleichen Inhalts (mit anderer Aufmachung) stellen sofort ein Gefühl einer Dringlichkeit, eines Handlungsbedarfs her: Meist sollen gesellschaftliche Probleme aufgezeigt werden –bei Formen wie #metoo – wird die Relevanz des Problems bewusst gemacht – andererseits gibt es Menschen, die schon immer die diffuse Ahnung hatten, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit um eine GmbH handelt. Und wenn dann zwischen Hundefotos immer wieder der Verdacht genährt wird, dass es sich bei der BRD um eine verbrecherische Unternehmung handelt, kann Facebook dem Einzelnen durch schiere Materialfülle vorgaukeln, dass die Reichsbürger recht haben.

Auch beachtenswert: In der Wahrnehmungspyschologie gibt es einen folgenden Merksatz. Je mehr Menschen auf einer Meinung bestehen, umso richtiger erscheint sie – auch bei vorheriger Ablehnung und  umso schwieriger ist es für den Einzelnen, auf konträre Meinung zu bestehen.

Jan Kuhlbrodt: „…Facebook verlangt noch kürzere Beiträge. Aphorismen. Längeres wird ausgeblendet und muss angeklickt werden. Aber Facebook ermöglicht auf diese Weise die Serie. …“

Die Serie. So kann serielle Vielstimmigkeit entstehen, wie kürzlich bei dem #metoo-Aufschrei, der sich verbindet und aus einer einzelnen Gewalttat das macht, was sie ist. Ein gesellschaftliches Problem. Und es wäre in der Tat anders, würde erst ein Redakteur #metoo Fälle sammeln, sie aufschreiben, redigieren und dann bereinigt in Buchform bringen. Das Buch ist im Nachteil, aufgrund der zeitlichen Distanz bis zur Veröffentlichung und: da das Buch Werk von vielen Machern ist, würde #metoo auch einem Authentieverlust unterliegen. Bei solchen Aktionen zeigt es sich wieder, wie einzigartig, Facebook und Co. wirken können.

Die größte Hürde und Gefahr der Missverständlichkeit für Schreiber liegt in der Kürze des Mediums. Kürze bedingt einen konzentrierten Ausdruck. Pointiert ohne das Wider auszulassen. Und es ist eine Kunst, sich verkürzt mitzuteilen, ohne in Stammtischgebrabbel zu verfallen. Zu große Verkürzung wird ein Sachverhalt einseitig, verflacht, bzw. erweist sich als schlicht falsch. Es gibt –einige wenige Stimmen- die zu einer schönen Artikulation im Medium, nehmen wir Facebook, gefunden haben. Der größere Teil meiner Facebook-Timeline ist aber jeden Tag voll von Statements, Behauptungen und Fragen, die, so scheint es, absichtsvoll in den Raum geworfen werden, um Reaktionen zu provozieren, wobei oft eine Absicht peinlich durchschimmert, dass mir blümerant wird.

Nach der Kürze macht sich das zweitgrößte Problem an der Rolle des Sprechenden in bezug auf das Dargestellte fest: Gemessen an der Wirkung auf den Lesenden halte ich es für schädlich, wenn Autor YX dazu aufruft, seinen Wikipedia-Eintrag zu überarbeiten. Oder Autoren aller Veröffentlichungsgrade, die sich selbst anpreisen: Aufregend und noch nie dagewesen, mein Gruselhit im November: Arm, ausgesetzt und hilflos …. 99 ct. Ebenfalls immer wieder sehr unbeliebt in meiner Wahrnehmung: Das ist ja kaum zu fassen! Ich habe ganz unverhofft den Käthe-Püppchen-Preis — nein! So happy! 

Was bringt mich dazu, diese doch notwendige Form der Selbstentäußerung zum Zwecke der Wahrnehmung abzulehnen? Ganz einfach. Es ist Werbung. Wenn das Subjekt sich zum Objekt macht, dann stinkt der Fisch.

Also: Hätte Fr. Nietzsche gebloggt, sich seiner Facebook-Timeline bis zum Erbrechen bedient, hätte korrespondierend dazu Lou Salome auf Instagram noch mehr Fotos von lustigen Kutschfahrten gepostet, dann wäre a) eine Dialektik entstanden, die der Sache beider gedient hätte, wäre also interessant bemerkenswert gewesen und b) hat Friedrich N. sich erst einmal Gedanken um die Welt, so wie er sie sah, gemacht – woraus seine Produktion entstand – und nicht umgekehrt. Und da liegt der Hase auch im Pfeffer: Von der Sicht, Anschauung, Meinung hin zum Post. Sich öfter dialektisch mit anderen Äußerungen verhalten – und immer bedenken, dass das Sekundenabbild der Meinung u. U. auch den Tag überdauern sollte.

Jan Kuhlbrodt hat auch noch Biographisches über Bob Dylan in petto:

„Blowin in the Wind (…) denn das hatten wir im ostdeutschen Englischunterricht singen müssen, und es galt unseren Lehrern als Beleg für Dylans antiimperialistische Position. …“

Das ist mein Madeleine-Moment mit Bob Dylan. „Blowin in the wind“ mussten wir ebenfalls, im westdeutschen Englischunterricht übersetzen, lesen und singen. Unsere begeistert mitsummende Englischlehrerin hatte einen Kassettenrekorder auf dem Tisch und spielte uns Strophe für Strophe vor. Wenn sie mit ihrem Bleier hektisch das Kassettenband wieder in die Spule zurückdrehte, dann hatte ich nur ein Kopfschütteln für ihre naive Begeisterung übrig.

Fazit: Ich meine, neues Lesen und Schreiben im Netz verlangt eine neue Form der Bürgerhaftigkeit, des Sich-Einbringens. Und eine neue Form der Distanz, die darüber erreicht werden könnte, dass Posts nicht mehr als Stimmen, als orales Medium, sondern als geschriebenes Wort des Einzelnen wahrgenommen werden. Über die kleine Form ist ein interessantes Eriginal über neues Schreiben und Wahrnehmung auf Seiten der Lesenden, das sich anpasst. Lesen und Schreiben im Netz ist voller Denkanstöße und Wahrnehmungen – ein Buch,  das fortgeschrieben werden sollte. Auch Gegenpositionen oder Gegensätzlichkeiten kann Jan Kuhlbrodts Essay vertragen, um wie Chorstimmen das Heute, Hier und Jetzt im Netz abzubilden.

 

Jan Kuhlbrodt, Über die kleine Form, ein mikrotext, 6. September 2017
ca. 60 Seiten auf dem Smartphone
ISBN 978-3-944543-57-4
Erhältlich bei:
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